30/06/2009 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Allschwil

Polit. Gem. BL, Bez. Arlesheim, am Rand des Sundgauer Hügellands und der oberrhein. Ebene gelegen. Ab der 2. Hälfte des 19. Jh. entwickelte sich A. von der Streusiedlung zum Strassendorf und zur Vorortsgem. Basels, mit dem das Dorf durch den Ortsteil Neu-A. verbunden ist. 1118 Almswilre. 1578 341 Einw.; 1771 754; 1850 1'007; 1900 3'096; 1950 7'900; 1970 17'638; 2000 18'131.

Spuren aus dem Mittelpaläolithikum, Becher der Glockenbecherkultur, ein mittelbronzezeitl. Hortfund (verm. Metalldepot) und die hallstattzeitl. Talsiedlung "in den Vogelgärten" sind frühe Belege menschl. Anwesenheit. Das 1937 in Neu-A. geortete galloröm. Brandgräberfeld (ca. 25-60 n.Chr.) gehört zu den ältesten der Nordschweiz. Über die Identität von A. mit der röm. Strassenstation Arialbinum ("Itinerarium Antonini", "Tabula Peutingeriana") wird in der Fachwelt diskutiert.

A. war Teil der Herrschaft Birseck, die 1004 als kaiserl. Schenkung an den Bf. von Basel gelangte und bis zur Mitte des 15. Jh. öfters verpfändet und verkauft wurde. Als verkehrsstrateg. bedeutender Grenzort und Umschlagplatz der Herrschaft (Verbindung Elsass-Solothurn via Passwang, unter Umfahrung Basels) war A. eine wichtige Zollstätte und beherbergte bis 1724 das Salzmagazin der nördl. Vogteien des Fürstbistums. A. gehörte zu den sog. Sieben freien Dörfern (Vagantes extra civitatem Basiliensem) und war daher für Taufe und hohe Kirchenfeste in die St. Johannkapelle beim Basler Münster kirchgenössig. Das Patronatsrecht der Kirche St. Peter und Paul (untere, rom. Teile des Turms aus dem 12./13. Jh., Neubau 1698-99) lag ab dem 12. Jh. beim Basler Domkapitel. Die Pfarrei A. umfasste zudem Schönenbuch, Hésingue (F) und bis 1611 Hegenheim (F). Unter dem Eindruck des dt. Bauernkriegs schloss A. zusammen mit Reinach, Therwil, Oberwil und Ettingen 1525 mit Basel ein Burgrecht, das 1585 im Badener Vertrag aufgelöst wurde. Erst 1627 gelang es dem Bf., das 1529 ref. A. zu rekatholisieren. Ab 1567 bestand in A. eine jüd. Ansiedlung. 1692 machten die 24 jüd. Fam. am Judengässlein ca. 15% der Bevölkerung aus. Sie hatten ihren Friedhof in Zwingen und ein Beerdigungsrecht in Hegenheim. Kinder von Juden und Christen besuchten im 17. Jh. gemeinsam die Schule. Beschuldigungen (Pferdehandel, Synagoge) von Allschwilern bewirkten 1694 das Ausweisungsdekret des Fürstbf.; viele Juden flohen nach Hegenheim. Nach der Raurach. Republik (1792-93) geriet A. bis 1814 unter franz. Herrschaft (Dep. Mont-Terrible 1793-1800, Dep. Haut-Rhin 1800-14), gegen die es deutlicher als andere Birsecker Gem. reagierte (1794 Gehorsamsverweigerung).

1815 kam A. zum Kt. Basel. In den Trennungsjahren spaltete sich die Einwohnerschaft in zwei Lager. 1833 wurde A. Teil des neuen Kt. Basel-Landschaft. Im Kulturkampf verschoben sich die konfessionellen Verhältnisse in A., als 1877 der röm.-kath. Pfarrer Peter Wildi abgewählt und durch den christkath. Johannes Schmid ersetzt wurde; die Dorfkirche musste der christkath. Mehrheit überlassen werden. 1878 gründeten die zuvor von Basel und Binningen aus betreuten Allschwiler Reformierten die Kirchgem. A.-Schönenbuch. 1970 waren 54% der Einw. ref., 40% röm.-katholisch.

Bereits 1860 war das Bauerndorf A. stark von Gewerbe (Fuhrwesen, Viehhandel, Schmieden) durchsetzt, viele Einw. arbeiteten in Basler Fabriken. Die Bauern betrieben v.a. Acker- und Gemüsebau. Sie belieferten den nahen Absatzmarkt Basel insbes. mit Weisskraut. 1897-1921 wurden dieses in der Sauerkrautfabrik verarbeitet, die von der 1860 gegr. Landwirtschaftl. Genossenschaft erstellt worden war. Ende des 19. Jh. verschwanden Hanf-, Flachs- und Rebbau. 1955 existierten 63 Bauernbetriebe, 1965 29, 1980 31. Bis um 1930 wuchs die Industrie in A. stark (v.a. Ziegeleien, daneben Bekleidungs-, Metall- und Maschinenindustrie); bereits 1910 arbeiteten 73% der in A. Erwerbstätigen im 2. Sektor. Die letzten der ab den 1870er Jahren gegr. mechan. Ziegeleien (u.a. Passavant-Iselin & Cie., erste Falzziegelpresse der Schweiz) wurden 1975 geschlossen. Der fehlende Bahnanschluss (der 1926 geplante Güterbahnanschluss wurde nie realisiert) verhinderte eine stärkere industrielle Entwicklung. Zudem verlor A. mit dem Aufkommen der Rheinschifffahrt seine Bedeutung als Zollort. Die 1905 eröffnete Tramlinie nach Basel förderte die wirtschaftl. Orientierung nach der Stadt (1910 40%, 1990 79% Wegpendler). Heute ist A. gewerbl.-industriell ausgerichtet mit Schwerpunkten in Metall-, Papierindustrie (Elco AG, 1900 gegr.) und Chemie. 1990 waren 35% der in A. Erwerbstätigen im 2., 54% im 3. Sektor beschäftigt.

A. erlebte 1850-1970 v.a. dank Zuwanderung aus Basel ein gewaltiges Bevölkerungswachstum, wurde 1930 zur einwohnerstärksten Baselbieter Gem. und immer mehr zur Agglomerationsgem. mit ihren typ. Infrastrukturproblemen. Seit 1970 stagniert das Wachstum. Mit dem Verzicht auf die Eingliederung in den Städteverband betonte A. seinen dörfl. Charakter. Dieser wird unterstrichen durch die Restauration der Mitte des 19. Jh. verputzten Fachwerkhäuser (1976 Auszeichnung des Europarats, 1980 Dorfkernplanung), das 1968 eröffnete Heimatmuseum und den 1977 geschaffenen Allschwiler Markt.


Literatur
– T. Nordemann, Zur Gesch. der Juden in Basel, 1955, 34-36
– L. Zehnder et al., Heimatkunde A., 1981
Allschwiler Schr. zur Gesch., Kultur und Wirtschaft, 1982-
Willkommen in A., 1986
Tatort Vergangenheit, hg. von J. Ewald, J. Tauber, 1998

Autorin/Autor: Brigitta Strub