• <b>Geistliche Spiele</b><br>Plakat von   Otto Baumberger  für das "Grosse Welttheater" Calderóns in Einsiedeln,  1937 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
  • <b>Geistliche Spiele</b><br>Plan des Weinmarkts in Luzern mit der Theaterausstattung, die für den ersten Tag der Osterspiele 1583 vorgesehen war. Zeichnung von   Renward Cysat (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung). Im Osten, oben auf dem Bühnenplan, ist die Fassade des Hauses Zur Sonne zu erkennen, in dem das Vierwaldstätterkapitel tagte. Dieses Gebäude stellt als Kulisse der Spiele den Himmel und das Paradies dar. Schräg gegenüber in der nordwestlichen Ecke des Platzes hat der Teufel seinen Sitz. An den Rändern sind einige weitere symbolische Örtlichkeiten untergebracht (der Tempel, das Gericht), zwischen denen sich die Zuschauer frei bewegen können. Der Bach, der mitten durch den Platz fliesst, stellt den Jordan dar.

Geistliche Spiele

Als Geistl. Spiel wird eine im europ. MA entstandene Theaterform bezeichnet. Der Sammelbegriff erfasst Spiele mit einer szen. Wirkung im Sinne der christl. Heilslehre. Damit wird ein Gegensatz zu weltl. Theaterformen nahe gelegt, obwohl theaterhistorisch eine zweifelsfreie Trennung zwischen geistlich und weltlich nicht möglich ist. Gerade Schweizer Aufführungen von Bibeldramen erlangten häufig eine eminent weltl.-polit. Bedeutung, während Fastnachtsspiele oft christl. Lehrmeinungen der Reformation und der Gegenreformation vertraten.

Neben den ma. Auf-, Um- und Einzügen, Ritterspielen und Turnieren, öffentl. Buss- und Strafritualen, dem Jahrmarktstheater der Gaukler und Spielleute (Theater), den karnevalesken Verkehrungen in Bräuchen und Festen (u.a. Charivari, Narrenbischof, Eselsfest) sowie den Fastnachtsspielen sind die G. die wichtigste Theaterform im MA. Alttestamentl. Szenen, Menschwerdung, Leben, Leiden und Tod Jesu, Auferstehung, aber auch neutestamentliche und Legendenszenen sowie das Jüngste Gericht bildeten den Themenfundus, der in den spätma. Passions-, Mysterien- und Fronleichnamsspielen - oft waren es ganze Spielzyklen - ausgeschöpft wurde. Den beiden ältesten Typen der G., den Oster- und Weihnachtsspielen, liegen dagegen die zentralen Passagen der Jesus-Geschichte zu Grunde (Geburt, Auferstehung Jesu), die mit weiteren Szenen ergänzt wurden. Andere Arten der G. wie etwa Marienspiel, Dreikönigsspiel, Johannesspiel, Magdalenenspiel, Marienklage, Krämerspiel, Emmausspiel, Himmelfahrtsspiel, Legendenspiel, Zehnjungfrauenspiel und Antichristspiel beschränken sich eher auf einzelne Szenen.

Im 10. Jh. wurde die liturg. Praxis mit ihren Auferstehungsfeiern in der lat. Osterfeier durch den Ostertropus, einen Wechselgesang des Engels und der drei Marien am Grabe Christi, musikalisch und handlungsmässig erweitert. So entstanden die ersten Osterspiele (St. Gallen um 975). Zur Grabesszene traten zunächst Jüngerlauf und Hortulanusszene. Ebenfalls aus der Liturgie bzw. dem Weihnachtstropus gingen im 11. Jh. die ersten lat. Weihnachtsspiele hervor. Der Visitatio sepulchri (Grabbesuch der Frauen) entspricht hier die Hirtenszene, erweitert durch Propheten- und Dreikönigsspiel, Flucht nach Ägypten, Herodesspiel und Rahelklage. Im 12. Jh. setzte mit dem altfranz. "Jeu d'Adam", dem ältesten Paradiesspiel, eine parallele Entwicklung der volkssprachl. Spiele ein. Als ältestes deutschsprachiges Geistl. Spiel gilt das Osterspiel von Muri, das um 1250 entstand. Das St. Galler Weihnachtsspiel wird auf ca. 1300 datiert. Das Heilsgeschehen wurde nun zunehmend als ird. Geschehen betont. Neben die Todesüberwindung in der Auferstehung trat ab Mitte des 12. Jh. in den Passionsspielen das Leiden des Mensch gewordenen Gottessohnes, etwa im Passionsspiel von Lausanne ab 1453. Die Verlegung der G. aus den Kirchen ins Freie, auch auf die Marktplätze, wo simultane Raum- bzw. Flächenbühnen errichtet wurden, ermöglichte ausufernde, komische sowie drast. Teufels- und Marterszenen.

<b>Geistliche Spiele</b><br>Plakat von   Otto Baumberger  für das "Grosse Welttheater" Calderóns in Einsiedeln,  1937 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>
Plakat von Otto Baumberger für das "Grosse Welttheater" Calderóns in Einsiedeln, 1937 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
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In der Reformationszeit förderten beide Konfessionen die G. Während das Zürcher Passionsspiel des Protestanten Jakob Ruf derbe Szenen und Effekte aussparte und sich am Bibeltext orientierte, befriedigte das Luzerner Osterspiel des 16. Jh. v.a. die Schaulust. Etwa ab 1570 kritisierte die calvinist. Orthodoxie aufgrund des glänzenden Beiwerks und der Schaustellung des leidenden Christus die Aufführung von Bibeldramen als Ketzerei. Theaterverbote in Genf 1617 und Zürich 1624 trugen dazu bei, dass sich die Spieltätigkeit im 17. Jh. verringerte. Die Luzerner Tradition wurde 1616 vom Jesuitentheater übernommen, das die G. wandelte und fortsetzte. Die rätorom. Passion in Sumvitg hielt sich bis 1882, die Passionsspiele von Selzach wurden zwischen 1893 und 1952 durchgeführt. Auch das 21. Jh. kennt noch G., wie etwa Calderóns "Grosses Welttheater", das seit 1924 in Einsiedeln aufgeführt wird und an die Tradition des barocken Weltspiels anknüpft (Barock), aber auch die Prozessionen mit Darstellung des Ganges von Christus nach Golgotha (sacre rappresentazioni) in Mendrisio.

<b>Geistliche Spiele</b><br>Plan des Weinmarkts in Luzern mit der Theaterausstattung, die für den ersten Tag der Osterspiele 1583 vorgesehen war. Zeichnung von   Renward Cysat (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung).<BR/>Im Osten, oben auf dem Bühnenplan, ist die Fassade des Hauses Zur Sonne zu erkennen, in dem das Vierwaldstätterkapitel tagte. Dieses Gebäude stellt als Kulisse der Spiele den Himmel und das Paradies dar. Schräg gegenüber in der nordwestlichen Ecke des Platzes hat der Teufel seinen Sitz. An den Rändern sind einige weitere symbolische Örtlichkeiten untergebracht (der Tempel, das Gericht), zwischen denen sich die Zuschauer frei bewegen können. Der Bach, der mitten durch den Platz fliesst, stellt den Jordan dar.<BR/>
Plan des Weinmarkts in Luzern mit der Theaterausstattung, die für den ersten Tag der Osterspiele 1583 vorgesehen war. Zeichnung von Renward Cysat (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung).
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Literatur
G., 1930
– E. Müller, Schweizer Theatergesch., 1944
– J. Drumbl, Der Begriff des Theaters und der Ursprung des liturg. Spiels, 1969
Lat. Osterfeiern und Osterspiele, hg. von W. Lipphardt, 6 Bde., 1975-81
– E. Konigson, «La place du Weinmarkt à Lucerne», in Les voies de la création théâtrale 8, 1980, 43-90
– I. ten Venne, Das geistl. Spiel in Deutschland von der Mitte des 13. bis zum 16. Jh., 1983
– R. Bergmann, Kat. der deutschsprachigen geistl. Spiele und Marienklagen des MA, 1986
Passionsspiele im alpenländ. Raum, Ausstellungskat. Oberammergau, 1990
– Francillon Littérature 1, 37, 142-148
Theater der Nähe, hg. von A. Kotte, 2002

Autorin/Autor: Andreas Kotte