• <b>Theater</b><br>Plakat für das Stück "Les Voisins" von Michel Vinaver, 1989 gestaltet von  Erika Stump,   produziert von der Druckerei Marsens in Lausanne (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Das Théâtre Populaire Romand (TPR) war für die Schweizer Theatergeschichte bedeutungsvoll. Seinen Standort hatte das 1961–2001 von Charles Joris geleitete Haus ab 1968 in La Chaux-de-Fonds. Das TPR spielte in allen Kantonen der Westschweiz und 1968–2011 auch im Tessin. In aller Regel wurde ein einstudiertes Stück rund 60-mal aufgeführt. Das Plakat bestand deshalb aus einem fixen und einem variablen Bildteil, auf dem die Aufführungsdaten und -orte angegeben wurden.

Theater

T. ist eine künstler. Form menschl. Ausdrucksverhaltens, dessen Ausdrucksmittel der eigene Körper (Haltung, Gang, Mimik und Gestik) und die eigene Psyche (Sprechhandlungen und Gefühlsäusserungen) sind. Sie bezieht sich immer auf ein Publikum. Zwischen diesem und den Darstellenden besteht ein Einvernehmen darüber, dass das Vorgeführte nicht die Lebenswirklichkeit selbst, sondern eine eigene künstl., abbildende oder nachahmende Wirklichkeit vermittelt. Seine institutionelle Form fand das Theater im antiken Griechenland mit eigens errichteten Spielstätten, einem Text als Spielvorlage, Schauspielern mit ausdrucksverstärkenden Masken und Kostümen sowie Bildtafeln, die die Umwelt des Geschehens andeuteten.

Der aus dem Griechischen stammende Begriff T. bezeichnet sowohl das spezif. Ausdrucksverhalten, die Spielstätte als auch die institutionelle Gemeinschaft von Darstellenden. Während er im Deutschen auch Formen wie Musiktheater und Ballett einschliesst, meint er im Französischen und Italienischen primär Sprech-T. Als Sonderformen des T.s gelten Cabaret, Figurentheater und Festspiel (z.B. die Fête des Vignerons), als verwandte Formen Totentanz, Variété und Zirkus. Im Unterschied zu den medialen Darstellungsformen Film, Hörspiel und Fernsehspiel ist T. einmalig, unmittelbar und interaktiv.

Autorin/Autor: Martin Dreier

1 - Römerzeit

Die ab dem 1. Jh. auf schweiz. Gebiet errichteten röm. Amphitheater, belegt sind solche in Nyon, Martigny, Ursins, Avenches, Bern, Augst und Windisch, dienten Tierhetzen und Gladiatorenkämpfen. Theaterbauten wurden in Lausanne, Avenches, Lenzburg und Augst gefunden; in Augusta Raurica sind Bauzustände in der klass. Form mit differenziert gestalteter Bühnenfront (Scænæ frons) und halbkreisförmigem Zuschauerraum nachzuweisen. Das T. gehörte in den röm. Städten zu den Munifizenzleistungen. Die Figur eines Tragödienschauspielers mit eingeritztem gall. Namen in Aventicum macht die Aufführung röm. und griech. Tragödien wahrscheinlich. Mit dem Untergang des Röm. Reichs verschwand auch das röm. T. In der Spätantike und im FrühMA hinterliess das T., wohl aufgrund der Mündlichkeit einer lokalen Überlieferung und improvisierter Spielstätten, keine Spuren.

Autorin/Autor: Martin Dreier

2 - Mittelalter

Neue Formen eines institutionalisierten T.s entstanden wie in der griech. Antike aus dem religiösen Ritus: Der St. Galler Mönch Tuotilo fügte in die Ostermesse einen szenisch dargestellten lat. Wechselgesang ein, aus dem die drei Marien an Christi Grab erfahren, dass Jesus auferstanden ist. Aus diesem Kern entwickelten sich ab dem 10. Jh. europaweit Geistliche Spiele, die der weitgehend des Lesens unkundigen Bevölkerung unterhaltend bibl. Inhalte vermittelten. Allmählich wurden die lat. durch landessprachl. Dialoge ersetzt, die Szenen ausgeweitet und ihre Anzahl vermehrt. Das konnte zu einer Aufführungsdauer von mehr als einem Tag führen. Schliesslich wurde das Dargebotene durch die Einführung kom. Elemente verweltlicht. Dabei ging die Trägerschaft der Spiele von geistl. auf weltl. Kreise über und der Spielort verlagerte sich aus den Klöstern und Kirchenräumen hinaus auf öffentl. Plätze. Daneben existierten auch die karnevalesken Verkehrungen der geistl. Spiele in den Eselsfesten, die Fasnachtspiele sowie das Jahrmarktstheater der Gaukler und Spielleute. Dessen ungeachtet brach die Tradition der geistl. Spiele mit gewandelten Formen und Themenschwerpunkten bis in die Gegenwart nie ab.

Autorin/Autor: Martin Dreier

3 - Humanismus, Reformation und katholische Reform

Mit der Umprägung des geistl. Spiels wurden zunehmend Bürger, Handwerker und Gelehrte zu Trägern des T.s. Die Spieltruppen der Zünfte und Bruderschaften übernahmen Stoffe mit myth.-hist. und aktuellem Inhalt. So würdigte das "Urner Tellenspiel", das 1512 in Altdorf (UR) erstmals aufgeführt wurde, nicht allein den Tellen-Mythos, sondern auch die zeitgenöss. Erfolge der Eidgenossen im Schwabenkrieg. Die Verwendung des Worts "Spiel" weist noch darauf hin, dass die Aufführung wichtiger war als der Text, doch zunehmend wurden auch individuelle Autoren fassbar wie Jakob Ruf, der das "Urner Tellenspiel" bearbeitet und zu dem 1545 von der Zürcher Bürgerschaft aufgeführten "Neuen Tellenspiel" erweitert hatte, oder in Basel der Buchdrucker Pamphilus Gengenbach, der mit seinen Dramen die Missstände der Zeit geisselte. In der Reformation wurde das T. zum Kampfmittel gegen die alte Kirche und für die Glaubenserneuerung. Niklaus Manuel nutzte es in seinen 1523 aufgeführten Fasnachtsspielen "Vom Papst und seiner Priesterschaft" und "Von Papsts und Christi Gegensatz" und publizierte 1525 das polem. Stück "Der Ablasskrämer". In Zürich verstand Heinrich Bullinger das T. in humanist. Tradition als Spiegel des menschl. Lebens.

Über die konfessionellen Grenzen hinweg blühte das T. im 16. Jh. sowohl in den kath. wie in den ref. Orten. Im Schultheater beider Konfessionen beschäftigte man sich zur Schulung des Gedächtnisses, der rhetor. Ausbildung und der moral. Erziehung mit griech. und röm. Dramatikern. Aufführungsorte für das öffentl. Schauspiel waren freie Plätze, Höfe oder Zunftstuben, in Basel z.B. die Pfalz oder der Fischmarkt, in Luzern der Weinmarkt, in Zürich der Münsterhof. Ein Grossteil der Bevölkerung wirkte als Spieler oder Zuschauer mit, doch entstand trotz der Spielfreudigkeit der Bevölkerung kein Berufstheater. Autoren und Spielführer wie Renward Cysat, der 1583 und 1597 das zwei Tage dauernde Luzerner Osterspiel inszenierte, gehörten zur politisch einflussreichen Schicht und gingen einem bürgerl. Beruf nach.

Im Lauf der kath. Reform bedienten sich v.a. die Jesuiten des Schultheaters, u.a. in Luzern, Freiburg und Pruntrut. Dabei ging es ihnen sowohl um die Verkündung der Glaubenslehre wie um die Förderung der Zöglinge in Rhetorik und Persönlichkeitsbildung. Während in den kath. Landesteilen das Laien- und das Schultheater von kirchl. und weltl. Autoritäten weiterhin gefördert wurde, aus den Jesuitenschulen bis ins 18. Jh. Theaterautoren hervorgingen und das öffentl. T. barocke Züge annahm, setzte die calvinist. und ref. Orthodoxie mit Berufung auf die Kirchenväter ab 1617 in Genf und ab 1623 in Zürich ein Theaterverbot durch, das dem Schul- und öffentl. T. ein Ende setzte und den Auftritt von Wandertruppen für über 100 Jahre stark einschränkte.

Autorin/Autor: Martin Dreier

4 - 18. Jahrhundert

Die Erneuerung des Theaters im 18. Jh. kam von aussen. Schon im 17. Jh. bereisten zunehmend engl., franz., ital. und dt. Wandertruppen die Schweiz. Auf deren Spielplänen tauchten in der 2. Hälfte des 18. Jh. auch Stücke auf, in denen das T. als ein Mittel zur Bildung und Erziehung, als "moral. Anstalt" aufgefasst wurde. Damit hofften die Theaterprinzipale auch, die in ref. Orten aufrecht erhaltenen Theaterverbote zu unterlaufen. In versch. deutschschweizer Städten feierte etwa zur Zeit des Siebenjährigen Kriegs die Truppe von Konrad Ernst Ackermann Erfolge. Den Zürcher Literaturreformer Johann Jakob Bodmer liessen diese gleichgültig, weil er sich nicht vorstellen konnte, was der Vorteil eines gespielten gegenüber einem gelesenen Drama sein sollte. Voltaire gelang es, dem Genfer Konsistorium 1766 den Bau eines T.s abzuringen, nachdem er auf franz. und savoy. Boden nahe der Grenze zu Genf ab 1756 vier T. errichtet und u.a. mit Schauspielern der Comédie française vor grossem Publikum aus Genf seine Stücke aufgeführt hatte. Publizistisch wurde er dabei von Jean le Rond d'Alembert unterstützt, der im Artikel Genf der "Encyclopédie" die Einrichtung eines tugendhaften Theaters gefordert hatte. Dagegen bestand Jean Jacques Rousseau im "Brief an d'Alembert über das Schauspiel" auf Festspielen, in denen das Volk zugleich Akteur und Zuschauer ist.

Die professionellen Wandertruppen, die in allen Landesteilen auftraten, schlugen ihre Bühnen z.T. in Zunftsälen, z.T. in den seit dem 17. Jh. entstandenen Ballhäusern auf oder brachten ihre eigenen Schaubuden mit, die sie auf Plätzen oder vor den Stadttoren errichteten. In der 2. Hälfte des 18. Jh. entstanden erste Theatergebäude, so z.B. 1769 das Maison du Concert in Neuenburg, 1782-83 das Théâtre des Bastions in Genf und 1767-70 das Hôtel de Musique in Bern, dessen Theatersaal erst ab 1798 auf Dekret der franz. Besatzungsmacht bespielt werden konnte. Auch das Volkstheater erlebte im 18. Jh. einen erneuten Aufschwung. Das Ordenstheater hatte zwar seinen Höhepunkt überschritten, doch vermittelten einzelne Autoren wie Josef Ignaz Zimmermann ihren Schülern die zeitgenöss. Dramenliteratur und brachten von den Ideen der Aufklärung geprägte vaterländ. Dramen auf die Bühne.

Autorin/Autor: Martin Dreier

5 - 19. und 20. Jahrhundert

Das 19. Jh. war vom Dualismus eines v.a. ausländisch bestimmten professionellen T.s und des einheim. Laienspiels geprägt. Nach den napoleon. Kriegen erlebte das Laientheater eine neue Blüte: Auf dem Land führten die Dorfjungmannschaften Szenen aus den alten Schweizerschlachten auf, wie sie in Gottfried Kellers Roman "Der grüne Heinrich" beschrieben werden, in den kath. Gebieten lebten sowohl das geistl. Spiel als auch das alte Volkstheater weiter, während in den Städten Theatervereinigungen entstanden, die sich an die Aufführung der dramat. Literatur der Klassik und Romantik sowie der zeitgenöss. Erfolgsstücke wagten und z.T. sogar Opern auf die Bühne brachten. Ab Mitte des 19. Jh. wurde auch auf dem Land zunehmend die Theater-, Gesangs-, Musik- und Turnvereine zu Trägern eines vielfältigen Theaterlebens, das sich teilweise unter freiem Himmel, aber auch in den Sälen der Dorfgasthöfe abspielte.

Dank der Theaterbegeisterung der Stadt- und Kleinstadtbürger entstanden in versch. Städten sog. Aktientheater, u.a. 1804 in St. Gallen, 1834 in Basel und Zürich, 1839 in Luzern, 1846 in Bellinzona und 1856 in Solothurn. Sie bezogen entweder bestehende Theaterbauten oder liessen neue errichten. Diese kopierten architektonisch die Hoftheater, bei denen die Sicht auf die gegenüberliegende Loge besser war als auf die Bühne. In den grösseren Städten etablierten sich Theaterunternehmer mit festen Ensembles, die einen Abonnementsbetrieb aufzogen und den Besitzern des T.s für die Benutzung einen Pachtzins ablieferten. In den kleinern T.n organisierten die Besitzer einen Gastspielbetrieb. Die T. standen auch den Vereinen und Liebhabertheatergesellschaften offen sowie gegen entsprechendes Entgelt den Schaustellern. Trotz geringfügiger Subventionen von staatl. Hand, z.T. noch in Naturalien, konnten sich die festen Theaterensembles meist nicht lange halten. So blieb z.B. die Schauspielerin und Dramatikerin Charlotte Birch-Pfeiffer trotz des Einsatzes eigener Geldmittel nur 1837-43 Theaterdirektorin in Zürich. Die Ensembles konnten nur auf ein kleines Stammpublikum zählen und mussten sich zudem auf einem freien Markt behaupten, auf dem sie der Konkurrenz der Zirkusse und Schausteller ausgesetzt waren. Um sich längere Zeit an einem Ort halten zu können, waren die Truppen genötigt, innerhalb weniger Tage mehrere Stück zur Aufführung zu bringen und sich bei der Stückauswahl am Publikumsgeschmack zu orientieren. Die Schauspieler eigneten sich daher ein breites Rollenrepertoire an und traten oft in eigenen Kostümen auf. Für die Stücke verfügten die Theaterdirektoren nur über Standarddekorationen und bei der Stückauswahl zollten sie dem Genius loci ihren Tribut, indem sie lokalpatriot. Stücke aufführten oder zirzens. Attraktionen in die Theaterstücke integrierten.

Eine grössere künstler. Autonomie erlangten die T. erst, als sie den Schritt von Pacht- zu Regiebetrieben machten. Dieser Übergang spielte sich in den einzelnen Städten unterschiedlich ab, aber meist ging er mit dem zunehmenden Einfluss städt. Theaterkommissionen und der finanziellen Privilegierung des T.s gegenüber Schaustellern und Zirkussen einher. Damit verbunden war auch ein Bildungsauftrag. Die allmähl. Zunahme der Subventionen ermöglichte eine sorgfältigere Einstudierung der Stücke und führte so zu grundsätzl. Reformen des Schauspielbetriebs. Anstelle des Ensembleprinzips mit seinen vorgegebenen Rollenfächern trat nach und nach das Regietheater mit einem leitenden Regisseur, der den Text in ein Aufführungs- und Ausstattungskonzept umsetzte und dabei u.a. von Choreografen, Bühnen- und Maskenbildnern unterstützt wurde. Brauchte die Einstudierung eines Stücks im Ensembletheater des 19. Jh. nur wenige Tage, so sind am Ende des 20. Jh. Probenzeiten von mind. sechs Wochen die Regel. Dadurch reduzierte sich zwar die Zahl der aufgeführten Stücke, doch erhöhte sich deren Laufzeit.

Bis weit ins 19. Jh. spielten Laien- und Berufstheater weitgehend die gleichen Repertoires. Mit den Fest- und Heimattheatern sowie der künstler. Reform des Berufstheaters begannen sie sich aber immer mehr zu unterscheiden: Auf der Laienbühne wurden mit einheim. Kräften mundartl. Volksstücke gespielt, auf den Berufsbühnen führten meist ausländ. Schauspieler die Theaterklassiker und internat. Theatererfolge aus Wien, Berlin und Paris auf. Allerdings bestand v.a. in der franz. Schweiz kein unüberwindbarer Graben zwischen Volks- und Berufstheater, lebten doch auch die Festspiele von der engagierten Teilnahme professioneller Theaterleute wie Emile Jaques-Dalcroze und des Genfer Bühnenreformers Adolphe Appia.

Eine Sonderstellung nahm das Deutschschweizer T. zur Zeit des Nationalsozialismus ein: Theaterschaffende aus Deutschland und Österreich, unter ihnen zahlreiche Spitzenkräfte, emigrierten in die Schweiz und fanden an Schweizer Bühnen Engagements. Das Schauspielhaus Zürich avancierte, obwohl unter der Leitung von Ferdinand Rieser als Emigranten-Juden-Marxisten-T. verketzert, zur wichtigsten deutschsprachigen Bühne mit Uraufführungen u.a. von Ferdinand Bruckner, Georg Kaiser und Bertolt Brecht. Ab 1938 wurde es unter der Intendanz von Oskar Wälterlin zum T. der Geistigen Landesverteidigung. Von diesem Ruf zehrte es auch nach 1945, als dort unter der Regie von Wälterlin und Kurt Hirschfeld die frühen Stücke Friedrich Dürrenmatts und Max Frischs uraufgeführt wurden. Die Bühnen der dt. und franz. Schweiz orientierten sich auch in der Nachkriegszeit am Theaterrepertoire der jeweiligen Sprachregion. Eine Vermittlerrolle spielten die aus der Schule des Berliner Ensembles stammenden Regisseure Benno Besson und Matthias Langhoff, die über die Theater von Lausanne und Genf die Stücke von Brecht im franz. Sprachraum bekannt machten.

Ab den 1960er Jahren suchten sich Theaterschaffende mit wachsender Tendenz den Sachzwängen grosser Häuser zu entziehen und gründeten freie Truppen und Kellertheater, die den von vielen Besuchern geschätzten Vorteil der Intimität und Nähe zum Dargestellten brachten. Diese freie Szene beeinflusste künstlerisch die Stadttheater und lief ihnen, wie etwa das Neumarkttheater unter der Intendanz Horst Zankls (1971-75) und Volker Hesses (1993-99) dem Schauspielhaus in Zürich, gar den Rang ab. Sie befruchteten auch das Theaterleben in den Kleinstädten und ländl. Regionen. Im Tessin löste etwa das Teatro Dimitri, das aus der stark von Pantomime, Tanz und Musik beeinflussten ital. Tradition kam, einen eigentl. Boom an Experimentiergruppen aus, deren Mitglieder z.T. ihre Ausbildung in Verscio gemacht hatten.

Autorin/Autor: Martin Dreier

6 - Zur Theatersituation zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Die sprachkulturell unterschiedl. Theatersysteme haben ihre Wurzeln z.T. im 19. Jh. Die dt. Schweiz kennt bei den mittleren und grösseren Häusern vier Typen: Stadttheater mit Mehrspartentheater in Basel, Bern, Biel-Solothurn, Luzern und St. Gallen, reine Sprechbühnen in Bern und Zürich, reines Musiktheater in Zürich sowie Tourneetheater (Theater Kt. Zürich, dem in der franz. Schweiz das Théâtre Populaire Romand entspricht) und Gastspieltheater u.a. in Baden, Grenchen und Winterthur. Die in der dt. Schweiz an grösseren Häusern entstehenden Eigenproduktionen verbleiben während einiger Zeit nebeneinander im Spielplan (Repertoirebetrieb). Kleinere Häuser, die freien Bühnen und Laientheater zeigen jeweils nur eine aktuelle Produktion (En-suite-Betrieb). In der franz. Schweiz ist das En-suite-Prinzip auch für die grossen Häuser in Genf und Lausanne typisch, die dort auch als reine Musiktheater oder Schauspieltheater produzieren. Viele mittlere und kleinere Städte in der franz. und ital. Schweiz wie Monthey, Vevey, Yverdon, Lugano und Locarno beherbergen in ihren T.n Gastspiele. Wie in der dt. Schweiz wuchs dort die Zahl freier Theatertruppen in der 2. Hälfte des 20. Jh. an, so dass die Schweiz zu Beginn des 21. Jh. neben Finnland die höchste Theaterdichte in Europa aufweist. Die professionellen Bühnen kämpfen mit massiv steigenden Personal- und Betriebskosten. So bezahlte die Stadt Zürich 2010 35,5 Mio Fr. an das Schauspielhaus. Die hochbelasteten Städte mit Zentrumsfunktionen versuchen daher mehr oder weniger erfolgreich, die von ihrem Kulturangebot profitierende Agglomeration in die Theaterfinanzierung einzubinden.

Autorin/Autor: Martin Dreier

7 - Theaterorganisation, Forschung und Ausbildung

Der 1920 in Zürich entstandene Schweiz. Bühnenkünstlerverband schloss sich 1933 mit dem 1921 in Basel gegr. Schweiz. Chorsänger- und Balletverband dem Schweiz. Verband des Personals öffentl. Dienste an und vertrat als Sozialpartner des 1920 gegr. Bühnenverbands, der sich zum Dachverband der subventionierten Berufstheater in der Schweiz entwickelte, die gewerkschaftl. Interessen aller Bühnenangestellten. In den 1930er Jahren geriet er mit der "Verschweizerungspolitik" anderer Kulturverbände in Konflikt, weil ihm auch gewerkschaftlich organisierte Emigranten angehörten. 1995 konstituierte er sich als selbstständiger Verband. In der Nachkriegszeit entstanden mehrere Verbände der freien Szene, so der 1983 gegr. Berufsverband der freien Theaterschaffenden der Schweiz, die 1997 gegr. Teatri Associati della Svizzera italiana sowie das 1992 gegr. Bureau Arts de la Scène des Indépendants Suisse. Zudem bildeten sich versch. Organisationen für das Laientheater, örtl. Theatervereine für die Theaterbegeisterten sowie Fördervereine einzelner T. und Verbände einzelner Berufssparten.

Die Schweiz. Gesellschaft für Theaterkultur (SGTK), 1927 gegründet als Gesellschaft für Innerschweizer Theaterkultur, unterstützte zunächst eine nationale Freilichttheaterkultur, die sich auf die schweiz. Volkstheatertradition berief und an der völk. Freilichttheaterbewegung orientierte. Das schon in den Gründungsstatuten formulierte Ziel, eine Theatersammlung aufzubauen, wurde schliesslich 1944 mit der Eröffnung der Schweiz. Theatersammlung in Bern realisiert. Die SGTK regte auch den 1957 von Hans Reinhart gestifteten wichtigsten Theaterpreis der Schweiz an, den Hans-Reinhart-Ring, und verleiht ihn seither. Ihr zweites Hauptziel, die Gründung einer schweiz. Theaterakademie, wurde unter gänzlich veränderten Bedingungen 1992 realisiert, als an der Univ. Bern das erste theaterwissenschaftl. Institut unter der Leitung von Andreas Kotte entstand. Diese beinahe um ein Jahrhundert verspätete Etablierung der Theaterwissenschaften in der Schweiz erklärt auch die bisher bloss punktuelle Erforschung der Geschichte des schweiz. T.s.

<b>Theater</b><br>Plakat für das Stück "Les Voisins" von Michel Vinaver, 1989 gestaltet von  Erika Stump,   produziert von der Druckerei Marsens in Lausanne (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Das Théâtre Populaire Romand (TPR) war für die Schweizer Theatergeschichte bedeutungsvoll. Seinen Standort hatte das 1961–2001 von Charles Joris geleitete Haus ab 1968 in La Chaux-de-Fonds. Das TPR spielte in allen Kantonen der Westschweiz und 1968–2011 auch im Tessin. In aller Regel wurde ein einstudiertes Stück rund 60-mal aufgeführt. Das Plakat bestand deshalb aus einem fixen und einem variablen Bildteil, auf dem die Aufführungsdaten und -orte angegeben wurden.<BR/>
Plakat für das Stück "Les Voisins" von Michel Vinaver, 1989 gestaltet von Erika Stump, produziert von der Druckerei Marsens in Lausanne (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
(...)

Auch die Institutionalisierung der Schauspielausbildung erfolgte in der Schweiz relativ spät. Die Theaterhochschule Zürich, die 1997 Fachhochschulstatus erhielt, ging auf das 1937 gegr. private Bühnenstudio Zürich zurück. Die Hochschule für Musik und Theater in Bern entwickelte sich aus dem Konservatorium Bern. Die Ausbildungsstätten in Bern und Zürich sind heute Fachbereiche innerhalb der dortigen Kunsthochschulen. Die Haute école de théâtre de Suisse romande (sog. Manufacture) in Lausanne gehört seit 2008 zur Haute école specialisée de Suisse occidentale. Die 1971 als selbstständige Abteilung des Genfer Konservatoriums entstandene Ecole supérieure d'art dramatique wurde 2003 in den Lausanner Fachbereich integriert. Die von Dimitri 1975 gegr. Scuola teatro Dimitri in Verscio erhielt 2004 Fachhochschulstatus und ist seit 2006 eine Abteilung der Fachhochschule der ital. Schweiz. Daneben existieren weiterhin private Theaterschulen.

Autorin/Autor: Martin Dreier

Quellen und Literatur

Archive
– Schweiz. Theaterslg. Bern
Literatur
– E. Müller, Schweizer Theatergesch., 1944
Schweizer Theaterjb., 1951- (1951-70 mit Dok. und Bibl.)
Szene Schweiz, 1974- (ab Nr. 8, 1980/81 mit Dok. und Bibl.)
– S. Gojan, Spielstätten der Schweiz, 1998
– B. Schläpfer, Schauspiel in der Schweiz, 21999
TLS, 2005
– P. Lepori, Il teatro nella Svizzera italiana, 2008

Autorin/Autor: Martin Dreier