24/07/2013 | Rückmeldung | PDF | drucken

Volkslied

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Seit Johann Gottfried Herders Sammlung "Alte Volkslieder" (1774) ist der Begriff V. eine Sammelbezeichnung für Gesänge, die mündlich von Generation zu Generation überliefert werden. V.er werden v.a. in nicht organisierten, spontan sich zusammenfindenden Gruppen gesungen (Gruppenlied) und umfassen sowohl nichtstroph. Gesänge wie Betruf (Alpsegen), Juchzer, Jodel, Kuhreihen, Viehlöckler und Hirtenrufe als auch strophisch gegliederte geistl. und religiöse Gesänge, Brauchtums- und Standeslieder, Berufs- und Arbeitslieder sowie Heimat- und Jodellieder. Das regionale V. ist in der Regel als Dialektlied (Dialektliteratur) an die sprachl.-kulturelle Ortsgemeinschaft und Identität gebunden und lebt vom Prozess des Umsingens sowie vom Symbolgehalt emotionaler und kultureller Wertvorstellungen.

Zu den ältesten V.ern zählen hist. Lieder, Psalmen und Hymnen, die vom 16. Jh. an durch Chronisten, Geschichtsschreiber und Historiker zusammengetragen wurden. Hist.-polit. Lieder fanden meist als "fliegende Blätter" (Flugblätter) Verbreitung und wurden vielfach "im Ton" einer volkstüml. Weise vorgetragen. Berühmt sind Lieder und Textsammlungen, die vom Ursprung der Eidgenossenschaft künden (u.a. "Tellenlied" um 1477, "Sempacherlied" 1482, 1532 und 1836), insbesondere aber die "Liederchronik" (1532-36) Werner Steiners sowie das "Chronicon Helveticum" (Mitte 16. Jh.) von Aegidius Tschudi. In der franz. Schweiz entstanden in Erinnerung an den misslungenen Überfall auf die Stadt Genf die "Chansons d'Escalade" (1602), in den Pruntruter Wirren (1730-44) auch sozialkrit. V.er. Von der Franz. Revolution bis ins 19. Jh. fanden die "Chants révolutionnaires et patriotiques" allg. Verbreitung. Im Bündner Oberland waren v.a. die ab 1690 gedruckten volkstüml.-geistl. Lieder der "Consolaziun dell'olma devoziusa" ("Trost der frommen Seele") populär.

Angeregt durch den ersten Abdruck einer Kuhreihe, der "Cantilena Helvetica", begann Johann Jakob Bodmer sich um 1724 für das schweiz. Liedgut zu interessieren. Bodmer wie auch Laurenz Zellweger und Albrecht von Haller standen als sog. Entdecker der Alpen und der Sitten ihrer Bewohner den Dialektliedern aufgeschlossen gegenüber. Die Helvet. Gesellschaft hingegen verfolgte noch um 1766 die aufklärer. Absicht, "ärgerliche" und "verführerische" V.er zu verbieten und an deren Stelle "nützliche" einzuführen.

Die weltl. und geistl. V.er, die meist hochsprachlich vorgetragen wurden, waren und sind z.T. noch zu Beginn des 21. Jh. eng mit dem Kirchenjahr verknüpft (u.a. Weihnachts-, Neujahrs-, Oster-, Heiligenlieder und Psalmen). Im Unterschied dazu waren die traditionellen Brauchtumslieder, die überwiegend in Mundart gesungen wurden, dem Agrar- oder Familienzyklus zugeordnet (Ernte-, Herbst-, Hirten-, Mai- oder Kiltlieder). Arbeitslieder, die sich ursprünglich auf bestimmte Berufe und Arbeitsvorgänge bezogen (Spinner-, Weber-, Handwerks-, Berufs- und Standeslieder), sind heute kaum mehr gebräuchlich.

Abgesehen von zahlreichen geistl. und religiösen Liedern sowie von einigen wenigen Zaubersprüchen, Balladen, Nachtwächter-, Kinder- und Wiegenliedern entstammt das heute vorhandene Liedrepertoire der Heimat-, Jodel-, Tanz- und Liebeslieder vorwiegend dem 19. Jh. Weite Verbreitung fanden insbesondere die neueren volkstüml. Lieder (Schweizer-, Vaterlands-, Heimat-, Soldaten-, Turner- und Studentenlieder). Mit dem Erwachen eines nationalen Bewusstseins nach der Franz. Revolution kamen die in Büchern gesammelten "Schweizer Lieder" oder die neu geschaffenen Lieder "im Volkston" oder "fürs Volk" durch Schützen-, Turner- und Studentenverbände (z.B. Zofinger Liederbücher) zu Hunderten in Umlauf. Mit der inszenierten Wiederbelebung bekam das V. eine neue Zweckbestimmung und wurde zum ästhetisierenden, historisch vor- und aufgeführten Gegenstand bei Festumzügen und Festivals (Feste).

Vom ausgehenden 19. Jh. an wurden die mundartlich ausgerichteten Regionalstile durch die zunehmende Mobilität und Migration sowie das überregionale hochsprachl. Melodiegut der publizierten Lieder verändert. V.er wurden öfters im Chorsatz arrangiert, andere wurden volkstümlich nachempfunden und zu Kunstliedern im Volksmund. Im Unterschied zu den meist einstimmig und mündlich überlieferten traditionellen V.ern wurden die mehrstimmig komponierten Lieder in publizierten Ausgaben u.a. durch Gesangsvereine (Chorwesen), Schulen und (Jugend-)Verbände (z.B. Pfadfinder, Wandervogel) verbreitet. Um 1905 begann die Heimatschutzbewegung mit der organisierten Pflege der schweiz. Bräuche, Trachten, Mundarten und V.er. Auf der Suche nach einer vergangenen und häufig verklärten musikal. "Bodenständigkeit" entwickelte sich über Jahrzehnte hindurch eine konservierende Kultur des V.es wie auch der Volksmusik im heimatideolog. und nationalen Sinn. Dies führte in den 1960-70er Jahren zum direkten Widerspruch im engagierten und politisierten Lied der Umweltschutzbewegung, die letztlich in der Liedpraxis der Folksongs bewusst das globale Denken mit dem lokalen Handeln zu verbinden trachtete.


Literatur
Schweiz. V.er, hg. von L. Tobler, 1882-84 (21975)
– J. Urbain, La chanson populaire en Suisse romande, 3 Bde., 1977-94
– M.P. Baumann, Bibl. zur ethnomusikolog. Lit. der Schweiz, 1981
– N. Berther, Bibliografia retorumantscha (1552-1984) e Bibliografia da la musica vocala retorumantscha (1661-1984), 1986
– C. Burckhardt-Seebass et al., "... im Kreise der Lieben": eine volkskundl. Unters. der populären Liedkultur in der Schweiz, 1993
– M.P. Baumann, Die schönsten Schweizer V.er, 1994, (mit Bibl. und Diskographie)
– M.P. Baumann, «Die Älplerfeste zu Unspunnen und die Anfänge der Volksmusikforschung in der Schweiz», in Schweizer Töne, hg. von A. Gerhard, A. Landau, 2000, 155-186
– J.-P. Moulin, Une histoire de la chanson française, 2004

Autorin/Autor: Max Peter Baumann