• <b>Chorwesen</b><br>Fest des Sängervereins Stäfa 1832. Kolorierte Lithografie von  G. Werner (Schweizerisches Nationalmuseum).

Chorwesen

Unter C. wird hier ein Teilgebiet der Musikgeschichte verstanden, das die Entstehung, Entwicklung und Bedeutung versch. Vereinigungen von Sängern, deren musikal. Literatur sowie deren Verbandswesen umfasst. Sänger sind in weltl. und kirchl. Laienchören oder professionellen Chören organisiert, die seit dem MA auch einen Teil der religiösen, sozialen und polit. Kultur darstellen.

1 - Vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert

Das C. entwickelte sich im Raum der heutigen Schweiz als Bestandteil der kult. Handlung in der Kirche. Der Chor bestand als Schar der Lobpreisenden entweder aus der Gemeinschaft der Kleriker mit dem Volk oder allein aus Klerikern. Gegen Ende des 13. Jh. ging aus Letzteren der geschulte Sängerchor hervor, der sich in einem vom Laienbereich getrennten Teil der Kirche aufhielt (Chor, Empore). Die beiden Klöster St. Gallen und Einsiedeln verfügten über die berühmtesten Sängerschulen des MA.

Waren früher nur der einstimmige Gesang, der gregorian. Choral (Gregorianischer Gesang) und das Volkslied gepflegt worden, so führten gegen Ende des 15. Jh. auch dt. Komponisten in der Tradition der franko-fläm. Schule den mehrstimmigen Satz ein. Die Chorkomposition erlebte in der Folge eine hohe Blüte. Der in Deutschland wirkende Schweizer Ludwig Senfl war einer der ersten, der die polyfone Satztechnik nutzte. In der Reformationszeit verbannte Huldrych Zwingli den Gesang aus der Zürcher Kirche. Johannes Calvin führte 1537 den einstimmigen, unbegleiteten Psalmengesang ein (Kirchenlied). Der franz. Komponist Claude Goudimel vertonte die Psalmen vierstimmig und fasste sie in einem Chorbuch zusammen. Im Laufe des 17. und 18. Jh. erschienen weitere geistl. Chorsammlungen, deren früheste an die Goudimel-Psalmen anknüpfen. Die bedeutendste des 17. Jh. war die 1682 von Christian Huber herausgegebene "Geistl. Seelenmusik"; im 18. Jh. war es die Sammlung "Singendes und Spielendes Vergnuegen Reiner Andacht" (1752) von Johannes Schmidlin.

Zum Mittelpunkt einer neuen Entwicklung des C.s wurden die Stadt Zürich und Wetzikon (ZH). 1754 gründete Pfarrer Johannes Schmidlin in Wetzikon den ersten, aus 200 Männern und Frauen bestehenden volkstüml. Gesangsverein. Angeregt durch die volkstüml.-patriot. Dichtungen von Johann Kaspar Lavater komponierte Schmidlin die 1769 erschienenen "Schweizerlieder" und wurde damit zum Begründer der weltl. Liedkomposition in der Schweiz. Auch Schmidlins Schüler Heinrich Egli, Johann Jakob Walder und Hans Georg Nägeli, welche die sog. Wetziker Schule bildeten, komponierten vorwiegend weltl. Lieder. Im französischsprachigen Gebiet setzte der Aufschwung des Gesangs etwas später ein und erreichte seinen Höhepunkt mit Jean Bernard Kaupert, der in den 1830er Jahren Gesangskurse veranstaltete und eine Liedersammlung veröffentlichte ("Chant national suisse").

Autorin/Autor: Sibylle Ehrismann

2 - Das 19. Jahrhundert

Die eigentl. Schöpfung des 19. Jh. ist der Männerchorgesang. Seine Entstehung verdankte er der mit der Aufklärung eingetretenen Umgestaltung des Geisteslebens. Damit einher ging die Entdeckung volkstüml. Werte, die zunehmend patriot. Gesinnung und die Freude am geselligen Kreis (Vereine). Als Begründer des weltl. Männerchorgesangs gilt Hans Georg Nägeli, der den unbegleiteten vierstimmigen Männerchor an die Stelle des von Männer-, Frauen- und Knabenstimmen getragenen, durch den Generalbass gestützten Gesangs setzte.

Im Zuge der polit. und sozialen Aufklärung setzte sich Nägeli als Musikpädagoge im Sinne Johann Heinrich Pestalozzis stark für die musikal. Volksbildung ein. 1805 initiierte er in Zürich mit dem Singinstitut die erste nicht kirchl. Sängerschule, 1808 war er Mitbegründer der Schweiz. Musikgesellschaft in Luzern, und 1817 gab er zusammen mit dem Wettinger Musikpädagogen Michael Traugott Pfeiffer eine bahnbrechende "Gesangsbildungslehre" für Männerchöre heraus. Einer seiner bedeutendsten Anhänger war der Luzerner Komponist Franz Xaver Schnyder von Wartensee, der zahlreiche vierstimmige Lieder für Männerchöre schrieb. Auch im süddt. Raum regte Nägelis Gedankengut die Gründung von Männerchören an.

<b>Chorwesen</b><br>Fest des Sängervereins Stäfa 1832. Kolorierte Lithografie von  G. Werner (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>
Fest des Sängervereins Stäfa 1832. Kolorierte Lithografie von G. Werner (Schweizerisches Nationalmuseum).
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In den Kantonen schlossen sich die grösseren Männerchöre zu Kantonsgesangsvereinen zusammen. Der Appenzell. Sängerverein führte 1825 das erste Kant. Sängerfest durch. Nach diesem Vorbild veranstalteten die neuen Kantonalverbände in regelmässigen Abständen ihre Feiern, welche bis in die Gegenwart wichtige Treffpunkte der Chorsänger sind. Eines der wichtigsten Kant. Sängerfeste war jenes des Aarg. Kantonalverbands von 1842. Zu diesem Fest wurden erstmals auch Männerchöre anderer Kantone eingeladen, was zur Gründung des Eidg. Sängervereins führte. Im Gesang der Männer- und Massenchöre an den Eidg. Sängerfesten, die ab 1843 regelmässig durchgeführt wurden, fand die damals herrschende patriot., freisinnige und freiheitl. Gesinnung ihren begeisterten Ausdruck (Eidgenössische Feste). Sie spiegelt sich auch in den sog. Nationalliedern, u.a. dem 1841 von Leonhard Widmer und Alberik Zwyssig komponierten Schweizerpsalm "Trittst im Morgenrot daher", seit 1981 offizielle Landeshymne der Schweiz. Zu den bedeutendsten Nationalliedern gehört auch "O mein Heimatland" (1846) von Gottfried Keller und Wilhelm Baumgartner. Die neue Gattung Männerchorballade, die der Zürcher Komponist und Dirigent Friedrich Hegar in den 1860er Jahren einführte, wirkte belebend auf das C. 1888 entstand der Schweiz. Arbeitersängerverband (Arbeitervereine), 1896 der Schweiz. Kirchengesangbund. Beide Verbände haben bis in die Gegenwart Bestand.

Autorin/Autor: Sibylle Ehrismann

3 - Das 20. Jahrhundert

Im Zuge der sich entwickelnden Männerchorbewegung wurden zur Pflege der grossen Oratorien auch gemischte Chöre gegründet. Sie schlossen sich 1911 zum Schweiz. Verband gemischter Chöre zusammen. Da die führenden Komponisten die Gattung Frauenchor vernachlässigten, formierten sich Frauenchöre langsamer. Sie vereinigten sich erst 1952 im Verband der Schweiz. Frauen- und Töchterchöre. Trotz seiner schnellen und weiträumigen Verbreitung erfuhr der Chorgesang auch manche Verflachung in der Routine des Konzertbetriebs und im starren Vereinsleben. Neuen Antrieb brachte in den 1920er Jahren die Singbewegung. Sie ging von der Jugendbewegung in Deutschland aus, welche sich für die Erneuerung der bürgerl.-städt. Musikkultur einsetzte. Insbesondere im schulischen Bereich gelangen der Jugendmusikbewegung bedeutende Reformen: die Einführung spezieller Ausbildungen für Musiklehrer, die Gründung von Gymnasien mit musikal. Schwerpunkt und von Schulchören sowie die Ausarbeitung von Konzepten für die musikal. Bildung und einen kindergerechten Musikunterricht. Im ausserschulischen Bereich kam es ebenfalls zu Neugründungen von Chören, Volks- und Jugendmusikschulen. Daneben wurden Sing- und Musikwochen sowie Offene Singen für jedermann veranstaltet. Einer der bedeutendsten Vertreter dieser Richtung ist der Winterthurer Chorleiter Willi Gohl (geboren 1925).

Das wachsende Freizeitangebot und das schwindende Bewusstsein um den sozialen und kulturellen Wert des Singens sind Zeiterscheinungen, denen sich die Schweiz. Chorvereinigung (SCV) entgegensetzt. Sie entstand 1977 durch den Zusammenschluss des Eidg. Sängervereins, des Schweiz. Verbandes Gemischter Chöre und des Verbandes der Schweizer Frauen- und Töchterchöre. Die SCV veranstaltet die Schweiz. Sängerfeste, gibt als Verbandsorgan die "Schweiz. Chorzeitung" heraus, führt neben Kursen für Chorleiter seit 1988 nationale Chorwettbewerbe durch und schreibt zur Förderung neuer Chorliteratur Kompositionswettbewerbe aus. Der Zusammenschluss der drei grossen Chorverbände zur SCV verleiht dem C. in der Schweiz auch kulturpolitisch grösseres Gewicht.

Autorin/Autor: Sibylle Ehrismann

Quellen und Literatur

Literatur
Die Schweiz, die singt, hg. von P. Budry, 1932
– A.-E. Cherbuliez, Die Schweiz in der dt. Musikgesch., 1932
Schweizer Musikbuch, hg. von W. Schuh, 2 Bde., 1939
– R. Thomann, Der Eidg. Sängerverein, 1942
Musica Aeterna, hg. von G. Schmid, 2 Bde., 1948