Amphitheater

Alle sechs bis heute in der Schweiz bekannten A. sind volle Erdanlagen; die Mauerstrukturen dienten nur zur Abstützung des Erdreichs unter den aufsteigenden Zuschauerrängen und zur Anlegung der Zugänge. Zu Beginn des 1. Jh. n.Chr. wurde das A. des Legionslagers Vindonissa zunächst aus Holz errichtet, später aus Stein neu aufgebaut. Seine Arena (64 x 51 m) ist von einem Dienstgang umschlossen und über zwei mächtige Portale zugänglich. Die Zuschauer gelangten von aussen über zwölf Treppenhäuser zu ihren Plätzen. Im Norden führte ein dritter Eingang zur Ehrentribüne und hinunter zu den Sitzreihen. Das von den Legionären erbaute A. fasste rund 10'000 Zuschauer. Es lag ausserhalb des Lagers, südl. des einheim. Marktfleckens, dessen Bewohner wohl ebenfalls Zutritt hatten und es nach dem Abzug der 21. Legion bis ins 4. Jh. weiter besuchten. Das Interesse an den im A. dargebotenen Spielen (Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen) war in der romanisierten Bevölkerung tief verwurzelt.

In Augusta Raurica, Aventicum, Octodurus und Colonia Iulia Equestris veranlassten zivile Behörden den Bau von A.n. Diese, etwas später errichtet, lagen innerhalb des Stadtgebiets, aber ausserhalb der Wohnquartiere, und standen oft in Verbindung zu einem nahe gelegenen Heiligtum. In Augusta Raurica umschlossen ab Mitte des 1. Jh. Bühne und Orchestra des gegenüber dem Schönbühltempel erbauten Theaters eine Arena, die von einer Podiumsmauer begrenzt und mit Tierkäfigen ausgestattet war. Anfangs des 2. Jh. entstand neben dem Tempel auf Sichelen II ein richtiges A. In Aventicum war das A. Teil des Bauprogramms der vespasian. Kolonie. Das in der Nachbarschaft der Tempel Grange-des-Dîmes und Cigognier gelegene Theater bot nach seiner Vergrösserung im 2. Jh. etwa 16'000 Zuschauern Platz. In Octodurus (Anfang 2.-4. Jh.) wurde es nur durch die Strasse zum Gr. St. Bernhard vom Tempelbez. der einheim. Götter getrennt. Diese Verbindung von A. und Heiligtum, die vom städt. Umfeld völlig losgelöst waren, war typ. für die gall. Provinzen und findet sich auch bei den kleinen (kultischen?) A.n auf der Berner Engehalbinsel und von Ursins (noch freizulegen). Vielleicht handelt es sich dabei ebenfalls um ein Arena-Theater oder aber um ein Kulttheater wie in Riehen (Pfaffenloch).


Literatur
– J.-C. Golvin, L'amphithéâtre romain, 1988
– R. Fellmann, La Suisse gallo-romaine, 1992, 124-128

Autorin/Autor: Philippe Bridel / EM