• <b>Jeremias Gotthelf</b><br>Die Gotthelf-Stube in Lützelflüh, fotografiert im Oktober 1954  © KEYSTONE/Photopress. Museale Inszenierung an der letzten Wirkungsstätte des Pfarrers und Dichters: An der Wand hängt das berühmte, von Johann Friedrich Dietler 1844 gemalte Porträt Gotthelfs neben dem Bildnis seiner Frau. Das Sofa soll von Gotthelf selbst noch benutzt worden sein. Das kleine Museum wurde 1954 zu seinem 100. Todestag im Pfarrhausspeicher eingerichtet.

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Gotthelf, Jeremias

geboren 4.10.1797 (Albert Bitzius) Murten, gestorben 22.10.1854 Lützelflüh, ref., von Bern. Sohn des Sigmund Bitzius, Pfarrers, und der Elisabeth Kohler, von Büren an der Aare. ∞ Henriette Zeender, von Bern. Ab 1805 Unterricht beim Vater in Utzenstorf, ab 1812 im Gymnasium in Bern. 1814 Beginn des Theologiestud. in Bern, nach dem Examen 1820 Vikar beim Vater, 1821-22 Studienjahr in Göttingen, 1824 Vikar in Herzogenbuchsee, 1829 in Bern, 1831 in Lützelflüh, von 1832 bis zu seinem Tode dort Pfarrer, ab 1836 als Schriftsteller tätig. Schon als Student wollte G. 1817 dem "Schlamm der Theologie entkommen", der zurückschauende Dichter dann bezeichnete 1851 sein Studium als "wissenschaftlich nicht fruchtbar". Dem wurde der eigene Studien- und Lebensplan entgegengestellt: "eingreifen, schaffen, wirken".

Der Zyklus "Bilder und Sagen aus der Schweiz", unter ihnen "Die schwarze Spinne" (1842) und "Geld und Geist" (1843-44), reagiert auf die Niederlage von 1798 und die napoleon. Zeit. Zur gleichen Erfahrung der Wehrlosigkeit gegenüber Despoten gehören "Die Rotentaler Herren" (1841), "Elsi die seltsame Magd" (1843) und "Der Knabe des Tell" (1846). Dass G.s Berliner Verleger Julius Springer die zahlreichen Erzählungen in der Sammlung "Erzählungen und Bilder aus dem Volksleben der Schweiz" zusammenstellen und in Deutschland verbreiten konnte, lässt ihre sowohl regionale als auch überregionale Bedeutung erkennen.

Jeder der 13 Romane G.s entfaltet Aspekte gesamteurop. Modernisierungs- und Säkularisierungskrisen, die im Titel von "Zeitgeist und Bernergeist" (1852) auf eine Formel gebracht werden. Sie sind im Gegensatz der satir. und zugleich idealist. Sicht des Churer Schützenfestes von 1842 im "Herr Esau" (1844) und in "Eines Schweizers Wort" (1842) fassbar. Die soziale Frage wird nicht nur in der "Armennot" (1840), sondern auch im "Bauernspiegel" (1837), in den "Leiden und Freuden eines Schulmeisters" (1838-39), in "Uli der Knecht" (1841) und im "Schuldenbauer" (1854) thematisiert. Fundamentalistisch anmutende Religions- und Lebensformen werden in "Der Geltstag" (1846), "Käthi die Grossmutter" (1847) und "Jakobs Wanderungen" (1846-47) der kapitalist. Wirtschaft, dem Fabrikwesen und dem Sozialismus als Alternativen entgegengestellt. "Uli der Pächter" (1849) ist eine Antwort auf den Sonderbund, die "Käserei in der Vehfreude" (1850) eine Reaktion auf das Revolutionsjahr 1848 und der Pfarrer-Arzt-Roman "Anne Bäbi Jowäger" (1843-44) eine Totalschau religiöser und naturwissenschaftl. Erkenntnis. In der Forschung und Rezeption wurden G.s Werke oft einseitig den "Dorfgeschichten" oder "Bauernromanen" zugerechnet.

<b>Jeremias Gotthelf</b><br>Die Gotthelf-Stube in Lützelflüh, fotografiert im Oktober 1954  © KEYSTONE/Photopress.<BR/>Museale Inszenierung an der letzten Wirkungsstätte des Pfarrers und Dichters: An der Wand hängt das berühmte, von Johann Friedrich Dietler 1844 gemalte Porträt Gotthelfs neben dem Bildnis seiner Frau. Das Sofa soll von Gotthelf selbst noch benutzt worden sein. Das kleine Museum wurde 1954 zu seinem 100. Todestag im Pfarrhausspeicher eingerichtet.<BR/>
Die Gotthelf-Stube in Lützelflüh, fotografiert im Oktober 1954 © KEYSTONE/Photopress.
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Werke
Sämtl. Werke, 1911-77
Literatur
– K. Fehr, Jeremias G., 1954
– B. Juker, G. Martorelli, Jeremias G. Albert Bitzius 1797-1854, 1983, (Bibl.)
– H.P. Holl, Jeremias G., 1988
– U. Knellwolf, Gleichnis und allg. Priestertum, 1990
– P. Cimaz, Jeremias G. (1797-1854), 1998

Autorin/Autor: Hanns Peter Holl