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Solothurn (Gemeinde)

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Polit. Gem. SO, Bezirkshauptort und Kantonshauptstadt. 219 vico salod[uro], 1251 saluerre, 1275 Solotren, franz. Soleure, ital. Soletta, rätorom. Soloturn. Um die röm. und frühma. Siedlungskerne entwickelte sich im MA die Altstadt nördlich und die Vorstadt südlich der Aare. Im 19. und 20. Jh. dehnte sich das Wohngebiet östlich und v.a. westlich in die Aareebene und nördlich gegen den Juraabhang aus. Nach dem Aussterben der Zähringer 1218 entwickelte sich S. zur freien Reichsstadt und trat 1481 der Eidgenossenschaft bei. Im 18. Jh. verkleinerte S. ihr Stadtgebiet. Im 20. Jh. scheiterten Versuche von Eingemeindungen. Mit der Neugründung des Bistums Basel wurde S. 1828 Bischofssitz.

Bevölkerung Solothurn
JahrEinwohner
um 1400ca. 2 000
um 1500ca. 2 500-3 000
um 1692ca. 3 900
1798/99ca. 3 600
18294 254
18374 647

Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner5 3707 0088 31710 02511 68813 73416 74317 70815 74815 489
Anteil an Kantonsbevölkerung7,7%9,4%9,7%9,9%10,0%9,5%9,8%7,9%6,8%6,3%
Sprache          
Deutsch  7 9809 28610 82012 84015 59514 97713 45313 270
Französisch  260509646521604441293193
Italienisch  491901722884431 604739469
Andere  284050851016861 2631 557
Religion, Konfession          
Katholischb4 8515 6985 6126 0986 5347 0387 8199 5977 0835 463
Protestantisch5181 2912 5833 8144 9476 4157 8007 2215 6574 581
Christkatholisch      825525269182
Andere1651221132072812993652 7395 263
davon jüdischen Glaubens  8881756452312527
davon islamischen Glaubens       32405915
davon ohne Zugehörigkeitc       1821 8563 139
Nationalität          
Schweizer5 1026 4927 6959 09010 56612 73315 84915 03113 24212 336
Ausländer2685626229351 1221 0018942 6772 5063 153

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Von der Urgeschichte bis zum Frühmittelalter

1.1 - Ur- und Frühgeschichte

Die ältesten Funde auf Solothurner Stadtgebiet stammen vermutlich aus der Altsteinzeit. Reste einer mesolith. Freilandstation kamen 1986 bei Umbauten im ehem. Kino Elite zum Vorschein. Aus dem Neolithikum, der Bronze- und der Eisenzeit liegen nur wenige Einzelfunde vor.

Autorin/Autor: Pierre Harb

1.2 - Römische Kaiserzeit

Das röm. S. entstand wahrscheinlich um 15-25 n.Chr. als Strassenposten und Brückenkopf an der Strasse von Aventicum nach Augusta Raurica bzw. Vindonissa und entwickelte sich rasch zu einem kleinstädt. Zentrum (vicus). Der auf dem sog. Eponastein von 219 überlieferte Name Salodurum deutet nicht auf einen kelt. Ursprung der Siedlung, sondern ist Zeugnis der galloröm. Mischkultur in den Nordwestprovinzen des röm. Reichs. In seiner grössten Ausdehnung im 2.-3. Jh. n.Chr. umfasste der Vicus ungefähr das Gebiet der heutigen Altstadt inklusive eines Teils der heutigen Vorstadt südlich der Aare. Die Brücke stand vermutlich etwas oberhalb der heutigen Wengibrücke. Die röm. Uferlinie lag 40-80 m nördlich des heutigen Aareufers, die Hauptstrasse des Vicus befand sich wohl unter der heutigen Hauptgasse. Neben dem Namen und der Rechtsform der Siedlung sind zwei Ortsvorsteher überliefert (magistri) sowie ein Sechserkollegium (seviri Augustales), das mit dem Kaiserkult betraut war. Ausserdem befand sich in S. ein Strassen- und Polizeiposten der 22. Legion, deren Oberkommando in Mainz stationiert war. Inschriftlich belegt, aber nicht lokalisierbar, sind auch ein Jupitertempel und ein Tempel des Apollon-Augustus sowie ein Altar der beim röm. Militär beliebten, ursprünglich kelt. Pferde- und Reitergöttin Epona. Archäologisch dokumentiert sind eine Thermenanlage an der Hauptgasse und ein Töpferbezirk im Nordwesten der Altstadt. Auf ein Gräberfeld mit Urnen- und Brandbestattungen am östl. Ende des Vicus deuten Beobachtungen, die 1762-63 beim Abbruch der alten St. Ursenkirche gemacht wurden. Ausserdem sind zwei röm. Körpergräber aus demselben Areal nachgewiesen.

Autorin/Autor: Pierre Harb

1.3 - Spätantike und Frühmittelalter

Um 325-330/350 n.Chr. wurde die offene Strassensiedlung in einen befestigten Ort (castrum) umgewandelt, der nur noch die Hälfte der ehem. Siedlungsfläche umfasste. Der Verlauf der 2-3 m mächtigen und 9 m hohen Wehrmauer ist gesichert, der glockenförmige Grundriss noch heute im Katasterplan der Stadt ablesbar. An versch. Stellen sind grössere und kleinere röm. Mauerstücke in den Häusern der Altstadt sichtbar bzw. zugänglich. Ein Tor im Norden und ein Turm in der Südostecke sind gesichert, weitere Tore und Türme werden vermutet. Von der Innenbebauung sind nur wenige Überreste bekannt.

Im FrühMA gab es zwei Siedlungsschwerpunkte, einen zivilen im ehem. Castrum und einen kirchlich-sakralen auf dem Areal der spätröm. Gräberfelder ausserhalb der Mauern. Sowohl die Kirchen- und Heiligengeschichte wie die Belegung der Gräberfelder und Friedhöfe in und um St. Stephan, St. Urs und St. Peter bezeugen die Siedlungskontinuität. Die ehem. Stephanskapelle innerhalb des Castrums geht auf einen spätantiken Vorgängerbau zurück. In dieselbe Zeit wird ein als Grabmemorie interpretierter Bau der im Bereich der Gräberfelder gelegenen St. Peterskapelle datiert. Gegen Mitte des 5. Jh. erwähnt Bf. Eucherius von Lyon das Martyrium von Ursus und Victor und einen Heiligenkult in S. Um 500 überführte die burgund. Prinzessin Sedeleuba die Gebeine des Hl. Viktor nach Genf, während der Hl. Urs in S. verblieb. Das aus der Heiligenverehrung hervorgegangene Stift Sankt Ursen wird 870 erstmals erwähnt.

Autorin/Autor: Pierre Harb

2 - Herrschaft und Politik vom Hochmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

2.1 - Die Stadt wird selbstständig

Ab dem FrühMA galt das Gebiet des ehem. Castrums als königl. Domäne. Nach der Auflösung des lotharing. Mittelreichs gehörte S. zum Zweiten Königreich Burgund. Sechs Jahre nachdem dieses ans Reich gefallen war, hielt Ks. Konrad II. 1038 in S. einen Hoftag ab, an dem sein Sohn Heinrich III. zum Kg. von Burgund gekrönt wurde. Bis 1052 weilte dieser noch mehrmals in S. Allerdings fehlen Hinweise auf die Existenz einer festen Königspfalz. Unter der Rektoratsherrschaft der Hzg. von Zähringen wird 1146 die Solothurner Münze erwähnt. 1182 erscheint erstmals der causidicus als vom Herzog bestellter Richter, und 1252, während des Interregnums, tritt die Stadtgemeinde, d.h. Schultheiss, Räte und Burger, mit eigenem Stadtsiegel erstmals selbstständig auf. Nach dem Aussterben der Zähringer 1218 fiel S. als Teil des Rektoratsguts wieder unter die unmittelbare Herrschaft des röm.-dt. Königs. In den folgenden 200 Jahren emanzipierte sich die Bürgerschaft von ihrem Stadtherrn, indem sie immer mehr königl. Regalien erwarb und sich so von einer königl. Untertanenstadt zu einer freien Reichsstadt entwickelte. 1276 und 1280 bestätigte Kg. Rudolf I. die bisherigen, nicht näher umschriebenen Rechte der Stadt und verlieh ihr das privilegium de non evocando, d.h. das Recht, dass sie und ihre Bürger nicht vor fremde Gerichte gezogen werden dürfen. 1344 erbte S. von den Gf. von Buchegg das an diese verpfändete Schultheissenamt, was Ks. Karl IV. 1360 bestätigte. 1409 dehnte Kg. Ruprecht das privilegium de non evocando auf das königl. Hofgericht aus. Gleichzeitig gelang es der Stadt, das Stift St. Ursen, das sich ebenfalls auf königl. Ursprung berief, stärker in ihre Herrschaft einzubinden. 1251 wehrte sie vom Stift erhobene Ansprüche auf das Schultheissenamt ab. Kurz nach dem Erwerb des Schultheissenamts von 1344 kam die Stadt in den Besitz der Kastvogtei über das Stift, indem sie das Bürgerrecht an deren Inhaber Burkhard Senn den Älteren verlieh. 1512 bzw. 1520 erhielt S. schliesslich die päpstl. Privilegien, die Chorherren und Pröpste zu ernennen.

Autorin/Autor: Hans Braun

2.2 - Städtische Gesellschaft und Stadtregierung

Ab etwa 1200 mehren sich die Urkunden mit Zeugenlisten, die auf die Existenz eines v.a. aus Adligen zusammengesetzten Rats hinweisen. 1252 werden die Urkundenzeugen erstmals als consules et cives Solodorenses bezeichnet. Die Zunftbewegung des 14. Jh. führte auch in S. zur Einführung eines allerdings eingeschränkten Zunftsystems; eine Urkunde dazu ist nicht überliefert. Gegen 1350 trat zum elfköpfigen Altrat ein aus 22 Mitgliedern bestehender Jungrat, so dass jede der elf Zünfte einen Altrat und zwei Jungräte stellte. Diese 33 Räte übten zusammen mit dem Schultheissen die Regierungsgewalt aus und nahmen auch gesetzgeber. und richterl. Funktionen wahr. Bei den alljährlich am 24. Juni stattfindenden Wahlen (nach dem Versammlungsort Rosengarten genannt) wählten die Stadtbürger auf Vorschlag der Jungräte die Alträte sowie den Gemeinmann (Vertrauensmann der Zünfte im Rat). Anschliessend ernannten sie aus den Alträten den Schultheissen sowie auf Vorschlag des Schultheissen den Venner und den Grossweibel. Am folgenden Tag wählten die Alträte aus jeder Zunft zwei Jungräte, und am dritten Tag besetzten der Schultheiss und der 33-köpfige Kl. Rat den Gr. Rat, der aus 66 Mitgliedern, je sechs pro Zunft, bestand. Schliesslich bestellte der Kl. Rat - teils zusammen mit dem Gr. Rat - die Amtleute, allen voran den Seckelmeister und die Vögte.

Dieser weitgehend durch Kooptation bestimmte Wahlmodus stärkte die Position des Kl. Rats gegenüber der Gem. und dem Gr. Rat und führte, nachdem Ende des 15. Jh. Hans vom Stalls oligarch. Verfassungsprojekt noch gescheitert war, in der 2. Hälfte des 16. Jh. zur Einschränkung der polit. Mitsprache der Bürger sowie zur Ausbildung eines Patrizierregimes in der 2. Hälfte des 17. Jh. Gebremst wurde diese Oligarchisierung im 18. Jh., als es einerseits dem Gr. Rat 1718-21 gelang, einige Kompetenzen zurückzuerlangen, andererseits der Zuzug neuer reicher Fam. ins Regiment wegen der neuen Bürgerrechtsordnung von 1682 unterbunden wurde. Dadurch verkleinerte sich zwar der Kreis der zum Regiment berechtigten Fam., doch fanden nun, gefördert durch die Einführung eines geheimen Wahlverfahrens und Massnahmen gegen den Stimmenkauf 1764 und 1774, immer mehr Altbürgerfamilien bürgerl. Standes den Weg ins Regiment.

Autorin/Autor: Hans Braun

2.3 - Stadtanlage, öffentliche und private Bauten

Bereits um 1200 befand sich wohl nördlich des St. Ursenstifts eine zähring. Turmburg. In der 1. Hälfte des 13. Jh. wurden das Gebiet des ehem. Castrums, das östlich anschliessende Gewerbeviertel sowie die Kirchen St. Urs und St. Peter mit einer Stadtmauer umgeben. In der östl. Stadthälfte entstand mit dem St. Ursenstift, dem Franziskanerkloster (seit 1280 an der nördl. Stadtmauer) und dem franz. Ambassadorenhof (ab 1532) ein kirchlich und herrschaftlich geprägtes Quartier, während in der westl. Hälfte das Rathaus (zuerst an der Hauptgasse, ab 1476 südlich des Franziskanerklosters), das Kaufhaus (zuerst an der Hauptgasse, ab der 1. Hälfte des 17. Jh. am nördl. Aareufer) und der Zeitglockenturm die Mittelpunkte des bürgerl.-gewerbl. Lebens bildeten. Von der Blütezeit des Patriziats im 17.-18. Jh. zeugen vornehme Stadthäuser (Reinert-Haus 1692-93, Palais Besenval 1703-06) und Sommerresidenzen ausserhalb der Stadt (Sommerhaus Vigier 1648-50, Schlösser Waldegg 1682-86, Steinbrugg 1665-68 und Blumenstein 1725-28), aber auch das Zeughaus (1610-19), das Rathaus mit seinem Treppenturm Nord (1632-34) und seiner Ostfassade (Archivturm 1624, vollendet 1703-14), die Jesuitenkirche (1680-89), der neue Ambassadorenhof (1717-24), der Neubau des Heiliggeistspitals in der Vorstadt (1735-1800) und die neue klassizist. St. Ursenkirche (1763-90). Schon im 16. Jh. wurde die Stadtbefestigung u.a. durch das Baseltor und drei Rundtürme verstärkt. 1667-1727 errichtete die Stadt nach Plänen von Francesco Polatta, Jacques Tarade und Sébastien Le Prestre de Vauban eine Fortifikation mit elf Voll- und Halbbastionen, die das bewehrte Stadtgebiet durch Einschluss des östlich an die Vorstadt anschliessenden Kreuzackers erweiterte. Bis ins 18. Jh. liess die Solothurner Obrigkeit die Gefangenen in den Türmen der ma. und frühneuzeitl. Stadtbefestigung verwahren. 1753-61 entstand in der Vorstadt ein neues Gefängnis, das noch bis ins 20. Jh. als Untersuchungsgefängnis diente. 1460 wird erstmals ein Galgen erwähnt, der sich nordöstlich der Stadt in der Nähe von Feldbrunnen befand. Ein zweiter Galgen stand südwestlich der Vorstadt.

Autorin/Autor: Hans Braun

3 - Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur vom Hochmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

3.1 - Wirtschaft

In den Urkunden des 14. Jh. werden erstmals Handwerker erwähnt, ebenso drei Stadtmühlen. Den Aufschwung von Handwerk und Gewerbe im 15. Jh. bezeugt die Zahl von drei Dutzend einzelnen, in elf Zünften organisierten Berufen in der damals lediglich etwa 2'000 Einwohner zählenden Stadt. Da sich die Handwerker aber mit ihrem bescheidenen Wohlstand begnügten und, anders als die im 14. und frühen 15. Jh. in S. ansässigen Lombarden, ihren Gewinn nicht unternehmerisch investierten, entstand kein Grossgewerbe. Schon vor 1300 prägte S. eigene Münzen; ab dem SpätMA existierten vier Jahrmärkte, darunter der 1376 von Ks. Karl IV. gewährte Pfingstmarkt. Klagen der Zünfte über die Konkurrenz auswärtiger Händler fanden beim sonst eher fremdenfeindlich eingestellten Rat kein Gehör, denn der auf dem Absatz erhobene Pfundzoll floss in die Staatskasse. Anderseits setzte der Rat in Zeiten der Teuerung Höchstpreise fest. Ein besonderes Gewicht erlangte der Handel mit dem ab 1530 in S. residierenden franz. Ambassadoren.

Mit den Hugenottenkriegen und dem Dreissigjährigen Krieg wurde der franz. Solddienst zu einer wichtigen Verdienstquelle, dank der die Lebensmittelteuerung z.T. aufgefangen werden konnte. Unzählige Solothurner zogen in franz. Dienste; manche brachten es zu Rang und Besitz. Einige initiative Bürger, u.a. Nikolaus Glutz, Urs Grimm und Martin Besenval, wandten sich in der 1. Hälfte des 17. Jh. erfolgreich dem Grosshandel mit Tuchen, Silberwaren und Salz zu. Doch da dieser Handel im Unterschied zu dem der ref. Textilzentren allein auf Import beruhte, war er nicht von langer Dauer, zumal die Transitwege im Dreissigjährigen Krieg unsicher wurden. In der Barockzeit florierte das Baugewerbe, die übrigen Handwerker lebten bis ins 18. Jh. weiterhin in bescheidenen Verhältnissen. Als Frankreichs Bedarf an Söldnern um die Mitte des 18. Jh. nachliess, begannen einige führende Ratsfamilien, namhafte Summen in Handels- und Industriesozietäten zu investieren. So entstanden v.a. mehrere Textilunternehmen, als grösstes 1765 die Indiennefabrik Franz Wagner & Cie. Etwas von diesem neuen Wirtschaftsgeist floss auch in die 1761 gegr. Ökonom. Gesellschaft ein.

Autorin/Autor: Erich Meyer

3.2 - Gesellschaft

Über die frühe ständ. Gliederung der Bürgerschaft in der ma. Kleinstadt S. ist infolge der dürftigen Quellenlage wenig bekannt. Im 13. Jh. regierte eine schmale Oberschicht aus adligen Grundbesitzern und einigen Kaufherren über die bürgerl. Handwerker. Bis zum Pogrom von 1348 während des grossen Pestzugs lebten auch Juden in der Stadt. Um die Mitte des 14. Jh. erlangten die zünftisch organisierten Handwerker zunehmend Einfluss auf die Politik. Mit dem Erlöschen der letzten Rittergeschlechter fiel 1459 auch das Schultheissenamt an bürgerl. Familien und wurde fortan von reichen Wirten, Metzgermeistern und Müllern bekleidet. Damit hatte der Bürgerstand die polit. Gleichberechtigung erlangt. Doch schon im 16. Jh. begann sich eine neue Führungsschicht herauszubilden, der Söldneradel. Von einigen zugezogenen Fam. abgesehen, entstammte er dem städt. Bürgertum, erlangte aber aufgrund seiner militär. Karriere in Frankreich ein hohes Sozialprestige und verdrängte im Laufe des 17. Jh. die Handwerker aus den Vogt- und Ratsstellen. Diese Aristokraten mit ihrem verfeinerten franz. Lebensstil grenzten sich mehr und mehr vom Bürgerstand ab. Erst nach 1760, als einige patriz. Geschlechter ausgestorben waren, gelangten wieder zunehmend bürgerl. Vertreter in den Rat. Je mehr der Handwerker- und Gewerbestand, die grosse Mehrheit der Bürgerschaft, politisch entmachtet wurde, um so hartnäckiger hielt er an seinen materiellen Nutzungsrechten fest und begrüsste die Schliessung des Bürgerrechts 1682. Die an Zahl geringen Hintersässen wurden 1745 als Neubürger anerkannt. Rechtlich gesehen die unterste Klasse bildeten die Domizilianten (fremde Arbeiter, Dienstboten, Händler und Künstler); ihr Aufenthalt war zeitlich befristet.

Autorin/Autor: Erich Meyer

3.3 - Kirche und religiöses Leben

Seit alters besass das Chorherrenstift St. Urs in S. die Pfarrrechte. Besonders eng mit der Bürgerschaft verbunden war das 1280 gegr. Franziskanerkloster. Im 14. Jh. siedelten sich Beginen an, die Kranke pflegten; schon damals bestanden ein Spital und ein Siechenhaus. Dank der Stiftung eines Schultheissen wurde 1465 in der Vorstadt ein neues Spital samt Kapelle gebaut. Die kirchl. Erneuerung nach den Reformationswirren führte 1546 zur Neubelebung des verlassenen Franziskanerklosters und 1627 zur Reform des verweltlichten St. Ursenstifts. Neue Orden ebneten der kath. Reform den Weg: 1588 wurden die Kapuziner, 1646 die Jesuiten berufen. Dazu kamen 1609 die Kapuzinerinnen; 1652 bezogen die Franziskanerinnen, 1654 die Visitantinnen ihr neues Kloster. Die ausgeprägte Religiosität der Bürgerschaft äusserte sich in ihren Bruderschaften, Wallfahrten und vielen Stiftungen. Sichtbaren Ausdruck fand sie in den grossen Kirchenbauten dieser Zeit.

Autorin/Autor: Erich Meyer

3.4 - Bildung und Kultur

Neben der alten Lateinschule des Stifts bestand in S. ab 1520 eine dt. Stadtschule, ab 1541 auch eine Klasse für Mädchen. Da immer wieder Klagen über die Vernachlässigung dieser Schulen laut wurden und zudem eine höhere Mittelschule fehlte, berief der Rat 1646 die Jesuiten. An ihrem Kollegium erwarben fortan v.a. Patriziersöhne eine gymnasiale Ausbildung, nach Aufhebung des Ordens 1773 dann am Professorenkonvikt.

In der 2. Hälfte des 16. Jh. wirkten in S. einstige Schüler Glareans wie Johannes Aal, Hanns Wagner und Hans Jakob vom Staal der Ältere. In der 1658 gegr. Solothurner Druckerei erschien 1666 Franz Haffners polyhistorisch angelegte zweibändige Chronik S.s. Neue geistige Impulse verliehen der Stadt einige aufgeklärte Bürger in der 2. Hälfte des 18. Jh., namentlich Franz Jakob Hermann als Literat und Gründer der Stadtbibliothek und der Buchdrucker und Verleger Franz Josef Gassmann. Wie zahlreiche andere Solothurner gehörten sie der Helvet. Gesellschaft an, deren Ziele in Chorherr Franz Philipp Gugger einen besonders eifrigen Befürworter fanden.

Autorin/Autor: Erich Meyer

4 - Politisch-administrative Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert

Die 1798 neu geschaffene Gemeindekammer (Bürgergemeinde) erhob Anspruch auf die Güter des untergegangenen Stadtstaates und erhielt in der "Sönderungsconvention" von 1801 grosse Ländereien und umfangreichen Waldbesitz ausserhalb des 1720 stark verkleinerten Stadtbanns zugesprochen. 1831 entzog das Kantonsparlament den elf städt. Zünften alle polit. Funktionen. Danach lösten sich die Zünfte zwischen 1831 und 1842 auf. Nachdem aufgrund des Gemeindegesetzes von 1859 die Einwohner nach und nach an den Gemeindeangelegenheiten beteiligt worden waren, wurde 1875 im Vollzug der Bundesverfassung von 1874 und der Kantonsverfassung von 1875 die Einwohnergemeinde geschaffen. Die Güterteilung zwischen Einwohner- und Bürgergemeinde gestaltete sich langwierig und konnte erst 1978 mithilfe des Regierungsrats abgeschlossen werden.

Vollziehende Gewalt ist der seit 1897 im Proporzverfahren gewählte Gemeinderat (30 Mitglieder und 15 Ersatzmitglieder). Als Exekutivorgan wählt er aus seiner Mitte die Gemeinderatskommission (sieben Mitglieder). Stadtpräsident und Vizepräsident werden durch das Volk gewählt. Als Legislative fungiert die Gemeindeversammlung. Die Zusammensetzung des Gemeinderats blieb 1917-73 bemerkenswert stabil. Die Freisinnigen hielten durchschnittlich 60% der Sitze, die Sozialdemokraten und die Konservative Volkspartei (heute CVP) ca. 20%. 1970 beschloss die Gemeindeversammlung das Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Mit dem Auftreten neuer Parteien verlor der Freisinn seine dominierende Stellung. 2009 erreichte die FDP 30%, die SP 23%, die CVP 23%, die Grünen 17% und die SVP 7% der Stimmen.

In der 2. Hälfte des 19. Jh. entstanden moderne Infrastrukturen. 1852 wurde die Stadt ans Telegrafennetz angeschlossen. 1860 baute der Augsburger Kaufmann Ludwig August Riedinger auf dem Gelände der niedergerissenen Petersschanze ein Gaswerk und führte auf privater Basis die Gasbeleuchtung ein. 1880 wurde die Druckwasserversorgung, 1883 das erste Telefonnetz, 1895 das städt. Elektrizitätswerk in Betrieb genommen und 1903 das Gaswerk übernommen. Diese und weitere Aufgaben im Sozial-, Schul- und Kulturbereich zogen ab den 1880er Jahren den schrittweisen Ausbau der Stadtverwaltung nach sich.

Autorin/Autor: Erich Weber

5 - Wirtschaft und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert

5.1 - Stadtentwicklung und Verkehr

Ab 1835 begann der dafür zuständige Kanton mit dem Abbruch der barocken Befestigungswerke vor dem Basel- und dem Bieltor. Auslöser waren v.a. Verkehrsfragen, weniger die polit. Symbolik. Eine städtebaul. Entwicklung stiess die Entfestigung vorerst nicht an. Weitere Breschen in die Schanzen wurden 1856-57 beim Bau der Linie Herzogenbuchsee-S.-Biel der Schweiz. Centralbahn geschlagen. Darauf entwickelte sich ab 1862 das Westringquartier nach einem einheitl. Überbauungsplan zwischen Westbahnhof und Altstadt. Der Entscheid des Kantonsrats, den Bahnhof für die 1876 eröffnete Gäubahn im Süden der Stadt anzulegen, führte zur Beseitigung der Schanzen südlich der Aare. Dort entstand ab 1890 als zweite grosse Stadterweiterung das Quartier Neu-S. Von 1876 an formierte sich Widerstand gegen den weiteren Abbruch der Befestigungsanlagen. Nach langjährigem Ringen übernahm die Einwohnergemeinde 1888 die Riedholzbastion im Nordosten der Stadt und liess sie 1893 restaurieren. Erfolglos blieb hingegen der schweizweite Widerstand gegen den 1905 vom Regierungsrat durchgesetzte Abbruch der Turnschanze in der Vorstadt. Er gab aber den Anstoss zur Gründung der Schweiz. Vereinigung für Heimatschutz. Auf dem Gelände der abgetragenen Befestigung im Norden der Stadt entstanden bis 1902 repräsentative Kulturbauten und ein grosszügiger Stadtpark mit Ringstrasse.

1912 scheiterte die vom Stadtpräsidenten angestrebte Raumplanung an der Urne. Die Diskussion um die Eingemeindung von Feldbrunnen und Zuchwil endete 1919 ebenfalls ohne Resultat. In der Folge entstanden neue Wohnquartiere weitgehend zusammenhanglos auf ehem. Landgütern. Mitte der 1970er Jahre beendete die Krise der Solothurner Industrie die intensive Bautätigkeit abrupt. Erst Ende der 1990er Jahre nahm sie wieder zu. 1971 erhielt S. mit der A5 Anschluss an das Autobahnnetz. 1961 war die Wengibrücke für den motorisierten Verkehr gesperrt worden. Seit 1972 gelten in Teilen der Altstadt ein Nachtfahrverbot und eine Einfahrtsperre am Nachmittag. Mit der Eröffnung der Umfahrungsstrasse im Westen der Stadt wurden 2008 die letzten grossen Landreserven der Stadt erschlossen.

Autorin/Autor: Erich Weber

5.2 - Wirtschaft und Gesellschaft

Die Wirtschaft der Stadt S. wuchs in der 1. Hälfte des 19. Jh. nur langsam. Ab 1850 versuchte der 1842 gegr. Gewerbeverein mit Unterstützung der Stadtgemeinde, neue Industrien anzusiedeln. Wegen des Mangels an Wasserkraft blieb der Versuch vorerst erfolglos. Der Anschluss an das Bahnnetz förderte ab 1857 den Export von Solothurner Kalkstein aus den Gruben von S. und St. Niklaus, bis dieser in den 1890er Jahren von billigeren Materialien verdrängt wurde. 1863 gründete Viktor Glutz-Blotzheim die heute noch bestehende Scharnier- und Schlossfabrik Glutz AG. Josef Müller-Haiber nutzte ab 1876 die spärl. Wasserkraft der Schanzmühle für eine Décolletagefabrik, die späteren Sphinxwerke. 1886 liess er seine Fabrik aus dem 7 km entfernten Kraftwerk Kriegstetten über die weltweit erste Freileitung mit Elektrizität versorgen. Die Uhrenindustrie fasste 1888 mit der Liga AG und 1905 mit Meyer & Stüdeli (ab 1952 Roamer Watch) in S. Fuss. 1922 gründete Walter Hammer mit der Autophon AG die erste Spezialfabrik für automat. Telefonie in der Schweiz, die 1987 in der Ascom aufging.

Im 19. Jh. hatten die Zuwanderer wesentlich zum Aufblühen der Industrie beigetragen. Sie veränderten aber auch die Bevölkerungsstruktur der Stadt S. 1889 war trotz der vielen Neuaufnahmen nur noch ein Viertel der Einwohner Stadtbürger. Nach der Entmachtung des Patriziats im ersten Drittel des 19. Jh. wirkten am Ende des 19. Jh. neben den Einheimischen zunehmend Zuzüger am wirtschaftl., polit. und kulturellen Geschehen mit. Seit den 1960er Jahren nahm der Ausländeranteil an der Stadtbevölkerung massiv zu.

Die Krise der 1970er Jahre traf die Solothurner Industrie hart. 1965 hielt der 2. Sektor mit 7'729 Arbeitnehmern noch 53% der Arbeitsplätze in der Stadt, 2005 beschäftigte die Industrie nur mehr 2'769 Personen (17% der Arbeitsplätze), während der Dienstleistungssektor im selben Zeitraum von 6'749 auf 13'097 (82% der Arbeitsplätze) anstieg.

Autorin/Autor: Erich Weber

5.3 - Kirche und religiöses Leben

Bei der Neugründung des Bistums Basel 1828 wurde S. Bischofssitz und die Stiftskirche St. Urs in den Rang einer Kathedrale erhoben. Das 1859 gegr. und 1860 eröffnete Priesterseminar der Diözesanstände wurde im Rahmen des Kulturkampfs 1870 aufgelöst, bis 1876 als provisor. Seminarkurs des Bischofs weitergeführt und 1878 in Luzern angesiedelt. Nach seiner Ausweisung 1873 amtierte Bf. Eugène Lachat während elf Jahren aus dem luzern. Exil, ehe er 1884 auf sein Amt verzichtete und der neue Bf. Friedrich Fiala wieder in S. Wohn- und Amtssitz nahm. Von den sechs Anfang des 19. Jh. bestehenden Klöstern und Stiften existierten Anfang des 21. Jh. noch die beiden Frauenklöster Namen Jesu und Visitation.

In der katholisch geprägten Stadt gingen die Reformierten zu Beginn des 19. Jh. nach Lüsslingen zur Kirche. 1835 wurde die ref. Kirchgemeinde gegründet und 1867 ausserhalb der Stadtmauern eine eigene Kirche erbaut. Sie wurde 1925 durch einen grösseren Neubau ersetzt, der bis zum Entstehen eigener Kirchen in den umliegenden Gem. den Reformierten der ganzen Region diente. Die 1877 gegründete christkath. Kirchgemeinde übernahm 1896 die Kirche des 1857 aufgehobenen Franziskanerklosters. Angehörige jüd. Glaubens richteten 1893 einen Gebetsraum ein, der 1983 aufgegeben wurde. 1898 hielt die Evang.-methodist. Kirche in S. Einzug und 1980 kam mit dem Islam. Zentrum eine weitere religiöse Institution hinzu.

Autorin/Autor: Peter Michael Keller

5.4 - Bildung und Kultur

Nach der Säkularisierung der höheren Schulen wurde S. Standort der 1833 aus dem Professorenkonvikt hervorgegangenen Kantonsschule und 1857 des aus den staatl. Lehrerbildungskursen in Oberdorf hervorgegangenen Lehrerseminars. 1843 wurde in S. eine Handwerkerschule (später Gewerbeschule) und 1862 eine kaufmänn. Schule eingerichtet. 1884 folgte die Uhrmacherschule, die seit 2002 in Grenchen weitergeführt wird.

Im 19. Jh. gingen bedeutende kulturelle Impulse von den noch heute bestehenden Vereinen wie der Naturforschenden Gesellschaft (1823), des Kunstvereins (1850) oder der Töpfer-Gesellschaft (1857) aus. Für das Musikleben der Stadt erlangten der 1826 gegr. Männerchor und der 1831 gegr. Cäcilienverein eine grosse Bedeutung. Die bis heute ungebrochene Fasnachtstradition reicht bis ins MA zurück und erfuhr 1853 mit der Gründung der Faschingsgesellschaft Honolulu (ab 1862 Narrenzunft Honolulu) eine Neubelebung.

Neben dem seit 1730 bestehenden Theaterbau wurden im Stadtpark 1863-64 die Reithalle, 1898-1900 der Konzertsaal und 1897-1902 ein Museumsbau errichtet. Der mehrfach umgebaute Theatersaal wurde im 19. Jh. sowohl von der 1810 gegr. Liebhabertheatergesellschaft wie von auswärtigen Theatertruppen und durchziehenden Akrobaten und Jahrmarktskünstlern genutzt. Nach versch. Versuchen der 1893 gegr. Theaterkommission, ein professionelles Theaterensemble fest an das Haus zu binden, gelang es 1927, ein Städtebundtheater S.-Biel ins Leben zu rufen. Das ursprünglich für Geschichte, Naturgeschichte und Kunst konzipierte Museum ist heute ein Kunstmuseum, das über eine bedeutende Sammlung an Schweizer Kunst und Kunst der klass. Moderne verfügt. 1952 eröffnete die Stadt das Hist. Museum Blumenstein, 1981 das Naturmuseum.

Im letzten Drittel des 20. Jh. hat sich in S. eine kleine, aber aktive Kulturszene entwickelt. Daraus gingen mit den Solothurner Filmtagen (seit 1966) und den Solothurner Literaturtagen (seit 1979) zwei Kulturfestivals von nationaler Bedeutung hervor. 1973 entstand mit dem "Kreuz" die erste selbstverwaltete Gastwirtschaft der Schweiz. Für Pop- und Rockkonzerte wurde 2005 die Kulturfabrik Kofmehl eröffnet. Bei den Kulturausgaben pro Kopf rangierte die Stadt S. um die Wende zum 21. Jh. regelmässig in der Spitzengruppe der Schweizer Städte.

Autorin/Autor: Peter Michael Keller

Quellen und Literatur

Archive
– Archiv der Kantonsarchäologie S.
– Steinmuseum S.
– ZBSO, Hist. StadtA S.
Literatur