• <b>Kollegiatstifte</b><br>Der Stiftsbezirk um die Stiftskirche säumt den westlichen Rand des Fleckens Beromünster. Detail der Tafel "Beromünster" aus der "Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae" (1642) von  Matthaeus Merian (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner)

Kollegiatstifte

Als K. (Chorherrenstifte) werden Gemeinschaften von kanonisch lebenden Geistlichen an einer nichtbischöfl. Kirche bezeichnet. Das Zusammenleben dieser Kollegien war v.a. durch die Aachener Regel (Institutio Aquisgranensis) von 816 bestimmt, die den Kanonikern eine Teilhabe an den Stiftsgütern zusprach, Eigenbesitz erlaubte und die Vita communis als Lebensform festlegte. Im Laufe des HochMA wurde an den K.n das Gemeinschaftsgut in Einzelpfründen aufgeteilt und die Vita communis aufgelöst. So waren die K. vom 13. Jh. an weitgehend autonome Korporationen mit ökonom. Selbstverwaltung, deren Mitglieder durch verschiedene rechtl. Beziehungen an ihr Stift gebunden waren. Hauptaufgabe war die feierl. Durchführung des Chordienstes. Die K. übten deshalb auch die Pfarreirechte an ihrem Standort aus. Oft hatten sie wichtige Aufgaben im Schul- und Universitätsbereich inne. Im SpätMA dienten die Pfründen v.a. der Finanzierung von geistl. und weltl. Verwaltungen, der standesgemässen Versorgung von Söhnen des Adels und des städt. Bürgertums. Diese Entwicklung wurde erst in der 2. Hälfte des 15. Jh. durch die Auswirkungen der Konzilien und durch den Einfluss eidg. Stadtorte unterbrochen.

Nördlich der Alpen besass ein Kollegiatstift im MA je nach Gründungszeit und Bedeutung 6-24, im Tessin hingegen nie mehr als 10 Chorherrenpfründen. Das Kapitel, d.h. die Versammlung der bepfründeten Kanoniker, stand unter der Leitung des Propstes (im Tessin häufig eines Erzpriesters) und war eine jurist. Person. Es hatte das Recht auf Selbstergänzung, versah Aufgaben in der Wirtschaftsverwaltung und besass die Kompetenz, Statuten zur Regelung des inneren Lebens zu erlassen. Neben der Propstwürde gab es in den K.n häufig weitere Ämter oder Dignitäten (Kustos, Kantor, Dekan, Scholaster), die durch Kapitulare ausgeübt wurden. Hinzu kamen Geistliche mit einer Altarpfründe (Kapläne), die nicht selten die gottesdienstl. Pflichten der Chorherren übernahmen, sowie weltl. Amtleute, die Aufgaben im Wirtschafts- (z.B. Cellerar) und Schulbereich (Schulmeister) erfüllten. Vakante Pfründen wurden durch Selbstergänzung des Kapitels, durch päpstl. Provisionen, immer stärker auch durch geistl. und weltl. Präsentationen (Bischof, eidg. Stadtorte) besetzt.

Neben vereinzelten Gründungen in karoling. Zeit (z.B. Grossmünster in Zürich) entstanden besonders in der deutsch-, weniger in der französischsprachigen Schweiz im ausgehenden 10. und im 11. Jh. zahlreiche Stifte entweder neu (z.B. Zofingen) oder durch Umwandlung bestehender Benediktinerklöster (z.B. Saint-Ursanne). Die Motivation zur Gründung lag häufig nicht nur im religiösen Bereich, dienten doch K. auch dem Landesausbau oder der Residenzbildung der stiftenden Adelsgeschlechter. Im 13. Jh. wurden K. oft an bestehenden Pfarrkirchen (z.B. Rheinfelden) errichtet; sie zeigen damit ihre Bedeutung bei der Gestaltung feierl. Gottesdienste. Die nach der Mitte des 15. Jh. durch bedeutende Städte an diözesaner Randlage (z.B. Bern, Luzern) gegr. Stifte manifestieren staatskirchl. Tendenzen. Im Tessin entstanden, v.a. im 12. Jh., in den Grosspfarreien (Pieven) neben den weiterhin nach der Vita communis lebenden Klerikergemeinschaften kleinere, weltl. Kapitel. Im Laufe der Reformation wurden zahlreiche K. aufgelöst oder Teile ihres Besitzes eingezogen. Andere wurden in ein Professorenkolleg (St. Peter in Basel) umgewandelt oder hatten die Lateinschule zu führen (Grossmünster in Zürich). Die fortbestehenden K. erfuhren z.T. eine Reduktion der Pfründenzahl, eine Einschränkung ihrer Rechte und durch die Einführung von Forensen (nichtresidierende Kapitulare mit Stimmrecht) eine Veränderung ihrer Struktur. Im Tessin wurden die K. in der 2. Hälfte des 16. Jh. reformiert. Im 17. und 18. Jh. erlebten die K. eine erneute Blüte, bei der es auch zu Neugründungen kam. Sie wurden zu Zentren barocker Kultur. Mit dem Untergang des Ancien Régime und als Folge des Kulturkampfes wurden in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz erneut viele K. aufgelöst. Heute existieren neben den Tessiner Stiften noch K. in Beromünster, Luzern und Freiburg.

<b>Kollegiatstifte</b><br>Der Stiftsbezirk um die Stiftskirche säumt den westlichen Rand des Fleckens Beromünster. Detail der Tafel "Beromünster" aus der "Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae" (1642) von  Matthaeus Merian (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner)<BR/>
Der Stiftsbezirk um die Stiftskirche säumt den westlichen Rand des Fleckens Beromünster. Detail der Tafel "Beromünster" aus der "Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae" (1642) von Matthaeus Merian (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner)
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Literatur
HS II/1-2
– G.P. Marchal, «Das Stadtstift», in ZHF 9, 1982, 461-473
– G.P. Marchal, «Gibt es eine kollegiatstift. Wirtschaftsform?», in Erwerbspolitik und Wirtschaftsweise ma. Orden und Klöster, hg. von K. Elm, 1992, 9-29
– P. Jäggi, Unters. zum Klerus und religiösen Leben in Estavayer, Murten und Romont im SpätMA (ca. 1300-ca. 1530), 1994

Autorin/Autor: Christian Hesse