Ursulinen

Frauenkongregationen, deren Niederlassungen in der Schweiz aus zwei unterschiedl. Traditionen stammen. Die ersten in der ital. Schweiz entstandenen Ableger gehen auf die 1535 in Brescia von Angela Merici ins Leben gerufene Gemeinschaft der hl. Ursula zurück. Zunehmend verstärkten die Schwestern ihre Bestrebungen, eigentl. Gemeinschaften zu bilden. Im Gegensatz zu den religiösen Orden jener Zeit legten die U. weder ein feierl. Gelübde ab noch lebten sie in Klausur. Somit konnten sie sich der Erziehung und Ausbildung junger Mädchen widmen. Auf seinem Hirtenbesuch 1591 visitierte der Comer Bf. Feliciano Ninguarda auf dem Gebiet des heutigen Kt. Tessin rund 20 Gruppen von U. mit bis zu 30 Personen, die an den Schulen ihrer Pfarreien unterrichteten. Zudem bestanden in der ital. Schweiz drei gemeinschaftlich lebende Ursulinenkongregationen: eine erste 1629-84 in Poschiavo, eine weitere 1637-1848 in Mendrisio und eine dritte 1730-1848 in Bellinzona (heute kant. Regierungsgebäude). Diese Ordensfrauen hielten den Unterricht in eigenen Räumen ab.

Die übrigen in der Schweiz. gegr. Gemeinschaften standen in der Tradition von Anne de Xainctonge, welche 1606 in Dole eine Gemeinschaft begründet hatte. Xainctonge entschied sich für ein religiöses Leben ohne Klausur und übernahm eine 1597 in Frankreich approbierte Regel, die von den U. in Tournon befolgt wurde. Die Schwestern richteten ihre Häuser in der Nähe von Jesuitenschulen ein, 1619 in Pruntrut (1947 mit Freiburg vereint), 1634 in Freiburg, 1659 in Luzern (1847 aufgehoben), 1661 in Brig, 1698 in Delsberg (1793 aufgehoben) und 1884 in Sitten.

Die wichtigsten Neuerungen, welche die U. einführten, waren die Ablehnung der Klausur und der unentgeltl. Mädchenunterricht. In den kath. Kantonen waren die U. die Ersten mit diesem Angebot, ausserdem war ihr Unterricht auf einem Niveau, das man bis anhin auch in den ref. Kantonen nicht gekannt hatte. Ihr Ziel war es, christl. Frauen auszubilden bzw. diese auf ihre Rollen innerhalb der Gesellschaft vorzubereiten. Aufgrund staatl. Forderungen diversifizierten die U. ab 1867 das Spektrum ihrer höheren Schulen und richteten Gymnasien, soziale Frauenschulen, Sprach-, Handels- und Hauswirtschaftsschulen ein. Sie sind in Indien und Afrika missionarisch tätig. Bis ins 20. Jh. hinein wurden die Lehrkräfte intern ausgebildet. Regionale Vorschriften und die Pflicht, ein kontemplatives, der Liturgie nachempfundenes Leben unter den Schülerinnen zu führen, setzten der Rekrutierung des Nachwuchses Grenzen. Nach dem 2. Vatikan. Konzil passten die U. ihre Ordnung an die Vorgaben aus Rom an. Die Anfang des 21. Jh. in der Schweiz noch bestehenden drei Gemeinschaften (Freiburg, Brig und Sitten) zählen knapp 400 Ordensfrauen, die im In- und Ausland tätig waren.


Literatur
HS VIII/1, 49-55, 107-272, 469-472

Autorin/Autor: Redaktion / AL