No 26

Burckhardt, Jacob

geboren 25.5.1818 Basel,gestorben 8.8.1897 Basel, ref., von Basel. Sohn des Jakob, Obersthelfers, später Antistes (Münsterpfarrer und Vorsteher der Basler Geistlichkeit), und der Susanna Maria geb. Schorndorff. Ledig. Besuch der Schulen in Basel bis zum Abschluss des Pädagogiums 1836. 1836-43 Stud. der Philologie, Alten Geschichte, Theologie, Kunstgeschichte und Geschichte in Basel, am Collège latin in Neuenburg, in Berlin und Bonn. 1843 Dr. phil. und Habilitation in Basel. 1843-46 Redaktor der kunsthist. Artikel des "Brockhaus", 1844-45 Redaktor der "Basler Zeitung", 1846-47 Bearbeiter kunstgeschichtl. Werke in Berlin, 1848-52 Lehrer am Pädagogium in Basel, 1853-54 Italienaufenthalt, 1855-58 Prof. für Archäologie am Eidg. Polytechnikum Zürich, ab 1858 o. Prof. für Geschichte an der Univ. Basel und Lehrer am Pädagogium. 1883 Rücktritt vom Pädagogium, 1886 Rücktritt vom Lehrstuhl für Geschichte, 1893 Entlassung aus dem akad. Dienst als Prof. für Kunstgeschichte.

B. hat am wissenschaftl. Leben seiner Zeit kaum teilgenommen. Nach dem Wahlspruch Epikurs zog er es vor, als einfacher Lehrer an der damals noch kleinen Basler Universität im Verborgenen zu wirken. Seine im Grunde leidenschaftl. Natur hat er sorgfältig im Zaum gehalten, und wir wissen nur von wenigen Augenblicken, in denen seine Gefühle zum Durchbruch kamen. Die Maske des Ironikers hat ihm gute Dienste geleistet. Als Junggeselle und Katzenfreund hat er seiner Universität treu gedient und im Unterricht "ein wahres Gefühl des Glückes" gefunden.

Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte B. vier Bücher: "Die Zeit Constantins des Grossen" (1853), "Der Cicerone" (1855), "Die Cultur der Renaissance in Italien" (1860) und "Geschichte der Renaissance in Italien" (1867). Postum erschienen die "Erinnerungen aus Rubens" (1898) und "Beiträge zur Kunstgeschichte von Italien" (1898). Aus seinem Nachlass redigierte B.s Neffe Jacob Oeri die "Griech. Kulturgeschichte" (1898-1902) und "Weltgeschichtl. Betrachtungen" (1905). Der Schlüssel zum Verständnis von B.s Werks liegt vielleicht gerade in diesen "Weltgeschichtl. Betrachtungen", einer Vorlesung, die er unter dem Titel "Über das Stud. der Geschichte" mehrmals gehalten hat. Sie stellen einen Versuch dar, die Aporien des Historismus durch ein typolog. System hist. Konstanten zu überwinden. B. verfolgt das dialekt. Widerspiel der von ihm aus der gleich bleibenden menschl. Natur abgeleiteten drei heterogenen und nicht koordinierbaren Potenzen: Staat, Religion und Kultur in ihren wechselseitigen Bedingtheiten. Dann analysiert er das Verhältnis der Individuen zum Allgemeinen und zeigt schliesslich, wie die geschichtl. Krisen verlaufen. "Das sich Wiederholende, Constante, Typische" wird so zum Organisationsprinzip des Geschichtlichen. Für den Historiker bedeutete dies eine Absage an die erzählende Geschichte mit ihren "sog. Ereignissen". An ihre Stelle sollte nun die synchrone Darstellung einer Periode treten.

B.s erste "kulturhist. Gesamtschilderung" einer wichtigen Übergangsepoche war "Die Zeit Constantins des Grossen" mit einer Beschreibung des Röm. Reichs und der heidn. Religion im 3. Jh. und in der spätantiken Kultur. In der Person Ks. Constantins sah er eine wesentlich unreligiöse, napoleon. Gestalt, deren Grösse darin lag, dass sie das Christentum als Weltmacht begriff und so weltgeschichtlich weiterwirkte. In diesem Werk dominierte zwar die Darstellung der Kultur, die Behandlung der Kunst wurde aber nicht ausgesondert. Dies geschah dann in "Die Cultur der Renaissance in Italien", einem Buch, das bis heute Ausgangs- und Bezugspunkt der Renaissanceforschung geblieben ist. Einer subtil systematisierten Strukturanalyse, die immer wieder die Primärquellen selbst sprechen lässt, gelingt es, die Eindimensionalität der Synchronie durch Parallelen mit früheren und späteren Stadien zu erweitern. B. will das Phänomen der Renaissance nicht erklären, sondern beschreiben, aber die Anordnung seines Materials impliziert auch eine Interpretation. Ausgangspunkt ist die besondere polit. Organisation Italiens, und die Wiedererweckung des Altertums ist eine Konsequenz im Prozess der Rationalisierung des Lebens, die eben das Moderne an dieser Periode ausmacht. Dabei bleibt der Historiker sich immer bewusst, dass seine Periodisierung etwas Willkürliches an sich hat, und er ist bereit, seine Resultate in Frage zu stellen. Die Kunst der Renaissance bleibt wesentlich ausgespart und dient nur zur Dokumentierung der Kultur. Die "Griech. Kulturgeschichte" beschränkt sich sodann nicht auf eine einzige Periode, sondern beschreibt die einzelnen Potenzen und ihre Rolle im griech. Leben, um dann mit einer Darstellung der hellenischen Menschen in ihrer zeitl. Entwicklung zu schliessen. Damit erreicht B. einen, allerdings nicht immer überzeugenden, Kompromiss von Synchronie und Diachronie. Trotz der anfängl. Ablehnung hat das Buch durch seine Analyse des Agonalen als Triebkraft im griech. Leben und seine antidemokrat. Schilderung der griech. polis eine bedeutende Wirkung ausgeübt.

Die Aufgabe der Kunstgeschichte, seinem zweiten Lehrfach, sah B. darin, die Menschen näher an den "wahren Grund der Kunst" heranzuführen. So gab er schon seinem ersten kunsthist. Werk, dem "Cicerone", den Untertitel "Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens", und das Buch kombiniert denn auch einen Reiseführer mit einer Geschichte der Kunst Italiens. So wie der Historiker B. seine Hörer zum Stud. des Geschichtlichen, zum Verständnis des hist. Prozesses und seiner Morphologie anleiten wollte, so bemühte sich der Kunsthistoriker um eine Geschichte der Kunst, nicht an Künstlerbiografien orientiert, sondern an den Aufgaben, die der Kunst jeweils gestellt wurden. Der Vorlesung über das "Stud. der Geschichte" entspricht eine Vorlesung "Einleitung in die Ästhetik der bildenden Kunst", in der B. den Umriss einer solchen Kunstgeschichte nach Aufgaben vorlegte, die in den postum veröffentlichten "Beiträgen zur Kunstgeschichte von Italien" exemplifiziert wurde.

B.s Arbeiten verdanken ihre Dauerhaftigkeit einer einzigartigen Kenntnis der Primärquellen und der Fähigkeit, das Typische im singulären Ereignis zu erkennen. Hinzu kommt ein Stil, der mit seinen Ironien, Bildern und Fremdwörtern das streng Wissenschaftliche meidet und den Schutt der Vorarbeiten sorgfältig vor dem Leser verbirgt. Als Kulturkritiker hat B. die Krise des 19. Jh. analysiert. Er verabscheute die kapitalist. Entwicklung seiner Zeit, fürchtete das bildungsfeindl. Proletariat, hasste den allmächtigen Staat und sah einen unvermeidl. Konflikt zwischen Proletariat und Kapitalisten voraus. Dabei war er aber keineswegs ein apolit. Ästhet, sondern ein zutiefst vom Pathos des Freiheitsgedankens durchdrungener Moralist.


Werke
Jakob B.-Gesamtausg., 14 Bde., 1929-34
Briefe, 10 Bde. und Gesamtreg., 1949-94
Werke, 27 Bde., 2000- (krit. Gesamtausg.),
Archive
– StABS
– UBB
Literatur
– W. Kaegi, Jacob B., 7 Bde., 1947-82
– L. Bazzicalupo, Il potere e la cultura: sulle riflessioni storico-politiche di Jacob B., 1990
– F. Gilbert, Politics or Culture? Reflections on Ranke and B. 1990
Umgang mit Jacob B., hg. von H.R. Guggisberg, 1994
– M. Ghelardi et al., Relire B. 1997
– R. Teuteberg, Wer war Jacob B.?, 1997

Autorin/Autor: Peter Ganz