• <b>Rheinau (Kloster)</b><br>Reliquienbüste des heiligen Mauritius aus dem Kloster  (Schweizerisches Nationalmuseum). Die Kopfpartie entstand um 1200 und ist ein wichtiges Zeugnis der romanischen Goldschmiedekunst in der Schweiz. 1668 fertigte der Rapperswiler Goldschmied Johann Caspar Dietrich die restlichen Teile des Reliquiars an (Soldatenhelm, Brustpartie, Sockel).
  • <b>Rheinau (Kloster)</b><br>Ansicht des Klosters Rheinau von Nordwesten. Kolorierte Radierung von  Johann Jakob Aschmann,   um 1790 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). Die doppeltürmige barocke Klosterkirche dominiert die Rheininsel. Die Brücke verbindet das Kloster mit dem Städtchen Rheinau. Auf der Inselspitze im Vordergrund ist die Felix- und Regulakirche zu erkennen, die 1752–1753 anstelle der alten Kirche der ehemaligen Schwesterngemeinschaft gebaut worden ist. Am entfernteren Ende der Insel hebt sich die Magdalenenkapelle von 1587 hervor. Die Ökonomiegebäude und Gästehäuser des Klosters liegen nicht auf der Insel, sondern bilden den stadtseitigen Brückenkopf.

Rheinau (Kloster)

Ehem. Benediktinerkloster, auf der Rheininsel der gleichnamigen Gem. gelegen. Vor 858 gegr., bis 1798 Zentrum einer kleinen Klosterherrschaft, 1862 aufgehoben, Patrone Maria und ab 1114 auch Fintan.

858 erhob Kg. Ludwig der Deutsche auf Antrag des adligen Wolvene das von dessen Vorfahren gegr. monasterium Rinauva zum Reichskloster mit Königsschutz, Immunität und freier Abtwahl. Trotzdem litt das Kloster unter dem Investiturstreit und den Machtansprüchen seiner Vögte und der Konstanzer Bischöfe, was eventuell das Rheinauer Kartular und eine Urkundenfälschung hervorrief. Die Hirsauer Reform und die im 11. Jh. einsetzende Verehrung Fintans führten zu einer vorübergehenden Blüte im 12. Jh. 885 hatte sich R., damals mit 44 mehrheitlich aus dem regionalen Adel stammenden Mönchen ein durchaus stattl. Konvent, mit St. Gallen und Anfang des 12. Jh. mit Hirsau verbrüdert, worauf der "Liber Ordinarius Rhenoviensis" entstand. Reform und eigene Liturgie gipfelten im Graduale des frühen 13. Jh. (heute in der Zentralbibliothek Zürich). Die Existenz eines Skriptoriums geht allerdings aus dem ma. Bibliotheksbestand, darunter prächtige liturg. Pergamente und der wohl älteste Codex der Schweiz aus dem 8. Jh., nicht eindeutig hervor. Vom 11. bis 13. Jh. ist eine Schwesterngemeinschaft im Westen der Insel belegt. Nach 1200 werden Prior, Cellerar, Kämmerer und Kustos, 1288 ein Schulmeister fassbar. Die Benediktinerregel ist erst 1297 bezeugt. Zeitweise nur vier bis zehn Mönche aus den Ministerialengeschlechtern der Region aufweisend, suchte das im SpätMA auch wirtschaftlich bedrängte Kloster mit der eidg. Schirmvogtei 1455 u.a. Schutz vor den Herrschaftsansprüchen der Gf. von Sulz.

<b>Rheinau (Kloster)</b><br>Reliquienbüste des heiligen Mauritius aus dem Kloster  (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Die Kopfpartie entstand um 1200 und ist ein wichtiges Zeugnis der romanischen Goldschmiedekunst in der Schweiz. 1668 fertigte der Rapperswiler Goldschmied Johann Caspar Dietrich die restlichen Teile des Reliquiars an (Soldatenhelm, Brustpartie, Sockel).<BR/>
Reliquienbüste des heiligen Mauritius aus dem Kloster (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Zwischen der Reformation und der Zuteilung zum Kt. Zürich 1803 erlebte R. seine längste Blütezeit, aber auch schwere Angriffe: So wurde es unter Abt Bonaventura von Wellenberg verlassen (1529-31), darauf geplündert, in den Villmergerkriegen 1656 und 1712 beschädigt, 1799 durch die Franzosen aufgehoben und geplündert und 1803 restituiert. Die Kath. Reform, die Unterstützung der eidgenössischen kath. Stände, die Mitgliedschaft R.s in der Schweiz. Benediktinerkongregation ab 1603 und der Widerstand der Rheinauer Bürger gegen das einen absoluten Regierungsstil pflegende Kloster prägten diese Zeit, aber auch die Bautätigkeit der Äbte Johann Theobald Werli, Gerold Zurlauben I. und Gerold Zurlauben II. (Ende 16.-18. Jh.). In der Aufklärungszeit erscheinen gelehrte Bibliothekare und Archivare wie Basilius Germann und Moritz Hohenbaum van der Meer, Verfasser der Geschichte R.s von 1778. Der Zürcher Gr. Rat hob die Abtei, in der damals noch elf Mönche lebten, 1862 auf. Nach Umbauten dienten die Klostergebäude ab 1867 als psychiatr. Klinik. Die Gebäude auf der Halbinsel R. sind seit 1998 der Stiftung Fintan verpachtet.

Die Siedlungsgeschichte der 870 bezeugten Insel ist unerforscht. Vor ca. 1580 befand sich der gesamte Klosterkomplex auf der von einem Turm (schon 1247 belegt?) abgeschlossenen Insel. Erst danach entstanden die Wirtschaftsbauten jenseits der Rheinbrücke (u.a. 1585-88 der Weinkeller und 1740-44 das Frauengasthaus). Zwei Kirchen, die 888 bezeugte, vorrom. Marienbasilika und das 1114 geweihte Gotteshaus, gingen der heutigen, 1705-10 erstellten Barockkirche voraus. Letztere erbaute der Vorarlberger Baumeister Franz Beer, deren Orgel Johann Christoph Leu aus Augsburg, deren Fresken schuf Francesco Antonio Giorgioli. Das barocke Grabmal Fintans steht am Ort seiner Vorläufer in der ehemaligen rom. Basilika, offenbar über der einst als Grab des angebl. Reklusen verehrten Stelle (Reliquienhebung 1446).

Die klösterl. Besitzungen erstreckten sich im MA links und rechts des Rheins vom Untersee über den Klett- und Alpgau bis in den östl. Schwarzwald. Der Besitz stammte v.a. von der Stifterfamilie, wohl einem regional bedeutenden, einst mit dem karoling. Reichsadel verwandten Adelsgeschlecht. Auf Arrondierungen im Hoch- folgten im SpätMA Tausch, Kauf, Verkauf, Inkorporationen und Besitzzerstückelung. 1678 erhielt R. die Herrschaft Ofteringen (heute Teil der Gem. Wutöschingen, Schwarzwald), 1687 kaufte es jene von Mammern und Neuburg (TG). Ausser im klosternahen Bereich von Marthalen, Truttikon, Benken (ZH) sowie in Balm und Altenburg war R. selten alleiniger Besitzer. Dies gilt auch für die Rechtsverhältnisse im Klostergebiet. Der Besitz bestand aus Immobilien (u.a. Höfe, Hufen, Schupposen) und Rechten (u.a. Patronate, Fähr- und Tavernenrechte, Vogteien), die Zinsen und Zehnten abwarfen. Die Verwaltung lief im 13. Jh. noch über Höfe, im 15. Jh. evtl. über sog. Knechte, und wurde ab 1496 von einem hoheitl. Pfleger kontrolliert. In den Herrschaften Ofteringen, Mammern und Neuburg walteten Statthalter. Weltl. Recht - ohne die Blutsgerichtsbarkeit, für die ab 1455 die Schirmorte beizuziehen waren - sprach das Kloster im Städtchen R. und in Altenburg; die anderen Vogteien gab es eher als Lehen aus. Nach der Reformation beharrte es im rekatholisierten und von seinen Konventualen seelsorgerisch betreuten Städtchen R. auf umfassenden Rechtsansprüchen, wogegen R.s Bürger sogar prozessierten.

<b>Rheinau (Kloster)</b><br>Ansicht des Klosters Rheinau von Nordwesten. Kolorierte Radierung von  Johann Jakob Aschmann,   um 1790 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>Die doppeltürmige barocke Klosterkirche dominiert die Rheininsel. Die Brücke verbindet das Kloster mit dem Städtchen Rheinau. Auf der Inselspitze im Vordergrund ist die Felix- und Regulakirche zu erkennen, die 1752–1753 anstelle der alten Kirche der ehemaligen Schwesterngemeinschaft gebaut worden ist. Am entfernteren Ende der Insel hebt sich die Magdalenenkapelle von 1587 hervor. Die Ökonomiegebäude und Gästehäuser des Klosters liegen nicht auf der Insel, sondern bilden den stadtseitigen Brückenkopf.<BR/>
Ansicht des Klosters Rheinau von Nordwesten. Kolorierte Radierung von Johann Jakob Aschmann, um 1790 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
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Mit der Säkularisation wurde der Rheinauer Weinkeller mit dem Spitalkeller zum Zürcher Staatskeller. Die klösterl. Bibliotheksbestände befinden sich hauptsächlich in der Zentralbibliothek Zürich (u.a. 13'000 Drucke). Die Schätze des Rheinauer Kunstkabinetts, laut Inventar von 1818 gut 2'300 Werke, wurden grösstenteils verkauft. Z.Z. sind davon etwa 200 Stücke lokalisiert, so auch der Fintansbecher im Musée de Cluny in Paris und die rom. Reliquienbüste des hl. Mauritius im Landesmuseum.


Literatur
HS III/1, 1101-1165
Die Klosterkirche R., hg. von H.R. Sennhauser, 2007
Gelehrte Mönche im Kloster R.: Inkunabeln, Drucke und Handschr., 2009

Autorin/Autor: Helena Zimmermann