• <b>Patrozinium</b><br>Fresko mit dem heiligen Ambrosius zu Pferd, Kirche Sant'Ambrogio Vecchio (heute San Carlo) in Prugiasco-Negrentino (Bleniotal), aus der Werkstatt des  Antonio da Tradate,   um 1510 (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona). Mehrere der 53 Tessiner Pfarrkirchen, die bis 1888 zum Erzbistum Mailand gehörten, tragen das Patrozinium des Mailänder Bischofs Ambrosius (4. Jahrhundert). In der alten Ambrosiuskirche von Negrentino wird der beliebte Kirchenpatron durch ein grosses Fresko dargestellt, das ihn als Helfer der Mailänder im Kampf gegen ein deutsches Söldnerheer zeigt (Schlacht von Parabiago, 1339).

Patrozinium

Die frühchristl. Kirchen wurden üblicherweise nicht nur Christus, sondern um der symbol. Verbindung von Christus mit der Kirche willen auch den Aposteln, Maria oder Johannes dem Täufer geweiht. Später erfolgte die Übergabe auch an andere Heilige und an einzelne Glaubensgeheimnisse (Hl. Kreuz, Dreifaltigkeit). Seit Bf. Ambrosius von Mailand bezeichnet das P. das Schutzverhältnis eines Heiligen, der helfend seiner Kirche, seinem Bistum, seiner Stadt, einer Gruppe oder Person zur Seite steht. Die Patrozinienforschung kann mit Hilfe der sog. Heiligentopografie, z.B. die Ausstrahlung eines Kultorts oder Patrozinienübertragungen und -wechsel, Rückschlüsse auf die Kirchenorganisation und Missionsgeschichte ziehen.

Im MA galt der Heilige einer Kirche als Rechtssubjekt, als wahrer Eigentümer der Kirche, deren Vermögen ihm anvertraut ist. So nannte Bf. Tello von Chur im Testament von 765 zur Situierung vielfach den Heiligen einer Kirche als Anstösser. Schenkungen an die Kirche wurden bis ins 13. Jh. als Übergabe an den Träger des P.s selbst vollzogen. Wegen ihrer wichtigen Rolle in sakraler und rechtsgeschichtl. Hinsicht wurden Patrozinien nicht einfach gewechselt (Kirchenjahr). In den Alpengebieten blieben die Titelheiligen in der Regel relativ konstant, z.B. wurde für das Bistumsgebiet von Sitten nur etwa ein Dutzend Wechsel des P.s gezählt. Häufigere Wechsel scheinen im Mittelland (so im Zürichgau) stattgefunden zu haben. Eine Änderung des P.s war meist mit einem Besitzerwechsel verbunden. So setzte das Kloster Disentis in der von Otto I. geschenkten Remigiuskirche in Pfäffikon (ZH) seinen Klosterpatron Martin durch. Auch Reliquienbesitz konnte zu einem Wechsel des P.s führen, z.B. erhielt St. Thyrsus in Lausanne Ende des 6. Jh. als Grabkirche von Bf. Marius den neuen Namen.

Die Wahl des P.s lässt im FrühMA auch Rückschlüsse auf die Strukturen der Königs- und Adelsherrschaft zu. Bei den Franken dienten der Petrus- und Apostelkult sowie der Kult des hl. Martin von Tours der Legitimität des Herrschertums. Doch ist bei solchen Zuordnungen die Inkonstanz der Kulte, das Auf- und Absteigen der versch. Heiligen zu berücksichtigen. So gab es beim P. des hl. Petrus die erste, spätröm.-fränk. Kultwelle. Ihr folgte im 10.-12. Jh. in der Kloster- und Kirchenreform eine zweite Blüte der Petrusverehrung. Beim P. der hl. Maria folgte auf die frühma. Periode, der die Bischofskirchen von Chur, Konstanz und Lausanne oder die alten Klosterkirchen von Pfäfers, Reichenau und St. Gallen zuzurechnen sind, im HochMA ein breiter, allg. Marienkult, gefördert durch die Cluniazenser und v.a. durch die Zisterzienser mit Bernhard von Clairvaux.

Fast jeder Kult hat seine Zentren und seine Ausstrahlung (Heiligenverehrung). Das P. von Mauritius weist auf die alte Abtei am Grab des Heiligen in Saint-Maurice hin, in den Tälern des Tessins zeigt das P. von Ambrosius die Verbindung zu Mailand, das P. von Niklaus verbreitete sich im 11. Jh. vom Gr. St. Bernhard aus an den nördl. Zufahrtswegen, Gallus und Otmar markieren den geistl. Einfluss des Klosters St. Gallen, Laurentius und Mauritius wurden nach der Schlacht auf dem Lechfeld 955 zu Reichsheiligen der Ottonen.

<b>Patrozinium</b><br>Fresko mit dem heiligen Ambrosius zu Pferd, Kirche Sant'Ambrogio Vecchio (heute San Carlo) in Prugiasco-Negrentino (Bleniotal), aus der Werkstatt des  Antonio da Tradate,   um 1510 (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona).<BR/>Mehrere der 53 Tessiner Pfarrkirchen, die bis 1888 zum Erzbistum Mailand gehörten, tragen das Patrozinium des Mailänder Bischofs Ambrosius (4. Jahrhundert). In der alten Ambrosiuskirche von Negrentino wird der beliebte Kirchenpatron durch ein grosses Fresko dargestellt, das ihn als Helfer der Mailänder im Kampf gegen ein deutsches Söldnerheer zeigt (Schlacht von Parabiago, 1339).<BR/>
Fresko mit dem heiligen Ambrosius zu Pferd, Kirche Sant'Ambrogio Vecchio (heute San Carlo) in Prugiasco-Negrentino (Bleniotal), aus der Werkstatt des Antonio da Tradate, um 1510 (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona).
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Im HochMA festigte der Adel seinen Führungsanspruch durch die Ausbildung von sog. Adelsheiligen. Die adligen Stifter, die Eigenklöster mit Reliquien ausstatteten oder den Grundstein zu neuen Kultstätten schufen, mehrten ihren Ruhm. Der betreffende Heilige konnte gewissermassen zum Hausheiligen einer Fam. oder Sippe werden, ebenso wie sein P. zum herrschaftl.-polit. Faktum wurde. Vom 12./13. Jh. an wurden Heilige zu Stadt- und Landespatronen wie z.B. Vinzenz in Bern, Felix und Regula in Zürich, Michael in Zug oder Fridolin in Glarus. Das P. der Heiligen repräsentierte die sich herausbildende Staatlichkeit, sichtbar in der bildl. Wiedergabe und in Emblemen auf Wappen, Flaggen, Siegeln und Münzen. Der Feiertag des Schutzheiligen wurde für das Wirtschafts- und Rechtsleben im SpätMA von Bedeutung, indem jährlich wiederkehrende Termine wie etwa Gerichts- und Schwörtage oder die Fälligkeit von Abgaben auf diesen Tag gelegt wurden.

Nach der Reformation, welche die Heiligenverehrung verwarf, begrenzte die Katholische Reform die Dynamik der Volksfrömmigkeit, förderte aber neue Kulte und Kultorte wie die Loretokapellen (z.B. Kloster Muri) oder Sebastiansbruderschaften. Besonders verbreitet waren ab dem 17. Jh. Karl Borromäus, der 1610 heiliggesprochene Ebf. von Mailand, Franz von Sales, der Bf. von Genf und Schutzpatron der Schriftsteller und Journalisten, dann der hl. Josef, im 20. Jh. Therese von Lisieux und Bruder Klaus, der nach der Heiligsprechung 1947 zum volkstümlichsten Heiligen und Schutzpatron der Schweiz wurde.


Literatur
– I. Müller, «Die Altar-Tituli des Klosterplanes», in Stud. zum St. Galler Klosterplan, hg. von J. Duft, 1962, 129-176
– H. Büttner, I. Müller, Frühes Christentum im schweiz. Alpenraum, 1967, 58-62
HRG 3, 1564-68
LexMA 6, 1806 f.
– A. Angenendt, Heilige und Reliquien, 1994
TRE 26, 114-118
– P. Mariani, V. Pasche, «Les dédicaces des églises: Lausanne et Sion», in Les pays romands au Moyen Age, hg. von A. Paravicini Bagliani et al., 1997, 239-246
– P. Oberholzer, Vom Eigenkirchenwesen zum Patronatsrecht, 2002

Autorin/Autor: Ernst Tremp