• <b>Liturgie (katholisch)</b><br>Gestickter Rückenschild eines von Jakob von Savoyen, Graf von Romont, der Kathedrale von Lausanne gestifteten Chormantels, zwischen 1463 und 1478 (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen. Die sieben Sakramente, mit denen der Chormantel bestickt ist, gewähren Einblick in Riten, liturgisches Mobiliar und Gerät des Spätmittelalters. Den Rückenschild ziert das Messopfer als wichtigstes Sakrament. In der himmlischen Sphäre erscheint der Schmerzensmann als Zeichen für die Realpräsenz Christi in der Wandlung, die der Priester am linken Altar vollzieht, indem er die Hostie zur Konsekrierung erhebt. Am Altar rechts empfängt ein vornehmes Paar die Kommunion. Der Priester trägt den für Segnungen und Prozessionen üblichen Chormantel mit Stickereibesatz, der Priester links das Pluviale, das Messgewand.

Liturgie (katholisch)

Der Begriff L. umfasst in der Katholischen Kirche das gesamte gottesdienstl. Handeln: die Eucharistiefeier (Messe) und die übrigen Sakramentenfeiern - Taufe, Firmung (Konfirmation und Firmung), Busse, Krankensalbung, Trauung (Hochzeit), Ordinationen -, die Feiern von Beauftragungen, Personen- und Sachsegnungen (Benediktionen) und Begräbnis (Bestattung) sowie die Feiern im Rhythmus der Zeit wie die Tagzeitenliturgie, den Sonntag als Ersten Tag der Woche und die Herren- und Heiligenfeste des Kirchenjahrs. Die L. und die mit ihr verbundene Frömmigkeitspraxis (Volksfrömmigkeit) haben das Leben der Katholiken bis in die jüngste Zeit stark geprägt (Katholizismus); ihre Kenntnis ist für das Verstehen vieler hist. Entwicklungen in Kirche, Kultur und Gesellschaft unerlässlich.

Das Gebiet der Schweiz liegt im Schnittpunkt verschiedener liturg. Einflussbereiche. So finden sich seit der Spätantike nordital. Einflüsse, in deren Folge in einigen Tälern des Tessins die L. nach wie vor im ambrosian. (mailänd.) Ritus gefeiert wird. Sitten stand im FrühMA in enger Verbindung mit Aosta und der Tarentaise. Das Gebiet nördlich der Alpen wurde im 8. und 9. Jh. von der karoling. Liturgiereform erfasst (röm.-fränk. L.), ehe sich im HochMA der röm. Ritus durchsetzte. Die einzelnen Bistümer, Orden und Klöster (Mönchtum) behielten daneben liturg. Sondergut als Diözesan- und Ordensliturgien bei.

Sind aus der frühesten Zeit nur spärl. Informationen über die L. überliefert (z.B. Baptisterium von Riva San Vitale, um 500), so ist die ma. Quellenlage wesentlich besser. Bedeutende Abteien prägten das liturg. Leben: zunächst Saint-Maurice das Rhonetal, Luxeuil die Nordwestschweiz (Jura), Fulda, Reichenau, Rheinau und Pfäfers und ab der 1. Hälfte des 9. Jh. insbesondere St. Gallen, später auch Disentis, Allerheiligen (Schaffhausen), Engelberg und Einsiedeln die heutige Deutschschweiz. In vielen Städten bestimmten im MA Kanonikergemeinschaften das liturg. Leben (Domkapitel, Kollegiatstifte). Bei der Abschrift und Bearbeitung liturg. Quellen (u.a. Sakramentare, Lektionare, Antiphonare, Ordines) hatte das Kloster St. Gallen eine europaweit führende Stellung. Wichtige liturg. Handschriften wurden aber auch in anderen Klöstern verfasst, z.B. in Rheinau, Einsiedeln und Engelberg. Um die Wende vom 15. zum 16. Jh. wirkte im schweiz., süddt. und elsäss. Raum das "Manuale Curatorum" des Baslers Johann Ulrich Surgant nachhaltig auf die pastoralliturg. Praxis (Seelsorge).

Nach dem Konzil von Trient führten die Bistümer im Gebiet der Schweiz die dekretierte Reform ein (Katholische Reform). Wesentl. Teil der Reformen war die Erneuerung der L. auf der Grundlage der revidierten röm. Liturgiebücher. Dabei wurden diözesane Eigentraditionen stark eingeschränkt, die L. auf eine weitgehend einheitl. Gestalt festgelegt und mit Hilfe von Synodalstatuten (Synoden) und Visitationen durchgesetzt. In der Barockzeit blieb man zwar den nachtridentin. Liturgiebüchern treu, doch führte der gewandelte Kirchenraum, verbunden mit vermehrtem Volksgesang und neuen Formen von Kirchenmusik und Frömmigkeitsübungen faktisch zu einem weithin veränderten gottesdienstl. Vollzug.

In der Ausgestaltung einer L. der Aufklärung übernahm das Bistum Konstanz unter Generalvikar Ignaz Heinrich von Wessenberg eine führende Rolle. Die sog. Aufklärungsliturgie forderte einen offeneren und menschennäheren Gottesdienst und brachte die partielle Einführung der Muttersprache. Ferner wurden Verkündigung, Predigt und Belehrung in der L. ausgeweitet sowie die Rechte von Bistümern und Pfarreien gegenüber dem Heiligen Stuhl betont. Diese Entwicklung ging aber auch einher mit dem Missverständnis, der Gottesdienst sei eine Anleitung zu moral. Verhalten. In der 2. Hälfte des 19. Jh. (Kulturkampf) lehnten sich die schweiz. wie auch andere Diözesen in der L. wieder verstärkt an den Hl. Stuhl und damit an die römischen liturg. Bücher an. In der internat. Liturgischen Bewegung von Anfang des 20. Jh. bis zum 2. Vatikanischen Konzil hat die Schweiz nur wenige selbstständige Initiativen entwickelt.

Wichtige Quellen, die das liturg. Leben in seiner regionalen und lokalen Ausprägung widerspiegeln, sind die Diözesanritualien (Genf 1473, Basel 1488, Lausanne 1493, Chur 1503; für alle Diözesen ausser Sitten fortentwickelt bis zum 2. Vatikanum) und seit der 2. Hälfte des 19. Jh. die Gebet- und Gesangbücher (Kirchenlied) der Diözesen, 1966 erstmals in einer gemeinsamen Ausgabe aller deutschschweiz. Bistümer (1998 völlig revidierte Neuausgabe). Schon im 19. Jh. erschienen in der Deutschschweiz zahlreiche Volksmessbücher. Im 20. Jh. fand der von Urbanus Bomm bearbeitete "Bomm" (1927), das neben dem von Anselm Schott bearbeiteten "Schott" einflussreichste Volksmessbuch, als schweiz. Verlagsprodukt (Benziger, Einsiedeln) hier besondere Verbreitung und prägte bis zum 2. Vatikanum das liturg. Bewusstsein, ähnlich in der Westschweiz die meist aus Frankreich stammenden "Missels des fidèles".

Die Beschlüsse des 2. Vatikanums zu einer umfassenden Reform der L., die u.a. die Einführung der Muttersprache beinhaltete, wurden in der Schweiz ab 1964 von der Schweizer Bischofskonferenz, von den Diözesanbischöfen und in den Pfarreien rasch verwirklicht. Unterstützt wurde die Umsetzung von den liturg. Instituten. Seitdem wird die L. in der Regel in den drei grossen Landessprachen auf der Grundlage der jeweils für das ganze dt., franz. und ital. Sprachgebiet gemeinsamen Bücher gefeiert; einer Privatinitiative entspringt die Übersetzung einzelner liturg. Bücher ins Rätoromanische. Unter den bedeutenden Gestalten der liturg. Erneuerung seit dem 2. Vatikanum sowie der liturgiewissenschaftl. Forschung ist v.a. Anton Hänggi hervorzuheben. Für einzelne kleine, z.T. schismatische Kreise (u.a. das Seminar von Ecône im Wallis) steht die Ablehnung der Liturgiereform symbolisch für die Ablehnung des Konzils insgesamt.

Derzeit spiegelt sich der gesellschaftl.-kirchl. Umbruch deutlich in der L. wider. Als charakteristisch erscheinen gottesdienstl. Innovationen, eine starke Akzentuierung der teilkirchl. Verantwortung und der liturg. Autonomie der Pfarreien oder einzelner gottesdienstl. Vorsteher und Vorsteherinnen, mitunter gegen geltendes kirchl. Recht. Besonderheiten der kath. Kirche in der Schweiz sind u.a. die Generalabsolution beim Busssakrament (seit 1974), die eigene Ausgabe für die "Ökumen. Feier der Trauung" (zuletzt 1993, 22001) sowie das liturg. Buch für die Deutschschweiz "Die Wortgottesfeier" (1997). Für die einzelnen Sprachgebiete und Orden bestehen Proprien für Kalender, Messbuch und Tagzeitenliturgie. Im Vergleich zu den Teilkirchen in anderen Ländern verdient das ökumen. Engagement im Bereich der L. Erwähnung (Ökumene); zudem ist seit Ende der 1960er Jahre die Mitarbeit der Laien - auch wegen des Priestermangels - in der L. einschliesslich ihrer Leitung forciert worden.

Für manche aus den neueren liturg. Entwicklungen erwachsenden Fragen besteht dringender theol. Klärungsbedarf. Zentrum liturg. Forschung in der Schweiz ist die Univ. Freiburg. 1900-12 bestand dort der erste Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft in der Schweiz, seit 1956 ist erneut eine Professur eingerichtet. Seit 2001 besitzt auch die Univ. Luzern einen Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft, seit 2006 geteilt mit der Theol. Hochschule Chur. Eine Gesamtdarstellung der Liturgiegeschichte der Schweiz steht noch aus.

<b>Liturgie (katholisch)</b><br>Gestickter Rückenschild eines von Jakob von Savoyen, Graf von Romont, der Kathedrale von Lausanne gestifteten Chormantels, zwischen 1463 und 1478 (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen.<BR/>Die sieben Sakramente, mit denen der Chormantel bestickt ist, gewähren Einblick in Riten, liturgisches Mobiliar und Gerät des Spätmittelalters. Den Rückenschild ziert das Messopfer als wichtigstes Sakrament. In der himmlischen Sphäre erscheint der Schmerzensmann als Zeichen für die Realpräsenz Christi in der Wandlung, die der Priester am linken Altar vollzieht, indem er die Hostie zur Konsekrierung erhebt. Am Altar rechts empfängt ein vornehmes Paar die Kommunion. Der Priester trägt den für Segnungen und Prozessionen üblichen Chormantel mit Stickereibesatz, der Priester links das Pluviale, das Messgewand.<BR/>
Gestickter Rückenschild eines von Jakob von Savoyen, Graf von Romont, der Kathedrale von Lausanne gestifteten Chormantels, zwischen 1463 und 1478 (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen.
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Quellen
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Iter Helveticum, hg. von P. Ladner, 1976-
– A.A. Häussling, Das Missale deutsch, 1984
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Literatur
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– F. Huot, «Zwitserland», in Liturgisch Woordenboek 2, 1965-68, 3017-3023
– E. Keller, Die Konstanzer Liturgiereform unter Ignaz Heinrich von Wessenberg, 1965
– H. Bissig, Das Churer Rituale 1503-1927, 1979
– H.B. Meyer, J. Schermann, Der Gottesdienst im dt. Sprachgebiet, 1982
– W. Heim, Volksbrauch im Kirchenjahr heute, 1983
– R. Trottmann, Die eucharist. L. in den Diözesen Basel, Konstanz und Chur seit dem Konzil von Trient bis zum Ende der napoleon. Herrschaft, 3 Bde., 1987
– J. Baumgartner, «Die Liturg. Bewegung in der Schweiz - ein brachliegendes Feld der Forschung», in ZSK 83, 1989, 247-262
– B. Bürki, «Das Fach L. an der Univ. Freiburg (Schweiz)», in Freiburger Zs.f. Philosophie und Theologie 37, 1990, 465-497
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L. in Bewegung, hg. von B. Bürki, M. Klöckener, 2000
– F.K. Prassl, «"Gott hat das erste Wort". Das Kath. Gesangbuch (1998) der deutschsprachigen Schweiz», in Archiv für Liturgiewiss. 42, 2000, 347-363
Liturgia et Unitas, hg. von M. Klöckener, A. Join-Lambert, 2001
– W. von Arx, «Nachkonziliare Liturgiereform in der deutschsprachigen Schweiz», in Liturgiereformen, hg. von M. Klöckener, B. Kranemann, 2, 2002, 847-860
Tagzeitenliturgie - Liturgie des heures, hg. von M. Klöckener, B. Bürki, 2004
– M. Klöckener, «Die Manuale-Ausg. der Diözese Lausanne-Genf(-Freiburg) im 19. und 20. Jh. Ritualeersatz und Gebetbuch an der Nahtstelle von Liturgie und Lebenswelt», in Liturgie und Lebenswelt, hg. von J. Bärsch, B. Schneider, 2006, 457-490

Autorin/Autor: Martin Klöckener