Fasnacht

Die F. ist weder ein heidnisch-germanischer Brauch, noch geht sie auf die röm. Saturnalien und ähnl. Feste zurück, wie immer wieder in populären Darstellungen behauptet wird. Erste Zeugnisse liegen erst aus dem SpätMA vor. Ob F. ursprünglich ein städt. oder ländl. Brauch war, bleibt umstritten. Die deutschsprachige Forschung neigt auf Grund der Quellenlage zur ersteren Annahme (Hans Moser bzw. Münchner Schule). Aber es gab die F. wohl bereits im SpätMA auch in den Dörfern. So bezeichnete im frühen 15. Jh. der Basler Rat die F. als ländl. Unfug. Und die Luzerner Fritschimaske war vermutlich ein Strohpopanz, wie wir ihn vom bäuerl. Brauchtum her kennen, der urbanisiert und stilisiert wurde. Das Wort Fas(t)nacht wird allgemein als die Nacht (vigilia) vor der 40-tägigen Fastenperiode gedeutet. Andere Herleitungen wie z.B. von faseln (töricht reden, zeugen) oder Fassnacht (Nacht des Fasses) sind überholt. Der erstmals in Rom im 13. Jh. erwähnte carnevale (franz. carnaval) leitet sich von carne(m) levare (das Fleisch wegräumen) ab. Für das Gebiet der Schweiz haben wir 1283 einen ersten Wortbeleg. Als Ereignis wird die F. aber erst vom späten 14. Jh. an fassbar, in Basel z.B. 1418, sofern man nicht das Adelsturnier von 1376, die sog. Böse F., dazurechnet. Die F. ergab sich so, gleichsam aus einer Staulage heraus, als Zeit des Überschwangs vor der Fastenzeit. Der Versuch von Dietz-Rüdiger Moser, die F. als kirchlich inszeniertes Brauchtum mit religiös-pädagog. Intention zu erklären (Geistliche Spiele), als Kontrastbild einer gottfernen, pervertierten Welt (civitas diaboli versus civitas Dei), überzeugt nicht. Maskentermine waren und sind auch sonst im Winterhalbjahr verbreitet (Martini, Nikolaus, Silvester). Im Ursprung dürfte es sich bei der F. um einen Männerbrauch gehandelt haben, doch zogen schon früh Frauen maskiert mit. Die These eines männerbünd. Ursprungs in germ. Frühzeit, wie sie Otto Höfler vertrat, entsprang historisch nicht fundiertem mythologisierendem Wunschdenken.

Gewisse Regelmässigkeiten prägen die Entwicklung der F. im überregionalen Vergleich. Zu den frühen Formen gehören Mähler, gegenseitige Besuchsgewohnheiten, Schau- und Heischebräuche sowie Wettkämpfe. Schon im 15. Jh. versuchte die Obrigkeit, den Maskenlauf des "gemeinen" Volks zu zügeln. Dahinter steckte mit die Furcht vor dem subversiven Charakter der F. Die Reformatoren verboten dann die F. als "papistisches Treiben" -- nicht immer mit gänzl. Erfolg. Im Zuge der Gegenreformation gab auch die kath. Kirche ihre ursprüngl. Billigung der F. auf. V.a. die Jesuiten wirkten (in Luzern ab 1574) in dieser Hinsicht mit der weltl. Obrigkeit zusammen. Die Verbote lockerten sich erst im 18. Jh., nicht zuletzt unter dem Einfluss einer patriz. Jugend und ihrer Gewohnheiten aus dem Solddienst (Maskenbälle usw.). Das 19. Jh. brachte ein Aufblühen der F., auch in evang. Gebieten. Träger wurden v.a. F.s-Vereine und -Komitees (z.B. Basel 1911). Die F. wurde zum mehrtägigen Programm mit Umzügen, Bällen, Spendebräuchen, Fasnachtspielen (z.B. ab 1863 der Japanesen-Gesellschaft in Schwyz), lokalen F.s-Gestalten und Ursprungslegenden. Das 20. Jh. kannte Höhen und Tiefen der F.s-Begeisterung; die Phasen verliefen meist parallel zur wirtschaftl. und weltpolit. Lage. Die allg. Tendenz ging weg von der Saal-F. mit ihren Maskenbällen zur Strassen-F.: Basel perfektionierte seine Trommler- und Pfeiferszene mit den Schnitzelbänken. Luzern wurde nach dem 2. Weltkrieg zum Mekka der Guggenmusiken. Zürich suchte einen eigenen Weg mit dem elitären Künstlermaskenball und einer Umzugs- und Vereins-F., die unbewusst alte Besuchsgewohnheiten aufnahm. Seit den 1970er Jahren dehnt sich die F. auch in der evang. Westschweiz aus, wo einzelne Fasnachtszentren bereits im 19. Jh. bestanden (Brandons von Payerne). Dabei wurden die Termine fast beliebig: Die F. kann, ähnlich wie in Frankreich, auch im Mai stattfinden. Im Tessin gibt es immer noch die Unterscheidung zwischen der F. nach röm. und nach ambrosian. Ritus, was damit zusammenhängt, dass das Tessin bis in die 1. Hälfte des 19. Jh. zur Diözese Como und Mailand gehörte. Die F. nach röm. Ritus dauert vom Donnerstag bis am Dienstag vor dem Aschermittwoch, jene nach ambrosian. Ritus vom Donnerstag bis zum Samstag vor der Fastenzeit. In Bern wird seit 1982 wieder eine Gassenfasnacht durchgeführt.


Literatur
– E. Hoffmann-Krayer, «Die Fastnachtsgebräuche in der Schweiz», in Kl. Schr. zur Volkskunde, hg. von P. Geiger, 1946
– K. Meuli, «Der Ursprung der Fastnacht», in Ges. Schr. 1, hg. von T. Gelzer, 1975, 283-299
Das Jahr der Schweiz in Fest und Brauch, hg. von R. Thalmann, 1981
– P. Hugger, «Bruder Fritschi von Luzern», in SAVk 79, 1983, 113-130
Encycl.VD 11, 210-224
– P. Hugger, F. in Zürich, 1985
– E.A. Meier et al., Die Basler F., 1985
– D.-R. Moser, Fastnacht -- Fasching -- Karneval, 1986
– L. Fischer, Faszination Lozärner F., 3 Bde., 1988-96
– W. Mezger, Narrenidee und Fastnachtsbrauch, 1991
– «Carnevaa», in Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana, Fasz. 54-55, 1999-2000, 126-171

Autorin/Autor: Paul Hugger