• <b>Bestattung</b><br>Leidklage vor dem Haus eines verstorbenen vornehmen Bürgers an der Herrengasse in Zürich. Radierung und Kupferstich von   David Herrliberger  aus seinem Werk "Heilige Ceremonien", Zürich 1750, Tafel IV, Nr. 2 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). Die Frauen betreten durch den schwarz verhängten Eingang das Trauerhaus, während die Männer auf beiden Seiten der Strasse eine Reihe bilden.

Bestattung

Die Beisetzung Verstorbener folgte Ritualen und Regeln, die von den jeweiligen Kulturkreisen und v.a. von deren Religionen abhängig waren. Wachsende Bedeutung kam neben den kulturell-religiösen Aspekten der Hygiene zu. An Formen der B. standen im Gebiet der Schweiz zu allen Zeiten die Körper- und die Brandbestattung (Kremation) im Vordergrund.

1 - Ur- und Frühgeschichte bis Römerzeit

Die einzige gesicherte B. aus vorneolith. Zeit ist ein mesolith. Brandgrab aus einem Abri bei Vionnaz. Vom Neolithikum an gehören Gräber zu den wichtigsten Quellengattungen der Ur- und Frühgeschichtsforschung (Nekropolen, Friedhöfe). Sie können Auskünfte geben über die Gesellschaft der Bestattenden und in engen Grenzen auch über die Glaubensvorstellungen. In der Westschweiz dominieren im älteren und mittleren Neolithikum Steinkisten vom sog. Chamblandes-Typ (vier stehende Platten und eine Deckplatte) zunächst mit einzelnen, später mit mehreren Hockerbestattungen. Mit den für zahlreiche B.en genutzten Dolmen, z.B. in Sitten (Petit Chasseur) oder Laufen, trat im Spätneolithikum erstmals oberirdisch gestaltete Grabarchitektur auf. Die spätneolith. Schnurkeramik brachte neu die Brandbestattung unter Grabhügeln. Gräber aus der frühen Bronzezeit sind v.a. aus dem Wallis, dem bern.-freiburg. Alpenvorland und Graubünden bekannt; mit ihren B.en in gestreckter Rückenlage unterscheiden sie sich von der in Mitteleuropa geübten Hockergrabsitte. Grabhügelnekropolen der mittleren Bronzezeit wie in Weiningen (ZH, mit Körper- und Brandgräbern) und Urnenfelder der späten Bronzezeit wie in Möhlin zeigen, dass das Gebiet der Schweiz an den in dieser Zeit für Mitteleuropa charakterist. Bestattungssitten teil hatte. In der älteren Eisenzeit (Hallstattzeit) waren verhältnismässig hohe Grabhügel vorherrschend, zunächst mit Brandbestattung, später vermehrt auch mit Körperbestattung. Vornehmen Toten wurden ein vierrädriger Wagen und gelegentlich Importstücke aus dem Mittelmeergebiet beigegeben (Grächwil). In der frühen und mittleren Latènezeit waren Flachgräberfelder mit Körperbestattung in gestreckter Rückenlage üblich (z.B. Münsingen-Rain). Mit der röm. Okkupation setzte die Romanisierung der Bestattungssitten ein (u.a. Brandbestattung, Beigabe von Münzen und wohlriechenden Essenzen). Vom 3. Jh. an begann sich die im Röm. Reich allgemein festzustellende Körperbestattung auch in der Schweiz erneut durchzusetzen.

Autorin/Autor: Ludwig R. Berger

2 - Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert

Die christl. Gräber des 5. Jh. waren beigabenarm oder beigabenlos. Bei fränk. und alemann. B.en des 6. und 7. Jh. finden sich z.T. reichhaltige Inventare (u.a. Waffen und Schmuck). Die frühma. Gräber waren allgemein geostet (d.h. Kopf im Westen) und wurden selten von Sekundärbestattungen gestört. Im 8. Jh. lief die Beigabensitte unter dem Einfluss des Christentums aus, ohne aber je völlig zu verschwinden. Sie erlebte im ländlichen kath. Raum im 17. Jh. eine Renaissance (archäolog. Ausgrabung in Schwyz).

Frühe und wichtige schriftl. Quellen zur B. sind das Rituale des Klosters Rheinau (12. Jh.) sowie der "Liber ordinarius" (1260) und das Statutenbuch des Zürcher Grossmünsters (1346, auch Laien betreffend). Nach diesen Quellen schloss sich dem Tod eine Kette von rituellen Handlungen an: u.a. die Commendatio animae (Gebet für die Aufnahme der Seele im Himmelreich) während des Sterbens, die Verkündung des Todes mit einem Glockenzeichen, die Einkleidung des Toten, die Totenwache, bei Laien die Aussegnung im Sterbehaus, der Leichenzug zur Kirche mit Psalmengesang, die Aufbahrung im Kirchenschiff, mehrere Totenmessen mit Opfergängen, die Absolution, der Leichenzug zum Grab, die Grablegung und B., das Gebet auf dem Friedhof oder in der Kirche sowie das Totengedenken. Letzteres beinhaltete u.a. eine Seelenmesse und eine Prozession zum Grab am dritten, siebten und dreissigsten Tag nach dem Begräbnis sowie am Jahrestag (Jahrzeitbücher). Die B. von Angehörigen der Mittel- und Unterschichten geschah im Verband von Fam., Nachbarschaft, Zunft oder Bruderschaft. Zünfte und Bruderschaften unterhielten u.a. Sterbekassen, sorgten für das Leichengeleit und das kollektive Totengedenken an den Stiftungstagen oder an Allerheiligen und Allerseelen. Sinn der meisten spätma. Totenbräuche war, die Seelen der Verstorbenen vor dem Teufel zu schützen und ihnen den Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen. Die Leichname wurden mit zum Gebet gefalteten Händen oder verschränkten Armen beigesetzt, als ob sie bis zur Auferstehung am Jüngsten Tag nur schlafen würden (sog. Zwischenzustand, auch refrigerium interim genannt). Auch das Totenkleid war eine Vorbereitung auf den Weltenrichter. Als Bescheidenheits- oder Demutsgesten zu deuten sind die Beisetzung im Leichentuch ohne Sarg, das Büsserhemd oder der Wunsch von Laien, im Mönchsgewand begraben zu werden. Auch gegenteilige Verhaltensweisen lassen sich feststellen: Kleriker und Adlige wurden im Ornat bzw. in ritterl. Tracht beigesetzt, zuweilen gar mit höf. Gesten wie gekreuzten Beinen, damit sie im jenseitigen Leben ihre Standeszugehörigkeit wahren konnten. In Städten wurde die B. bereits im SpätMA auf unterschiedl. Weise institutionalisiert: Kirchl. oder weltl. Obrigkeiten verliehen Einzelpersonen oder Gruppen, wie z.B. den Bewohnern des Quartiers am Kohlenberg in Basel, das Recht, Tote gegen Bezahlung begraben zu dürfen. Andernorts wählte und besoldete der Rat die Totengräber. Schliesslich ist auf Totengräberpfründen hinzuweisen, die wie Priesterpfründen für das eigene Seelenheil gestiftet wurden, denn Tote zu begraben war eines der sieben Werke der Barmherzigkeit. Anders als im FrühMA wurden die Gräber im SpätMA und in der frühen Neuzeit schon nach wenigen Jahren wieder belegt; die Schädel und Langknochen der älteren Bestattungen kamen ins Beinhaus. Totengräberordnungen legten die Bestattungstiefe auf mind. eine Elle (ca. 60 cm) für den Sargdeckel bzw. sieben Schuh (ca. 1,4 m) für den Grabboden fest.

<b>Bestattung</b><br>Leidklage vor dem Haus eines verstorbenen vornehmen Bürgers an der Herrengasse in Zürich. Radierung und Kupferstich von   David Herrliberger  aus seinem Werk "Heilige Ceremonien", Zürich 1750, Tafel IV, Nr. 2 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>Die Frauen betreten durch den schwarz verhängten Eingang das Trauerhaus, während die Männer auf beiden Seiten der Strasse eine Reihe bilden.<BR/>
Leidklage vor dem Haus eines verstorbenen vornehmen Bürgers an der Herrengasse in Zürich. Radierung und Kupferstich von David Herrliberger aus seinem Werk "Heilige Ceremonien", Zürich 1750, Tafel IV, Nr. 2 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
(...)

Die ref. Eschatologie (u.a. Ablehnung des Fegefeuers, Verbot der Fürbitte für die Toten) liess vielen herkömml. Bestattungsbräuchen keinen Raum mehr. Weltl. Autoritätspersonen wie Zunftmeister hielten Grabreden. Einzige kirchl. Handlungen waren das Gebet nach der B. und die Verkündigung der Verstorbenen nach der Sonntagspredigt. Weltl. Bestattungsbräuche wie das Leichengeleit, Leichenmähler und Totenwachen blieben, ausser im streng calvinist. Genf, auch nach der Reformation erhalten. Zu Beginn des 17. Jh. erfolgte eine partielle Restauration, u.a. wurde die Abdankung und die Leichenpredigt des Pfarrers zur Regel. Angehörige des Patriziats durften wieder auf Grabplatten und an Kirchen- oder Friedhofsmauern Grabinschriften anbringen lassen. Tief greifende Veränderungen erfuhr die B. vom Ende des 18. Jh. an, u.a. mit der Einführung der dreitägigen Frist zwischen Tod und B. aus Angst vor dem Scheintod und mit dem Beginn der sanitätspolizeil. Aufsicht über das Bestattungswesen zu Beginn des 19. Jh. Mit dem Funktionsverlust von Zünften und Bruderschaften entstand ein Vakuum, das z.T. Begräbnisvereine und seit dem Ende des 19. Jh. private Bestattungsunternehmen füllten.

Mit der Revision der Bundesverfassung (1874) ging das Bestattungswesen von den kirchlichen in die Kompetenz der zivilen Behörden über, eine Folge des Kulturkampfs und der Säkularisierung der Gesellschaft. Die gesetzl. Neuerung (Art. 53 BV) verunmöglichte die diskriminerende Sonderbestattung von Angehörigen konfessioneller Minderheiten oder von Aussenseitern (u.a. bei Suizid oder Verarmung). Generell sind im 19. und 20. Jh. ein Verlust sowie eine Individualisierung der Bestattungsrituale zu beobachten, zunächst im städtischen, seit den 1960er Jahren auch im ländl. Umfeld. Ursachen dafür sind u.a. die Verdrängung des Todes aus dem Alltag, die Mobilität und die nivellierenden Tendenzen der Verwaltung. Zu verweisen ist auch auf den langfristigen Prozess der Privatisierung der Gefühle, der schon mit dem Verbot der rituellen Totenklage im SpätMA einsetzte und der sich im 19. Jh. weiter verfolgen lässt. So kamen statt der lauten Verkündigung des Todesfalls durch die Leichenbitterin diskretere Formen wie das Leidzirkular auf. Aspekte der Modernisierung der B. sind beispielhaft für den Kt. Basel-Landschaft sowie - mit einem kulturanthropolog. Ansatz - für die Walliser und Waadtländer Alpen aufgearbeitet worden.

Autorin/Autor: Martin Illi

Quellen und Literatur

Literatur
  • Ur- und Frühgeschichte bis Römerzeit

    UFAS 1-6
    SPM 1-5
  • Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert

    – Y. Preiswerk, Le repas de la mort, 1983
    – P. Hugger «Von Sterben und Tod», in Hb. der schweiz. Volkskultur 1, hg. von P. Hugger, 1992, 185-222
    – M. Illi, Wohin die Toten gingen, 1992
    Himmel, Hölle, Fegefeuer, Ausstellungskat. Zürich, 1994
    – A. Hauser, Von den letzten Dingen, 1994
    – G. Descœudres et al., Sterben in Schwyz, 1995
    – B. Hunger, Diesseits und Jenseits, 1995
    – J. Ducor et al. Petit manuel des rites mortuaires, 1999
    – J.-G. Gauthier Des cadavres et des hommes ou l'art d'accommoder les restes, 2000
    – P. Hugger Meister Tod, 2002
    – B. Dubosson Pratiques funéraires de l'Antiquité tardive et du Haut Moyen Age en Valais, 2006