• <b>Erbauungsliteratur</b><br>Erbauungsbüchlein von  Friedrich Gerber,   herausgegeben 1879 von Christian Friedrich Spittler (Schweizerische Nationalbibliothek).

Erbauungsliteratur

Unter dem nicht streng definierten Begriff der E. versteht man in der Regel volksnahes religiöses Gebrauchsschrifttum, welches der geistigen, gefühlsbetonten Erhebung diente und Bestandteil der Frömmigkeitspraxis (Volksfrömmigkeit) war. E. wollte zu einer Vervollkommnung des christl. Tugendlebens anleiten. Im Gegensatz zur theol. Literatur verfolgte sie keine dogmat., exeget. oder polem. Absicht. Viele Werke der E. wurden intensiv gelesen, manche wirkten auch über die Konfessionsgrenzen hinweg. In der lesekundigen Bevölkerung war die E. neben der Bibel bis ins 19. Jh. oft der einzige Lesestoff (Lektüre).

Zur Erbauung dienten Werke verschiedenster literar. Gattungen wie Bekehrungsgeschichten, Autobiografien und Heiligenviten. Auch Psalmenübersetzungen, Meditationen über die Passion Christi, Gebet- oder Gesangbücher (Kirchenlied) wurden für die Andacht benützt. Besonders erfolgreich waren das Werk "De imitatione Christi" (etwa 1420-41) des niederrhein. Mystikers Thomas von Kempen und die "Vier Bücher vom wahren Christentum" (1605, 1610) von Johann Arndt, der eine asket. Frömmigkeit vertrat. Im 16. und 17. Jh. waren v.a. Liederbücher eine beliebte Gattung. In der franz. Schweiz hatte insbesondere der in Genf entstandene "Psautier huguenot" eine breite Wirkung. Ref. wie kath. Geistliche publizierten oft Liederbücher mit sprechenden Titeln wie "Octonaires sur la vanité et l'inconstance du monde" (1583) oder "Andacht-Monat" (1697) von Antoine de Chandieu bzw. von Johann Ulrich Bachofen. Der Kapuziner Maurizius Zehnder verfasste die "Marian. Nachtigall" (1713), der Kartäuser Heinrich Murer das mehrfach aufgelegte Heiligenbuch "Helvetia Sancta". Zur E. gehörten auch die sog. Spiegel: Zu erwähnen sind hier Hieronymus Oertls "Geistl. Frauenzimmer-Spiegel", der von Johann Ulrich Bachofen bearbeitet wurde (1681, 1700), oder der "Sterbensspiegel" (1650) und der "Christenspiegel" (1657) von Conrad bzw. Rudolf Meyer. Auch publizierte Predigten übernahmen die Funktion der Erbauung, z.B. Alexandre Vinets "Discours sur quelques sujets religieux" (1823).

Im 18. Jh. dienten Dichtungen mit bibl. Themen der Erbauung und Belehrung. So übersetzte Johann Jakob Bodmer ab 1732 John Miltons "Verlorenes Paradies" ins Deutsche und schrieb in dieser Tradition auch selbst bibl. Epen ("Noah" 1750, "Jakob und Joseph" 1751). Auch Johann Kaspar Lavater verfasste bibelhist. Erbauungsschriften ("Abraham und Isaak" 1776). Einen beispiellosen Erfolg hatte Friedrich Gottlieb Klopstocks Epos "Der Messias", das in der Schweiz von der Kanzel herab angepriesen wurde. Ende des 18. Jh. erschien die erste, von der Christentumsgesellschaft in Basel (Erweckungsbewegungen) herausgegebene Zeitschrift mit erbaulicher Absicht, die "Sammlungen für Liebhaber Christl. Wahrheit und Gottseligkeit" (1786-1912).

Mit der Zunahme der Druckerzeugnisse im 19. Jh. und dem Aufkommen der Unterhaltungsliteratur ging der Anteil der E. an der Buchproduktion stark zurück. In ref. Fam. wurden jedoch das "Gebetbüchlein" von Johann Habermann, das "Handbuch" von Johann Friedrich Starck und das "Paradiesgärtlein" von Johann Arndt weiterhin gelesen. Sie wurden vom Basler Verleger Christian Friedrich Spittler wieder aufgelegt und häufig von wandernden Verkäufern, sog. Kolporteuren (Kolportageliteratur), abgesetzt. In kath. Gebieten gab es ebenfalls zahlreiche Schriften, die bis zum 2. Vatikan. Konzil in vielen Haushaltungen benutzt wurden (z.B. Martin Pruggers "Lehr- und Exempelkatechismus", Leonhard Goffinés "Handpostille"). Die Grenzen zwischen E. und populärem, religiösem Schrifttum verwischten sich im 19. Jh. zusehends. Im Kampf gegen die sog. Schundliteratur riefen Geistliche, Ärzte und Pädagogen zu Sittlichkeit und Fleiss auf. Die von ihnen propagierten Werke sprachen v.a. junge Frauen aus dem Bürgertum an. Eine Reihe dt. Autorinnen, aber auch Schweizerinnen wie Aline Hoffmann und Marie Walden verfassten Romane der säkularisierten E. Im Zentrum standen die edle Haltung und das soziale Denken der Protagonisten. Das Tessin scheint keine eigenständige E. hervorgebracht zu haben.

<b>Erbauungsliteratur</b><br>Erbauungsbüchlein von  Friedrich Gerber,   herausgegeben 1879 von Christian Friedrich Spittler (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>
Erbauungsbüchlein von Friedrich Gerber, herausgegeben 1879 von Christian Friedrich Spittler (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Literatur
– C. Burckhardt-Seebass, «Woran das Volk sich erbaute», in Totum me libris dedum, 1979
TRE 10, 43-80
– W. Brückner, «Thesen zur Struktur des sog. Erbaulichen», in Literatur und Volk im 17. Jh., hg. von W. Brückner et al., 1985, 499-508
– R. Schenda, Volk ohne Buch, 31988
Killy, Literaturlex. 13, 233-239
– Francillon, Littérature, 1-2

Autorin/Autor: Rosmarie Zeller