Katechismus

Der Begriff K. meint seit dem Frühchristentum die christl. Glaubensunterweisung insbesondere zur Vorbereitung auf die Taufe. Seit der Erfindung des Buchdrucks und im Anschluss an die Reformation werden auch eigentl. Lehrbücher des christl. Glaubens als Katechismen bezeichnet, die üblicherweise in einer Frage-Antwort-Struktur gehalten sind (Religionsunterricht).

1 - Evangelisch-reformierte Tradition

Nach der Reformation erlangten Martin Luthers Kleiner und Grosser K. (1529) v.a. in den evang. Kirchen grosse Bedeutung. Aus Predigten entstanden, verstanden sie sich als Laienbibel und vermittelten das reformator. Gedankengut mit den Schwerpunkten Schrift, Rechtfertigung und persönl. Glauben. In fünf Kapitel gegliedert (Zehn Gebote, Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Taufe und Abendmahl, zeitweise auch Beichte), waren sie auch in der ref. Schweiz verbreitet und blieben bis ins 20. Jh. wichtige Bezugspunkte bei der Abfassung von Katechismen. Weitere Katechismen entstanden in Strassburg (Martin Bucer), Zürich (Heinrich Bullinger, 1504-75; Leo Jud: Einführung der ref. Zählweise bei den Zehn Geboten) und Genf. Dort verfasste Johannes Calvin die beiden Katechismen "Instruction et Confession de foy" (1537) und "Le Catéchisme de l'Eglise de Genève" (1545). Der Letztere, in Dialogform gehalten, stellt den Glauben vor die Gebote und gelangte insbesondere in der französischsprachigen Schweiz zu hohem Ansehen. In der Schweiz war der auch ins Französische übersetzte Heidelberger K. (1563) weit verbreitet (St. Gallen, Bern, Waadt, Aargau und Schaffhausen), der gleichsam die Ergebnisse der Einheitsbestrebungen des pfälz. Kurfürsten Friedrichs III. zwischen Lutheranern und Reformierten festhielt. Z. Z. des Pietismus und der Aufklärung kam es zu einer Neubelebung des K. im Sinne von Bekenntnisschriften. In Dutzenden von Auflagen fand z.B. der K. von Jean-Frédéric d'Ostervald (1702) Verbreitung. In neuester Zeit existieren ähnl. Katechismen in verschiedenen ref. Kantonalkirchen.

Autorin/Autor: Stephan Leimgruber

2 - Katholische Tradition

Petrus Canisius konzipierte den K. als "Summa doctrinae christianae" in drei Ausgaben für Erwachsene (1555), Kinder (1556) und Jugendliche (1558). Der 1. Teil "Weisheit" behandelt die theol. Tugenden Glaube (Credo), Hoffnung (Dekalog) und Liebe (Vaterunser, Ave), der 2. Teil "Gerechtigkeit" versch. Sünden im Anschluss an die neutestamentl. Sünden- und Lasterkataloge. Im Unterschied dazu richtete sich der "Röm. K." (1566) v.a. an Pfarrer und achtete auf Korrektheit und vollständige Wiedergabe des Depositum fidei. Seine Einteilung in vier Hauptkapitel (Glaubensbekenntnis, Sakramente, Zehn Gebote und Vaterunser) erwies sich als wegleitend und wurde 1993 im "K. der Kath. Kirche" aufgegriffen. Der erste Basler Diözesan-K. (1778) fusste indessen auf dem von der Aufklärung geprägten K. des Augustinerabts Johann Ignaz von Felbiger. Heilsgeschichtlich ausgerichtete Katechismen (z.B. von Johann Baptist von Hirscher, 1842) und Religionsbücher (z.B. von Franz Xaver Dominik Brandenberg 1824, von Anton Tanner 1841, von Joseph Leu 1855) konnten sich in der Schweiz nur während kurzer Zeit behaupten. Bereits 1847 erschien der "Kath. K. oder Lehrbegriff" des nach Luzern berufenen Jesuiten Joseph Deharbe, der in der Katechese die neuscholast. Wende einläutete und der Moral des Alfons von Liguori zum Siegeszug verhalf. Der katechet. Kongress in Luzern (1907) mit der Demonstration der Münchener Formalstufenmethode (Heinrich Stieglitz) zeigte wenig Wirkung. Erst der sog. grüne "Kath. K. der Bistümer Deutschlands" (1955) inspirierte auch die Katechese in der Schweiz mit der Verkündigungstheologie.

Autorin/Autor: Stephan Leimgruber

3 - Neueste, ökumenisch geprägte Entwicklung

In den 1960er Jahren ging das Zeitalter des K. als Schulbuch für Kinder und Jugendliche zu Ende. Die Frage-Antwort-Struktur, die Memoriermethode und der kognitive Überhang stiessen auf zunehmenden Widerstand. Der "Grenchener Arbeitskreis zur Erneuerung des Religionsunterrichtes" (Karl Stieger, ab 1958) griff neuere psychologische, pädagogische und lerntheoretische Erkenntnisse auf und gewichtete Erfahrung und Erlebnis für kreatives Glauben-Lernen stärker. 1965-75 büsste der K. im Konfirmandenunterricht seine Monopolstellung auf ähnl. Weise ein. Die anthropolog. und die empir. Wende im Religionsunterricht, die neuen Lernformen in Schule und Gemeinde wie auch der allg. Bedeutungsverlust der anerkannten Glaubensgemeinschaften und die zunehmende Betonung der persönl. Auseinandersetzung mit Lebens- und Glaubensfragen brachten eine Relativierung des traditionellen K. mit sich. Parallel dazu erlebte der K. für Erwachsene einen Aufschwung, insbesondere der "Holländ. K." (1968), der den Glauben in verständl. Sprache darlegt. Es folgten der "Evang. Erwachsenenkatechismus" (1975), das ökumenisch verfasste "Neue Glaubensbuch" (1973, ins Französische übersetzt) von Johannes Feiner und Lukas Vischer und schliesslich der "Kath. Erwachsenen-K." in zwei Bänden (1985, 1995). Diese umfangreichen theol. Werke bieten Christen in pluralist. Gesellschaften Orientierung an.

Quellen und Literatur

Literatur
– A. Berz, Gesch. des K. im Bistum Basel, 1959
– O. Fatio, Confessions et catéchismes de la foi réformée, 1986
TRE 7, 710-722
– S. Leimgruber, Ethikunterricht an den kath. Gymnasien und Lehrerseminarien der Schweiz, 1989
LThK 5, 1311-1318
Religion in Gesch. und Gegenwart 4, 42001, 861-866
– P. Canisius, Der grosse K. = Summa doctrinae christianae: (1555), ins Deutsche übertragen und kommentiert von H. Filser, S. Leimgruber, 2003

Autorin/Autor: Stephan Leimgruber