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Disentis

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Benediktinerabtei in der polit. Gem. D./Mustér GR, zur Diözese Chur gehörend. Patrone: Maria, Martin, Peter, Sigisbert und Placidus. Das am Oberlauf des Vorderrheins gelegene Kloster D. (765 Desertina, 846 coenobium Desertinense, 1020 abbatia Tisentinensis, 1127 monasterium Disertinensis u.a.) wurde um das Jahr 700 gegründet.

Gemäss Überlieferung ("Passio Placidi" 12. Jh.) errichtete der fränk. Mönch Sigisbert, getragen vom irofränk. Geist der Kolumbanschule von Luxeuil (Vogesen), in der Desertina eine Zelle. Er stellte sie unter das Patronat des fränk. Hausheiligen Martin, weshalb die spätere Abtei St. Martin heisst. Unterstützung erhielt Sigisbert vom einheim. Placidus, der wohl zu den mächtigsten Besitzern gehörte, die in der zeitgenöss. "Lex Romana Curiensis" erwähnt werden. Auf Befehl des Landesherrn Praeses Victor in Chur wurde Placidus umgebracht. Die Überlieferung stilisierte den Mord zum Martyrium (Fest der Klosterheiligen Sigisbert und Placidus am 11. Juli). Ein eigentl. Kloster wurde D. um 750 unter Abt Ursicinus. Vom Churer Bf. Tello, ein Sohn Victors, erhielt D. umfangreiche Schenkungen, die als Sühneleistung verstanden werden können (Tello-Testament 765). Im Sinne der benediktin. Kulturarbeit wurden die umliegenden Talschaften, die D. als Dotation erhalten hatte, urbarisiert. Das Reichenauer Verbrüderungsbuch von 810 nennt bereits 93 verstorbene und 71 lebende Mönche mit rät., alemann., fränk. und langobard. Namen.

Den ersten Kirchen aus dem 8. Jh., welche durch die archäolog. Grabungen 1980-83 nachgewiesen wurden, folgten um 800 zwei typisch rät. Dreiapsiden-Saalkirchen, nämlich die Martins- und die Marienkirche, sowie die Petruskapelle. In die Martinskirche integriert war die Placiduskrypta, die zusammen mit der Ringkrypta von St. Luzi in Chur zu den frühen schweiz. Krypten gehört. Die Zerstörung der karoling. Klosteranlage sah die Überlieferung im Zusammenhang mit den Einfällen der "Ungarn", die Forschung jedoch mit den Sarazeneneinfällen von 940. Als Hüterin des Lukmanierpasses errichtete D. Hospize entlang der Passstrasse. Das Reichskloster wurde in die Passpolitik der dt. Herrscher eingespannt. Unter der Herrschaft Ottos I. (962-973) erhielt D. Schenkungen, die von dessen Nachfolgern bestätigt wurden. Der Sachsenkaiser Heinrich II. (1002-24), der den Brenner dem Lukmanier vorzog, übergab D. 1020 dem Brixener Hochstift (Südtirol). Das Kloster blieb in der Folgezeit ein Spielball der Kaiser. Begünstigt wurde es wieder unter dem Staufer Friedrich I. Barbarossa (1152-90), der den früheren Besitzungen neue in der Lombardei hinzufügte. Die Klosterherrschaft, Casa Dei oder Cadi genannt, reichte 1185 von Brigels bis zum Furkapass. Die Äbte besassen die hohe Gerichtsbarkeit über die Gotteshausleute und das Marktrecht; sie errichteten auch selbstständige Pfarreien. Ihre Herrschaft sollte aber bald geschwächt werden: Laienverwalter sind für Ursern 1203 und für Medel (Lucmagn) 1322 nachgewiesen. Als Reichskloster war D. offenbar schon im 12. Jh. einem Vogt unterstellt. Diese Funktion übte im Dienste der Gf. von Lenzburg die Fam. da Torre aus, 1213 Heinrich von Sax-Misox und ab Mitte des 13. Jh. die Gf. von Werdenberg (Freikauf 1401). Ministerialen bauten im 12. und 13. Jh. ihre Burgen in der Klosterherrschaft.

1251 tritt die Landschaft D. erstmals als Rechtsperson auf. Es galt nun, zwischen Feudalismus und Autonomiebestrebungen zu vermitteln. Abt Johannes von Ilanz (1367-1401) gewährte der Cadi einen selbstständigen Ammann (Mistral). Der Abt war 1395 Mitbegründer des Ilanzer Bundes, später auch Grauer Bund genannt, mit dem die polit. Einigung der Gebiete an der Lukmanierroute bekräftigt wurde. Bei der Bundeserneuerung 1424 unter dem Ahorn (rätorom. ischi) von Trun führte Abt Petrus von Pontaningen (1402-38) die Unterzeichner an. 1440 bzw. 1455 schloss sich der Graue Bund mit dem Gotteshausbund, 1471 mit dem Zehngerichtenbund zusammen. Der Graue Bund verband sich 1497 als zugewandter Ort mit der Eidgenossenschaft. 1472 kaufte D. die Herrschaft Jörgenberg, musste aber der Cadi weitere Zugeständnisse bei der Bestellung des Mistrals machen. Die Gem. D. sicherte sich 1477 sogar ein Einspracherecht bei der Aufnahme von Novizen und übernahm so die Rolle der Klostervögte. Hingegen inkorporierte das Kloster weitere Pfarreien und dehnte die geistl. Macht bis Ems aus. Die Äbte liessen sich ihre Reichsprivilegien vom Kaiser bestätigen.

Der Umbruch der Reformationszeit stärkte weiterhin die weltl. Macht. Eine Sonderbestimmung in den Ilanzer Artikeln von 1524 und 1526 sicherte den Weiterbestand des Klosters. 1536 trat Abt Martin Winkler (1528-36) mit drei Mönchen zum neuen Glauben über. Die Obrigkeit der Gem. D. bestellte jedoch einen neuen Vorsteher und rettete das Kloster, nicht zuletzt aus Furcht vor dem Verlust alter Vorrechte. 1539/40 musste der Abt das Schloss Jörgenberg an die ref. Herren von Waltensburg abtreten. Zur Zeit der kath. Reform lud Abt Christian von Castelberg (1566-84) den Mailänder Ebf. Karl Borromäus 1581 nach D. ein und bestärkte die Tridentin. Reform. Obwohl die Abtei 1587-96 eine Schule für Priesterkandidaten führte, blieben diese Reform- und Bildungsbestrebungen in den Anfängen stecken. Als Abt Sebastian von Castelberg (1614-34) in den Bündner Wirren vor den Truppen des Jörg Jenatsch fliehen musste, bemächtigte sich die weltl. Obrigkeit der Verwaltung des Klosters. Durch Vermittlung des Nuntius und der Schweiz. Benediktinerkongregation, in die D. 1617 aufgenommen worden war, kam es unter dem aus dem Kloster Muri kommenden Administrator und Abt Augustin Stöcklin (1634-41) zur Erneuerung. Unter Abt Adalbert Bridler (1642-55) erlangte das Kloster die Loslösung vom Churer Bischof, trat aber der Gem. die gesamte Justiz ab. 1649 kam es zum Auskauf der Disentiser Herrschaftsrechte in Ursern. Im barocken Geist wurde unter den Äbten Adalbert de Medell (1655-96) und Adalbert Defuns (1696-1716) der repräsentative Klosterneubau. An der Ausgestaltung der Pläne war der Einsiedler Bruder Caspar Moosbrugger beteiligt.

Im 2. Koalitionskrieg (1799-1801) geriet D. in die Kämpfe zwischen Frankreich und Österreich. Vergeblich versuchte der gelehrte Pater Placidus Spescha zu vermitteln. Mit der Einäscherung von Kloster und Dorf am 6. Mai 1799 gingen nicht nur Kunstschätze, sondern auch Archiv und Bibliothek verloren. Die Abtei büsste die veltlin. Besitzungen in Postalesio und rund die Hälfte des Klostervermögens ein. Dass das Kloster nicht säkularisiert wurde, verdankte es dem Umstand, dass mit dem Auskauf Waltensburgs 1734 und der Ablösung der Zehnten 1737 die letzten Reste der Feudalherrschaft bereits beseitigt worden waren. Der radikale Geist des Kulturkampfes, der in der Schweiz zu zahlreichen Klosteraufhebungen führte, liess auch D. nicht unberührt. 1859 wurde die Verwaltung des Klosters der Staatskontrolle unterstellt, zudem verunmöglichte die Bündner Regierung 1861 die Novizenaufnahme weitgehend. Im gleichen Jahr wurde die Jurisdiktion des Klosters dem Churer Bischof unterstellt. Zur Restauration kam es nach einem Stimmungsumschwung im Volk und in der Regierung, wofür der Disentiser Redaktor Placi Condrau, der Trunser Politiker Caspar Decurtins und der Maienfelder Theophil von Sprecher gesorgt hatten. Mit Hilfe der Schweiz. Benediktinerkongregation konnte sich D. erholen. Der vom Kloster Muri-Gries (Bozen) zur Verfügung gestellte Benedikt Prevost verband als Abt (1888-1916) den inneren Aufbau mit der Errichtung der Klosterschule, mit Seelsorge und Wallfahrt. 1895-99 liess er durch August Hardegger die neue Marienkirche errichten. Unter den Äbten Beda Hophan (1925-63) und Viktor Schönbächler (1963-88) konsolidierte sich das Gymnasium und wurde zu einem regionalen Bildungszentrum. Der Bau des Internates 1937-40 (Walther Sulser) und des neuen Schulgebäudes 1969-73 (Hermann und Hans Peter Baur) erweiterten die Klosteranlage. In der umgebauten Hardegger-Kirche (Felix Schmid) fanden die Bibliothek sowie eine kulturhist. und eine naturgeschichtl. Sammlung Platz. Bei archäolog. Ausgrabungen in den Jahren 1980-83 sicherte man die frühma. Placiduskrypta, die zugänglich gemacht wurde. Von 1988 bis 2000 stand dem Kloster D. Abt Pankraz Winiker vor, seit 2000 Abt Daniel Schönbächler. Der Konvent zählte 2003 30 Professen.


Literatur
– I. Müller, Gesch. der Abtei D. von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1971
– I. Müller, «Die Frühzeit des Klosters D.», in BM 1986, 1-45
HS III/1, 474-512
– W. Jacobsen et al., Vorrom. Kirchenbauten, 1991, 93-95, (Nachtragsbd.)
D./Mustér: Gesch. und Gegenwart, hg. von G. Condrau, 1996

Autorin/Autor: Daniel Schönbächler