12/06/2012 | Rückmeldung | PDF | drucken

Freikirchen und Sekten

Die Begriffe Freikirche und Sekte sind vieldeutig und werden in der landeskirchlich geprägten Schweiz meist relational verwendet: Sie bezeichnen religiös geprägte Gruppen mit kleinerem (Freikirche) oder grösserem (Sekte) Abstand zur gesellschaftlich determinierten "Orthodoxie" der Landeskirchen. Die seit der Reformation bestehenden Freikirchen sind dadurch charakterisiert, dass die Gem. frei von staatl. Abhängigkeiten sind und ihre Mitglieder aus freier Entscheidung - und nicht durch Geburt - beitreten. Der Begriff Freikirche stammt aus dem 19. Jh. Er ist weitgehend wertfrei und wird nur auf Gem. angewendet, deren Glauben und Struktur als vertretbare Varianten des Christentums gelten. Wichtiges Kriterium ist dabei die Bereitschaft der Gem. zu ökumen. Zusammenarbeit.

Der Begriff Sekte steht seit dem antiken Christentum für eine stets negative Bezeichnung von dissidenten und zu verwerfenden christl. Gruppen. Die vielen Definitionen des Begriffs sind zeit- und situationsgebunden: in der Antike meist dogmatisch, im MA meist kirchenrechtlich, in der Neuzeit oft politisch, in der Gegenwart grundrechtsorientiert. Wertneutrale Definitionen haben sich im Alltag nie durchgesetzt.

Dissidente Gruppierungen haben seit der Christianisierung Anteil am schweiz. Christentum. Der Arianismus hat im Altertum nicht zu überdauernder Gruppenbildung geführt. Im SpätMA sind Spuren der Waldenser, die häufig verfolgt wurden, feststellbar. Mit den Täufern entstanden in der Reformationszeit erste eigenständige Gemeinschaften, die dem soziolog. Typus der Freikirchen entsprachen und trotz jahrhundertelanger Verfolgungen bis heute fortbestehen; keine Möglichkeit zur Kirchenbildung in der Schweiz fanden die Antitrinitarier. Der Aufbruch des Pietismus führte trotz vorhandener separatist. Tendenzen meist zur Ausdifferenzierung kirchl. Positionen. Gemeinschaftsbildungen wie die der Heimberger Brüder bildeten Ausnahmen. Hingegen gewannen ausländ. Gemeinschaften wie vorerst die Herrnhuter Brüdergemeine und später der Methodismus (Methodisten) Einfluss. Das 19. Jh. kann als Zeit der doppelten Erweiterung gesehen werden: Im Zug der Erweckungsbewegungen entstanden neue Gemeinschaften wie die Freien Evangelischen Gemeinden, die Chrischona-Gemeinden sowie die Neutäufer. Die allmähl. Lockerung der starren Staatskirchlichkeit ermöglichte auch ein langsames (und nicht unbehelligtes) Eindringen nichtschweiz. Gruppierungen v.a. aus dem englischsprachigen Raum (Adventisten, Darbysten, Heilsarmee, Mormonen, Zeugen Jehovas). Aus Deutschland kamen die kath.-apostol. Kirche und die Neuapostolische Kirche. Einen innenpolit. Sonderfall bilden die territorial bestimmten Evangelischen Freikirchen Genfs, Neuenburgs und der Waadt.

Der Prozess der Pluralisierung schritt im beginnenden 20. Jh. fort. Neue Gemeinschaften entstanden (u.a. der Evang. Brüderverein), andere fanden von aussen her Eingang in die Schweiz (Christengemeinschaft, Christliche Wissenschaft, Pfingstliche Freikirchen, Quäker). In der 2. Hälfte des 20. Jh. gab es immer mehr Sekten und Freikirchen, die in der Schweiz Fuss fassten. Einige haben ihre Wurzeln im Christentum (u.a. Einzelgemeinden im Kontext der Charismatischen Bewegung, Geistige Vereinigung Methernitha, Missionswerk Mitternachtsruf, Orden Fiat Lux, St. Michaelsvereinigung, Universelles Leben, Vereinigungskirche), andere in einer oder mehreren anderen Religionen (Baha'i, Hare-Krishna-Bewegung bzw. Sonnentempler, Pro Beatrice). Wiederum bei anderen ist der Religionsanspruch grundsätzlich umstritten (Scientology, Transzendentale Meditation, Verein für psycholog. Menschenkenntnis). Entstehungs-, Verschiebungs- und Erneuerungsprozesse sind fortwährend im Gang.

Einerseits sorgen ökumen. Denken und Handeln für zunehmende Vernetzungen der christl. Konfessionen in dogmat. und prakt. Hinsicht. Neuere überkonfessionelle Aufbruchsbewegungen können diese Tendenz z.T. stützen, wobei gesprächsbereite Gemeinden eine "Entwicklung zur Freikirche" durchlaufen. Andererseits sorgten in letzter Zeit Konflikte mit versch. Neureligionen, eigentliche "Sektendramen" (1994 Selbstmorde und Morde von 53 Sonnentemplern in Cheiry und Salvan sowie Kanada) und Spekulationen um den Wechsel des Jahrtausends für polem. Auseinandersetzungen um religiöse und gesellschaftl. Werte.


Literatur
TRE 11, 550-563
Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz, hg. von A. Dubach, R.J. Campiche, 1993
– M. van Wijnkoop Lüthi, Die Sekte ... die anderen? 1996
L'Etat face aux dérives sectaires, hg. von F. Bellanger, 2000
Kirchen, Sekten, Religionen, hg. von G. Schmid, G.O. Schmid, 72003

Autorin/Autor: Marc van Wijnkoop Lüthi