Dialektische Theologie

Oft als Sammelbegriff für die Theologie Karl Barths, seiner Freunde und Schüler insgesamt verwendet, jedoch nicht von ihnen erfunden, bezeichnet D. oder auch "Theologie der Krisis" insbesondere die Frühphase des Barth'schen Denkens sowie die mit ihm verbundene Bewegung, zu welcher in den 1920er Jahren u.a. Friedrich Gogarten, Eduard Thurneysen, Emil Brunner und Rudolf Bultmann gehörten. Es handelt sich allerdings bloss um eine besondere Akzentuierung innerhalb der von Barth vertretenen "Theologie des Wortes Gottes". Ihren literar. Ausdruck fand sie besonders in seinem "Römerbrief" (1919, 2. Auflage 1922), im Aufsatzband "Das Wort Gottes und die Theologie" (1924) sowie in der Zeitschrift "Zwischen den Zeiten" (1923-33). Die D. reflektiert die Krisen und Umbrüche der Zeit nach dem 1. Weltkrieg und transponiert sie in das Gottesverhältnis des Menschen, das zunächst durch das Nein Gottes gegenüber den menschl. Annäherungsversuchen religiöser, kultureller und polit. Art bestimmt ist. Gott ist Gott, der Mensch Mensch. Als solcher hat er keine Möglichkeit, den "ganz Anderen" (im Sinne des alles Verändernden) zu erkennen. Der Negation steht dialektisch eine Position entgegen, die man sich jedoch durch keine Methode, auch nicht die dialektische, aneignen kann. Der verborgene Gott gibt sich in Jesus Christus zu erkennen und diese Offenbarung erfolgt in der Hl. Schrift. Nur indem der Mensch sich dieser Situation beugt und glaubt, erkennt er Gottes Ja und Verheissung als eine "unmögl. Möglichkeit". So wird das Verhältnis von Verborgenheit und Erkennbarkeit, Gnade und Sünde, Wort und Wörtern zur Aufgabe der Theologie. Wenn Barth auch an dieser Grundauffassung festgehalten hat, so wurde ihm doch ab 1930 das Ja wichtiger als das Nein und das Wort Gottes in Jesus Christus zur Methode und zum Inhalt der Theologie. Vor dem Hintergrund philosoph., persönl. und zeitgeschichtl. Zusammenhänge erfolgte rasch eine Aufsplitterung der D. in versch. Denkrichtungen.


Literatur
Anfänge der dialekt. Theologie, hg. von J. Moltmann, 2 Bde., 1962 (mehrere Aufl.)
– W. Fürst, "D." in Scheidung und Bewährung 1933-1936, 1966
– E. Jüngel, Barth-Studien, 1982
– D. Korsch, D. nach Karl Barth, 1996
– C. Chalamet Théologiens dialectiques, 2002

Autorin/Autor: Klauspeter Blaser