Ultramontanismus

Die ursprünglich geogr. Bezeichnung ultramontanus meint denjenigen, der jenseits der Berge wohnt. Ab dem 18. Jh. wurden Juristen als Ultramontane betitelt, die den von der röm. Kurie ausgehenden Entscheidungen letztgültige Rechtskraft zuschrieben. In der Auseinandersetzung zwischen römischen und reichskirchlichen oder gallikanisch gesinnten Kanonisten erhielt der Begriff eine abschätzige Bedeutung: Wer als Ultramontaner gescholten wurde, galt als Finsterling, Römling, Papist. Im Zeitalter der nationalen Bewegungen des 19. Jh. stand U. polemisch mitunter für den röm. Katholizismus schlechthin. Im dt. Sprachraum hielt sich das Schlagwort bis zum Ende des 2. Weltkriegs, dann verschwand es allmählich, wobei der Begriff in der Schweiz in radikalen ref. Kreisen bis etwa 1950 eine kurze Nachblüte erlebte.

Für die jüngere Forschung umfasst die Sammelbezeichnung U. die Epoche des röm. Katholizismus im 19. und in der 1. Hälfte des 20. Jh. Nach einer Vorlaufphase bis etwa 1850 stand diese Epoche und mit ihr der Begriff U. im Zeichen der Beschlüsse des 1. Vatikan. Konzils von 1870. Die nationalen und regionalen Katholizismen richteten sich auf Rom aus und lehnten den Liberalismus ab. Gegenüber dieser Massenbewegung konnte sich der liberale Katholizismus, dessen Anhänger aus aristokrat. und bürgerl. Bildungseliten stammten und die Aussöhnung von Kirche und Demokratie anstrebten, nicht durchsetzen. Im Unterschied zum Ancien Régime stieg die Bedeutung des päpstl. Lehramts und wurde im bürgerl. Zeitalter für die nationalen Katholizismen zum Symbol der eigenen Identität (Heiliger Stuhl). Während die ältere Forschung den aktiv steuernden Anteil des Papsttums, der Nuntien (Nuntiatur) und zentralistisch organisierter Orden - v.a. der Jesuiten - hervorhob, betonen neuere Studien deren populist.-demokrat. Charakter, und zwar vorgängig und unabhängig von päpstl. Programmatik. Dies gilt besonders für die kath. Schweiz, wo der demokrat. Charakter, die unmittelbare Berufung auf Religion und Glaube, der Anteil der Laien, die schwache Position der Bischöfe und der zunächst spontane Charakter der Solidarisierung mit Rom, v.a. in der Frage des Kirchenstaats, ausgeprägter zum Ausdruck kamen als andernorts. In Luzern verblieben die von Niklaus Wolf gegr. Gebetsvereine mit antiaufklärer. Einschlag zunächst im religiös-kirchl. Bereich, bis Josef Leu 1840 die polit. Initiative ergriff. Im Aargau entstand 1832 der Verteidigungsverein, in Solothurn im gleichen Jahr die Kath. Gesellschaft, im Berner Jura der Verein der Katholiken am Jura zur Erhaltung der Rechte der Kirche. Die Niederlage der kath.-konservativen Kantone im Sonderbundskrieg 1847, ein latenter Kulturkampf und die nach 1860 offensivere Kirchenpolitik Pius IX. trugen zur Bindung der kirchentreuen Katholiken an Rom bei. Gesamtschweiz. Bedeutung gewann der 1859 gegr. Piusverein. Innerhalb des Klerus starben nach 1860 die Vertreter eines liberalen Katholizismus aus. Als Repräsentant des U. in der Deutschschweiz gilt der Solothurner Theodor Scherer-Boccard. Die gesellschaftl. Vorstellungen des U. finden sich exemplarisch beim Freiburger Publizisten Joseph Schorderet. Die staatl. Unterstützung der christkath. Bewegung in versch. Kantonen, die repressiven Massnahmen gegen den Bf. von Basel, Eugène Lachat, und Weihbf. Gaspard Mermillod sowie die Ausnahmeartikel der Bundesverfassung von 1874 trugen auf dem Höhepunkt des Kulturkampfs zur Verfestigung des U. und des kath. Milieus bei. Bis zum 2. Vatikanum (1962-65), mit Nachwirkungen bis ins 21. Jh., bestimmte der U. das Leben der kath. Kirche.


Literatur
– L. Snell, Die Jesuiten und der U. in der Schweiz von 1798 bis 1845, 1846
– J. Lang, «"Die Firma der zeitverständigen Geistlichen stirbt aus": Die Ultramontanisierung des Schweizer Klerus im langen Kulturkampf von 1830-1880», in Traverse, 2000, H. 3, 78-89
TRE 34, 253-263
– V. Conzemius, «Schweizer U. im internat. Kontext», in Mit der Gesch. leben, hg. von O. Sigg, 2003, 89-107

Autorin/Autor: Victor Conzemius