• <b>Pietismus</b><br>Erbauungsschrift "Ein neuer Strauss von schönen und gesunden Himmelsblumen" von  Samuel Lutz,   1737 (Zentralbibliothek Zürich). Der Berner Landpfarrer Samuel Lutz wurde von Zeitgenossen als "Haupt aller schweizerischen Pietisten" bezeichnet. Die Predigten, die er als Pfarrer von Amsoldingen und später von Oberdiessbach hielt, fanden grossen Zuspruch.

Pietismus

Bedeutendste relig. Reformbewegung im europ. Protestantismus zwischen Reformation und Aufklärung. Ziel des P. war die bibl. Erneuerung des kirchl. und gesellschaftl. Lebens mittels der geistl. Wiedergeburt des Individuums. Die Bewegung war in den Städten und auf dem Land verankert, wurde von Frauen und Männern, Laien und Theologen getragen und barg kirchl. und separatist. Tendenzen. In der ref. Schweiz erreichte der P. 1690-1750 seinen Höhepunkt. Frühe Zentren entstanden in Bern, der Waadt, Zürich, St. Gallen und Schaffhausen. Beträchtl. Wirkung entfaltete der P. in Graubünden und Basel. Genf und Neuenburg wurden später erfasst.

Als komplexe soziale Bewegung ohne feste Organisation trat der P. in Bern Ende der 1680er Jahre hervor. Die Bewegung geriet wegen offener Kirchenkritik, Hausversammlungen und Missachtung des Parochialprinzips mit der kirchl. und staatl. Ordnung in Konflikt und in den Verdacht täufer. Umtriebe (Täufer). 1698-99 versuchte die Obrigkeit den P. im sog. Pietistenprozess auszumerzen. Mit Samuel Güldin und Samuel König wurden zwei Hauptakteure aus Bern ausgewiesen. Obschon sich in Zürich vorerst keine vergleichbare Reformströmung entwickelte, wurden 1698 pietist. und täufer. Bücher beschlagnahmt und Kontakte zum bern. P. entdeckt. 1699 entstand in Vevey um den Stadtschreiber François Magny ein pietist. Kreis. Staatl. Druck, interne separatist. Tendenzen und der Einfluss der Inspirationsbewegung förderten die Radikalisierung der Bewegung. In Bern nahm Beat Ludwig von Muralt für die Pietisten Partei. Während der Waadtländer Nicolas Samuel de Treytorrens 1716 Berns religiöse Intoleranz brandmarkte, gingen hingegen St. Gallen, Zürich und Schaffhausen mit Mandaten gegen den P. vor. Mehrere Schweizer Pietisten erlangten im Exil bzw. im Ausland Bedeutung, so etwa Ursula Meyer und Friedrich von Wattenwyl in dt. Landen.

1720-30 begann die partielle Integration des P. ins kirchl. Leben. Sie wurde gefördert vom Berner Samuel Lutz als Vertreter der ersten und vom Bündner Daniel Willi sowie vom Basler Hieronymus Annoni als Vertreter der zweiten Generation. In den 1730er und 40er Jahren begann der Prozess der Gemeindebildung. Es entstanden Inspirationsgemeinden, von Heimberg aus verbreiteten sich im Berner Oberland die Heimberger Brüder, in den Städten und auf dem Land bildeten sich Herrnhuter Sozietäten (Herrnhuter Brüdergemeine). In den Hausversammlungen erstarkte im P. das Selbstbewusstsein der Laien und v.a. auch der Frauen. Mit Bibelausgaben, Gebet-, Andachts- und Gesangbüchern trug der P. wesentlich zur gemeinschaftl. und individuellen Erbauung bei und leistete auf den Gebieten der Diakonie, Pädagogik und Mission (Missionen) Pionierarbeit. Der schweiz. P. war gesamteuropäisch vernetzt; es bestanden Beziehungen zum engl. Puritanismus, zum prot. P. in den Niederlanden und Deutschland, zur französischen quietist. Mystik bis hin zum Spener'schen, hallischen, herrnhutischen und radikalen P. in den dt. Landen. Wenn die schweiz. Aufklärung im Vergleich zur französischen moderat blieb, so ist dies auch auf die emanzipator. Impulse des P. zurückzuführen, der zudem Wegbereiter der Erweckungsbewegungen war. Originale Positionen zwischen P., Aufklärung und Erweckung wurden von Johann Kaspar Lavater, Ulrich Bräker oder Anna Schlatter-Bernet vertreten.

<b>Pietismus</b><br>Erbauungsschrift "Ein neuer Strauss von schönen und gesunden Himmelsblumen" von  Samuel Lutz,   1737 (Zentralbibliothek Zürich).<BR/>Der Berner Landpfarrer Samuel Lutz wurde von Zeitgenossen als "Haupt aller schweizerischen Pietisten" bezeichnet. Die Predigten, die er als Pfarrer von Amsoldingen und später von Oberdiessbach hielt, fanden grossen Zuspruch.<BR/>
Erbauungsschrift "Ein neuer Strauss von schönen und gesunden Himmelsblumen" von Samuel Lutz, 1737 (Zentralbibliothek Zürich).
(...)


Literatur
– W. Hadorn, Gesch. des P. in den schweiz. ref. Kirchen, 1901
– P. Wernle, Der schweiz. Protestantismus im 18. Jh. 1, 1923
– H. Vuilleumier, Histoire de l'Eglise réformée du Pays de Vaud sous le régime bernois 3, 1930
– R. Dellsperger, Kirchengemeinschaft und Gewissensfreiheit, 1985
– R. Dellsperger, «Der P. in der Schweiz», in Gesch. des P. 2, 1995, 588-616
– J.J. Seidel, Die Anfänge des P. in Graubünden, 2001
– T.K. Kuhn, Religion und neuzeitl. Gesellschaft, 2003
– I. Noth, Ekstat. P., 2005

Autorin/Autor: Rudolf Dellsperger