14/08/2012 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Täufer

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Das Täufertum ist im Rahmen des europaweiten Aufbruchs der frühen Reformation in den 1520er Jahren entstanden. In ihm verbinden sich Elemente aus spätma. Volksfrömmigkeit, humanist. Zeitkritik und latent vorhandenem Antiklerikalismus auf je sehr unterschiedl. Weise mit Impulsen aus der neuen reformator. Predigt und Agitation. Im Umfeld der Niederschlagung der kommunal-revolutionären Bewegung des Bauernkriegs (1525) wurde das Täufertum zum Sammelbecken von Gläubigen, welche sich in ihrem Bemühen um die Wiederherstellung des "wahren Christentums" für eine radikalere Reform einsetzten. Zunehmend gingen diese Menschen auf Distanz zu Luther und Zwingli und sympathisierten vorerst mit Positionen eines Thomas Müntzer oder Andreas Karlstadt. Als T., Wiedertäufer oder Anabaptisten wurden dabei diejenigen Vertreter der Bewegung bezeichnet, deren gemeinsames Kennzeichen die Verweigerung der Kindertaufe und die Praxis der Glaubenstaufe im Erwachsenenalter war. Entscheidend neu gegenüber der traditionellen Volkskirche war dabei nicht primär die Taufform, sondern die damit verbundene Freiwilligkeit der Kirchenmitgliedschaft (Taufe).

Insgesamt können europaweit wenigstens drei grosse Gruppen von T.n unterschieden werden: erstens die sog. Schweizer Brüder v.a. im eidg., elsäss. und süddt. Raum, zweitens die nach der Katastrophe des sog. Wiedertäufer-Reichs von Münster (Westfalen, D) von 1535 durch Menno Simons wieder gefestigten und auf einen freikirchl.-gewaltlosen Kurs verpflichteten niederländ. und norddt. Taufgesinnten oder Mennoniten, drittens die aus tirol., süddt. und schweiz. Flüchtlingen in Mähren entstandenen Hut(t)erer, deren auffälligstes Merkmal das kommunitäre Leben auf sog. Bruderhöfen in Arbeits- und Gütergemeinschaft darstellt.

Grundlegend für das schweiz. Täufertum war die am 21.1.1525 erstmals praktizierte Glaubenstaufe im Kreise ehem. Schüler und Freunde Zwinglis in Zürich. Ausgehend vom Zürcher Täuferkreis um Konrad Grebel, Felix Manz, Jörg Blaurock, Johannes Brötli, Simon Stumpf und Wilhelm Reublin verbreitete sich dieser Zweig der täufer. Bewegung bald in die Ostschweiz und in den süddt. Raum, via Graubünden nach Südtirol, über Basel ins Elsass und nach Bern. Manchenorts vermischten sich diese Impulse mit Anschauungen aus anderen radikalen und täufer. Tendenzen. Dabei bildeten sich je nach örtl. Verhältnissen unterschiedl. Akzente heraus, etwa um die bedeutenden täufer. Theologen Balthasar Hubmaier in Waldshut (D) oder Hans Denck und Pilgram Marpeck im süddt. und ostschweiz. Raum.

Für die T. auf eidg. Territorium kommt der in Schleitheim verabschiedeten Brüderl. Vereinigung von 1527, den sog. Schleitheimer Artikeln, besondere Bedeutung zu. Mit diesem wohl von Michael Sattler formulierten Bekenntnis grenzte sich eine fortan als Schweizer Brüder bezeichnete grössere Gruppe sowohl innertäufer. als auch gegenüber den Volkskirchen ab und konstituierte sich als erste Freikirche (Freikirchen und Sekten). Charakterist. Merkmal der Schweizer Brüder war ihr theol. Dualismus, ihr Konzept einer dem Schriftprinzip streng verpflichteten und in ihrem Streben nach sichtbarer "Besserung des Lebens" von der Welt abgesonderten, gewaltlosen und leidensbereiten Gemeinde. Ihr Nonkonformismus wurde v.a. spürbar in der Verweigerung des offiziellen Kirchgangs, des Eids und des Kriegsdienstes. Durch die radikale Kritik der T. an der religiös-sozialen Situation ihrer Zeit sowie v.a. an der in ihren Augen unheilvollen Allianz von Kirche und Obrigkeit zogen sie rasch den Zorn der Mächtigen auf sich. Wohl versuchten diese bis ins 17. Jh. hinein immer wieder, die T. in teils öffentl. Disputationen von ihren Positionen abzubringen. Die Erfolglosigkeit der meisten dieser Gespräche (z.B. Zürich 1525, Zofingen 1532, Bern 1538) heizte die obrigkeitl. Repression aber stets neu an. Trotz (bzw. auch infolge) der rasch einsetzenden Verfolgung verbreitete sich die Bewegung bald nicht nur in der Schweiz, sondern auch quer durch Europa bis nach Russland, später auch nach Nord- und Südamerika.

In der Eidgenossenschaft befanden sich im 16. Jh. die meisten T. in den ref. eidg. Orten Bern und Zürich, ferner in Solothurn, Basel, Schaffhausen, St. Gallen und Graubünden. Gefängnis, Folter, Güterkonfiskation, Verbannung und Hinrichtung (in Bern bis 1571, in Zürich bis 1614, in Rheinfelden noch 1626) trieben aber die schweiz. T. immer mehr in die geogr. und soziale Isolation und in eine bisweilen auch theol. Enge. Interne Konflikte führten 1693 zur Entstehung der Gemeinschaft der Amischen durch Jakob Ammann. Ein period. Nachlassen der Verfolgungen sowie Einflüsse aus Pietismus und Erweckungsbewegung liessen die Gem. später wieder anwachsen, führten teilweise aber auch zum Rückzug als "Stille im Lande". Nachdem sich bis ins 18. Jh. v.a. die niederländ. Mennoniten vehement für ihre verfolgten Glaubensgeschwister in der Schweiz eingesetzt hatten, brachten erst die Aufklärung und die Franz. Revolution den schweiz. T.n einige Erleichterung. Eine kontinuierl. Präsenz täufer.-mennonit. Gem. von den Anfängen bis in die Gegenwart gibt es in der Schweiz nur im Kt. Bern (v.a. im Emmental), obwohl sich gerade dieser Kanton mehr als zwei Jahrhunderte lang durch eine beispiellos harte Linie hervorgetan und hunderte von T. ausgewiesen hatte. Die zeitweise recht zahlreiche täufer. Bevölkerung auf Zürcher Territorium war hingegen bis zur Mitte des 17. Jh. fast vollständig ausgeschafft worden. Auch den anderen eidg. Ständen gelang es im Verlauf des 17. Jh., die Zahl ihrer täufer. Untertanen entscheidend zu reduzieren (z.B. Kt. Solothurn, Basel, Schaffhausen).

Wichtigste Fluchtorte für verfolgte schweiz. T. waren bis zu Beginn des 17. Jh. Mähren, später das Elsass und die Pfalz, ab dem 18. Jh. zudem das Fürstbistum Basel, der Neuenburger Jura, die Region Montbéliard (F), die Niederlande und Nordamerika. In den meisten dieser Regionen und Länder finden sich auch zu Beginn des 21. Jh. noch Nachkommen dieser schweiz. T. (vgl. die v.a. von nordamerikan. Mennoniten betriebene genealog. Forschung). Viele von ihnen wissen sich noch immer ihrem täufer. Erbe verbunden und gehören zur mittlerweile weltweit als Mennoniten bezeichneten Freikirche, die 2009 1,6 Mio. Mitglieder zählte. In der Schweiz gab es 2012 14 Gem. in den Kt. Bern, den beiden Basel, Neuenburg und Jura mit ca. 2'500 Mitgliedern. Anlass zu Konflikten mit den Behörden hat bis in die Gegenwart der täufer. Grundsatz des Gewaltverzichts gegeben, auch wenn diese Position lange nicht mehr so konsequent durchgehalten wird wie in früheren Zeiten. Als sog. Hist. Friedenskirche haben sich die schweiz. Mennoniten in neuester Zeit jedoch intensiv um die Einführung eines Zivildienstes bemüht. Neben den Mennoniten oder Alttäufern zählen sich auch die Baptisten und die von Samuel Heinrich Fröhlich begr. Evang. Täufergemeinde oder Neutäufer zur täufer. Tradition, haben aber jüngere Wurzeln. Trotz einer Reihe ausgezeichneter Quelleneditionen und umfangreicher Quellenbestände in Archiven ist mit Ausnahme der Entstehungszeit die Geschichte der schweiz. T. noch unzureichend erforscht. Die meisten Monografien zum Täufertum in einzelnen Regionen sind älteren Datums und mittlerweile ergänzungsbedürftig. Eine umfassende neuere Gesamtdarstellung fehlt.


Quellen
Qu. zur Gesch. der (Wieder-)T., 1930-
Qu. zur Gesch. der T. in der Schweiz, 1952-
Literatur
Mennonit. Lex., 4 Bde., 1913-1967
Mennonite Encyclopedia, 5 Bde., 1955-1990
Bibl. des Täufertums 1520-1630, hg. von H. Hillerbrand, 1962
– S.H. Geiser, Die Taufgesinnten-Gem. im Rahmen der allg. Kirchengesch., 1971
– U. Gastaldi, Storia dell'anabattismo, 1972 (21992; mit Bibl.)
Mennonitica Helvetica, 1977-
– J. Seguy, Les assemblées anabaptistes-mennonites de France, 1977
– H.-J. Goertz, Die T., 1980 (21988)
– H.-J. Goertz, Religiöse Bewegungen in der frühen Neuzeit, 1993, (mit Bibl.)
– G. Seebass, Die Reformation und ihre Aussenseiter, hg. von I. Dingel, 1997
– H. Jecker, Ketzer -- Rebellen -- Heilige, 1998, (mit Bibl.)
A Companion to Anabaptism and Spiritualism, 1521-1700, hg. von J.D. Roth, J.M. Stayer, 2007
– H. Jecker, «Das Schweiz. Täufertum», in Schweizer Kirchengesch. - neu reflektiert, hg. von U. Gäbler et al., 2011, 193-210

Autorin/Autor: Hanspeter Jecker