Calvinismus

C. ist nicht gleichzusetzen mit einer von Johannes Calvins Ideen und Werken abgeleiteten Lehre oder Ekklesiologie, sondern umfasst allgemein Geschichte, Denken, Kultur und Einfluss der ref. Kirchen (Reformation). Diese wurden zwar nicht allein von Calvin, sondern u.a. auch von Martin Bucer, Heinrich Bullinger und Philipp Melanchthon geprägt. Calvin erschien jedoch bald als die dominante Persönlichkeit derjenigen Richtung des Protestantismus, die sich nicht auf Martin Luther berief. Daher wurde diese Richtung auch nach ihm benannt.

Der C. unterscheidet sich von der luth. Glaubenslehre in Bezug auf die Theologie, die Sakramente, die Stellung der Kirche im Staat sowie die Ethik. Die Christologie Luthers ging von einem Austausch der Eigenschaften zwischen der göttl. und der menschl. Natur Christi aus. Luther schloss daraus auf die Realpräsenz des Leibes Christi in der Feier des Abendmahls (Konsubstantiation), da der Leib an der göttl. Eigenschaft der Ubiquität teilhabe. Calvin und seine Anhänger hingegen lehnten diese Allgegenwart klar ab: Ihrer Ansicht nach sitzt die menschl. Natur Christi seit der Himmelfahrt zur Rechten Gottes und kann daher nicht beim Abendmahl präsent sein. Trotzdem bekannten sie sich zu einer wirkl. Gegenwart Christi im Abendmahl, allerdings im geistigen, nicht im materiellen Sinne. Ein weitere Differenz zwischen dem C. und dem Lutherismus bestand bezüglich der Lehre von der göttl. Vorherbestimmung; die Lutheraner lehnten nämlich die doppelte Prädestination im Sinne Calvins ab. Die Calvinisten ihrerseits legten die luth. Zwei-Reiche-Lehre anders aus, indem sie dem weltl. Reich die Selbstständigkeit absprachen und - z.T. unter Berufung auf das Widerstandsrecht gegen Tyrannen - immer wieder Stellung zu polit. Fragen nahmen. Auch in Bezug auf die Kirchenordnung unterschieden sich C. und Luthertum. In den evang.-luth. Gebieten, in denen die Reformation während ihrer Anfänge an den monarch. Staat gebunden war, war die Kirche der weltl. Gewalt, also in der Regel dem Landesfürsten, unterstellt. Die calvinist. Gemeinden konnten sich in der Regel freier entwickeln. Weil die Anhänger oft weit verstreut wie in Frankreich und Nordamerika oder in Ländern mit republikan. Struktur (ref. Orte der Eidgenossenschaft, Vereinigte Niederlande) lebten, entstand das Konzept einer kirchl. Gerichtsbarkeit, die relativ unabhängig von der zivilen Gerichtsbarkeit war. Die Grundlage dieser kirchl. Rechtsprechung bildete ein presbyterial-synodales System. Es sah eine repräsentative Struktur aus Laien und Pfarrern mit gleichen Kompetenzen vor, die auf lokaler Ebene Sittengerichte, auf regionaler oder nationaler Ebene Synoden bildeten. Ein besonderes Anliegen war dem C. die Kirchenzucht, wobei die Sittengerichte über Anschauungen und Sittlichkeit wachten.

Mit dem Consensus tigurinus, in dem Calvin und der Zwingli-Nachfolger Bullinger ihre Übereinstimmung in der Abendmahlslehre erklärten, vertieften sich ab 1549 die theol. Beziehungen zwischen Zürich und Genf. Damit waren die Grundlagen des C.' gelegt, und mit dem 2. Helvet. Bekenntnis verfasste Bullinger 1566 dessen wichtigste symbol. Schrift (Helvetische Bekenntnisse). Theodor Beza, der Nachfolger Calvins, spielte eine massgebl. Rolle beim Aufbau eines calvinist. Europas, das in der 2. Hälfte des 16. Jh. entstand. Der C. breitete sich in Frankreich aus; seine Anhänger wurden dort als Hugenotten bezeichnet. Mit dem Edikt von Nantes erteilte ihnen Heinrich IV. 1598 das Recht auf freie Religionsausübung. Der Widerruf 1685 durch Ludwig XIV. trieb Zehntausende von Hugenotten zur Flucht in die Schweiz und in andere ref. Länder Europas (Protestantische Glaubensflüchtlinge). In Deutschland fasste der C. zunächst in der Kurpfalz Fuss, in der 1563 der Heidelberger Katechismus niedergeschrieben wurde. Er dehnte sich bald auf die Fürstentümer bzw. Städte Nassau, Bremen, Lippe, Hessen-Kassel und Brandenburg aus und wurde 1648 im Westfäl. Frieden offiziell anerkannt. In England prägte der C. die puritan. Bewegung, zu denen auch der Kongregationalist Oliver Cromwell zählte. John Knox, ein Schüler Calvins, brachte den C. nach Schottland. 1620 gelangte der C. mit der Landung der Pilgrim Fathers, die ein presbyteriales Kirchenverständnis vertraten, nach Nordamerika. Er verbreitete sich auch in Ungarn und Siebenbürgen. Den stärksten Aufschwung erlebte der C. allerdings in den Niederlanden, wo auch der zentrale Lehrstreit um die doppelte Prädestination ausbrach. Die Dordrechter Synode von 1618-19 brachte nicht nur die Entscheidung in dieser Kontroverse, sondern führte auch zur Festlegung der grundlegenden Normen der Protestantischen Orthodoxie, die ein Jahrhundert lang gelten sollten (Verderbtheit der menschl. Natur, bedingungslose göttl. Erwählung, Tod Christi ausschliesslich für die Auserwählten, Unwiderruflichkeit der Gnade, Ausharren der Auserwählten bis zur Erlösung). Zum Schutz dieser Orthodoxie vor der angebl. Bedrohung durch die theol. Schule von Saumur, die in Bezug auf Gnadenlehre und Bibelkritik offener war, zwangen die Schweizer Kirchen ihre Pfarrer 1675 zur Unterzeichnung der Formula Consensus. Der C. entwickelte sich anfangs des 18. Jh. ungebrochen weiter, v.a. dank dem Wirken der drei Pfarrer und Professoren Jean-Alphonse Turrettini von Genf, Jean-Frédéric d'Ostervald von Neuenburg und Samuel Werenfels von Basel, die der Aufklärung näher standen als den Gedanken Calvins oder Bullingers. Die Glaubensbekenntnisse verloren ihren normativen Charakter und wurden mit der Kritik der Naturwissenschaften und der Geschichtswissenschaft konfrontiert. Im 19. Jh. wurde der C. von gegensätzlichen Strömungen durchdrungen: Der Réveil beabsichtigte - innerhalb eines pietistischen und methodistischen Rahmens - die theol. Formulierungen des 16. Jh. zu stärken. Auf der anderen Seite stand der Liberalismus, der die rationale Kritik der Theologie entwickelte und den C. in verschiedenen prot. Theologien fortbildete, die den Schwerpunkt auf einzelne Aspekte wie die Kultur, das Gefühl oder das Gewissen legten. 1875 schlossen sich die Calvinisten weltweit zum Ref. Weltbund (Alliance of the Reformed Churches throughout the World holding the Presbyterian System, seit 1970 World Alliance of Reformed Churches) mit Sitz in Genf zusammen. Auch in der ökumen. Bewegung (Ökumene) spielte der C. eine entscheidende Rolle. Der erste Sekretär des 1948 in Genf gegründeten Ökumenischen Rats der Kirchen, der Holländer Willem Visser't Hooft, war calvinist. Pfarrer. Der bedeutendste Theologe calvinist. Ursprungs im 20. Jh. war der Basler Karl Barth. Auch wenn Barth die Grenzen des C.' sprengte, berief er sich doch auf die Lehre Calvins und anderer calvinist. Theologen.

Zu Beginn des 20. Jh. feierte sich der C. mit dem Monument de la réformation, das 1909-17 in Genf errichtet wurde. Das Denkmal weist auf die weltweite Verbreitung des Bekenntnisses hin und unterstreicht - gewissermassen als geistige Hinterlassenschaft des Reformators - die gesellschaftspolit. Zielvorstellungen, für die der C. einsteht. Calvinisten befürworteten den öffentl. Unterricht, kritisierten religiöse wie polit. Tyrannei und forderten vom 18. Jh. an das Recht auf Selbstbestimmung. Sie wiesen die Menschen auf ihre Verantwortung für eine ethische Lebensweise hin und verlangten eine moralisch einwandfreie Führung der Staatsgeschäfte. Unter dem Einfluss von Alexandre Vinet bejahten sie im 19. Jh. das Recht auf Religionsfreiheit, verteidigten die demokrat.-repräsentative Staatsordnung, forderten die Abschaffung der Sklaverei und eine gewisse soziale Gerechtigkeit. Ausserdem trug der C. dazu bei, dass sich die Vision der Menschenrechte durchsetzte. Mit der Legitimierung des verzinslichen Darlehens gegen Hinterlegung bestimmter Garantien begünstigte der C. ab dem 17. Jh. die Entwicklung eines Netzes von ref. Banken (von Herbert Lüthy "Hugenottische Internationale" genannt). In seiner These, die fälschlicherweise oft auf den Kausalzusammenhang zwischen Reformation und Kapitalismus verkürzt wurde, sah Max Weber im C. jenen Faktor, der die Entwicklung der Wirtschaft im liberalen und kapitalist. Sinn vorantrieb.


Quellen
– P. Wernle, Der schweiz. Protestantismus im XVIII. Jh., 3 Bde., 1923-25
Bekenntnisschr. und Kirchenordnungen der nach Gottes Wort ref. Kirchen, hg. von W. Niesel, 1938
Reformed Witness Today, hg. von L. Vischer, 1982
Confessions et catéchismes de la foi reformée, hg. von O. Fatio, 1986
Literatur
– M. Weber, Die prot. Ethik und der "Geist" des Kapitalismus, 1904-05
– J. McNeill, The History and Character of Calvinism, 1954
– M. Prestwich, International Calvinism 1541-1715, 1985
Evang. Kirchenlex. 1, 1986, 615-630
LThK 2, 900-905
Dictionnaire critique de théologie, 1998, 194-196
– P. Benedict Christ's Churches Purely Reformed: a Social History of Calvinism, 2002

Autorin/Autor: Olivier Fatio / AL