Devotio moderna

Spätma. Reformbewegung, die von Gerhard Groote (gestorben 1384) nach 1374 in Deventer (Niederlande) gegr. und von Florens Radewijns (gestorben 1400), Kanoniker von Utrecht, organisatorisch gefestigt wurde. In Abgrenzung zur Scholastik will sie im Hier und Jetzt ein am Vorbild der Urkirche orientiertes Leben in völliger Hingabe an Gott führen. Mittel dazu waren ein gemeinschaftl. Leben, Gewinnung des Lebensunterhalts durch eigene Arbeit sowie Gebet und persönl. Lektüre zur meditativen Verinnerlichung des Lebens und Leidens Christi. Modern ist diese Frömmigkeit in der Hinwendung zur Erfahrung, in der Aktivierung der affektiven Kräfte und in der Anleitung zur Selbstanalyse. Institutionell bildeten sich am Ende des 14. Jh. zwei Zweige heraus: Die Brüder und Schwestern vom gemeinsamen Leben, die keine Gelübde ablegten und deshalb anfänglich unter Häresieverdacht gerieten, und der monast. Zweig der regulierten Chorherrenklöster der Windesheimer Kongregation auf der Basis der Augustinerregel, dem auch eine Anzahl von Kanonissenstiften angegliedert war (Augustiner Chorherren). Sowohl die Brüder und Schwestern vom gemeinsamen Leben wie die Windesheimer Chorherren widmeten sich dem Bücherabschreiben und verfassten devote Schriften zur Vertiefung des spirituellen Lebens. Ihr Einfluss auf das Kloster- und Bildungswesen erstreckte sich im Verlauf des 15. Jh. von den Niederlanden über Frankreich und Deutschland bis in die Schweiz. 1462 wurde die Windesheimer Kongregation mit der Reform des Chorherrenstiftes St. Leonhard in Basel beauftragt. Von dort aus erfolgten 1471-92 weitere, z.T. erfolgreiche Reformversuche an Schweizer Klöstern (u.a. Interlaken, St. Martin auf dem Zürichberg, Beerenberg bei Winterthur, Kleinlützel, Klingental in Basel), denen die Reformation ein Ende bereitete. Die Windesheimer Kongregation selber überlebte und hielt am Klosterleben fest.


Literatur
– B. von Scarpatetti Die Kirche und das Augustiner-Chorherrenstift St. Leonhard in Basel (11./12. Jh.-1525), 1974
LexMA 3, 928-930; 9, 233-235
– A. Vauchez, Dictionnaire encyclopédique du Moyen Age 1, 1997, 457 f.
– T. Kock, Die Buchkultur der D., 1999 (22002)
HS IV/2

Autorin/Autor: Martina Wehrli-Johns