• <b>Mystik</b><br>Die Offenbarung der  Elsbeth von Oye.   Volkssprachliches Autograf aus den 1330er Jahren (Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 159, S. 48-49). In 35 Kapiteln beschreibt die Dominikanerschwester aus dem Kloster Oetenbach in Zürich ihre asketischen Übungen und mystischen Erfahrungen. Elsbeths "Offenbarungen" stehen stets im Zusammenhang mit ihrer blutigen Selbstkasteiung durch ein schweres Holz- und ein Nagelkreuz, das sie mit einem Gürtel an ihrem Körper befestigte.

Mystik

Es gibt weder eine einheitl. Definition von M., noch herrscht Übereinstimmung hinsichtlich dessen, was in Abgrenzung zu Philosophie, Theologie oder Spiritualität als M. zu bezeichnen wäre. Sprachlich abgeleitet vom griech.-lat. Adjektiv mysticus (verborgen, geheimnisvoll), das im christl. MA im Zusammenhang mit der Sakramentenlehre und Ekklesiologie (der "myst. Leib" des Herrn), der Bibelexegese (der "myst. Schriftsinn") und der "myst. Theologie" des Dionysius Areopagita (um 500) verwendet wurde, umfasst der neuzeitl. Begriff der M. im weiteren Sinn auch Einheitslehren anderer Religionen und Kulturkreise. Bezogen auf den christl. Bereich kann zur M. gezählt werden, was auf die Aufhebung der Differenz zwischen Gott und Mensch zielt, wobei das subjektive Moment der persönl. Gotteserfahrung jeweils unterschiedlich gewichtet wird (Christentum).

Autorin/Autor: Martina Wehrli-Johns

1 - Mittelalterliche Mystik

Grundlegend für die Ausbildung einer myst. Lehre sind die neuplaton.-christl. Schriften des Dionysius Areopagita. Sie wurden um 860 durch Johannes Scotus Eriugena ins Lateinische übertragen und kommentiert, entfalteten ihre Wirkung aber erst im Verlauf des 12. und 13. Jh. Sowohl die Augustinerchorherren Hugo und Richard von St. Viktor (Paris) wie die Schultheologie der Franziskaner und Dominikaner standen unter dem Einfluss des dionys. Denkens. Er ist besonders ausgeprägt bei der von Albertus Magnus ausgehenden dt. Dominikanerschule mit ihren Hauptvertretern Ulrich von Strassburg, Dietrich von Freiberg, Meister Eckhart, Heinrich Seuse und Johannes Tauler. Neben der neuplaton. Lehre vom Ausgang und Rückfluss der menschl. Natur in ihren göttl. Ursprung behauptete sich im SpätMA auch die M. der Zisterzienser und Viktoriner.

Die für die Brautmystik konstitutiven Hohenliedpredigten Bernhards von Clairvaux waren schon im 12. Jh. in das Benediktinerkloster Engelberg gelangt. Bernhard hatte die Begegnung zwischen Braut und Bräutigam im moral.-tropolog. Sinn als ein innerl. Geschehen zwischen Gott und menschl. Seele gedeutet. Durch das Mitleiden mit dem Gekreuzigten wird die Seele teilhaftig der Liebe Gottes und zur Liebeseinigung mit dem göttl. Bräutigam geleitet. All diese versch. Traditionsströme flossen im 14. Jh. zusammen und wurden umgesetzt in die volkssprachl. Predigt und eine myst. Erbauungsliteratur, die es sich auch zur Aufgabe machte, gegen die pantheist. Vergottungslehre der Häresie des Freien Geistes Position zu beziehen. Sie richtete sich an Ordensfrauen und an Beginen und Begarden, in ländl. Gebieten an Waldschwestern und Waldbrüder, ab dem Ausgang des 14. Jh. auch an Angehörige der städt. Oberschicht. Als Vermittler und Übersetzer myst. Literatur sind in erster Linie die Dominikaner und die von ihnen betreuten Frauenklöster zu nennen. Die Nonnenseelsorge regte die Literaturproduktion in den ältesten Dominikanerinnenklöstern St. Katharinental, Töss und Oetenbach an. Die Offenbarungen der Oetenbacher Schwester Elsbeth von Oye aus den 1330er Jahren sind Ausdruck einer extremen Passionsfrömmigkeit, die der selbst erfahrenen Leidensaskese die neuplaton. Möglichkeit eines "wieder Einfliessens in die göttl. Natur" zuerkennt.

<b>Mystik</b><br>Die Offenbarung der  Elsbeth von Oye.   Volkssprachliches Autograf aus den 1330er Jahren (Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 159, S. 48-49).<BR/>In 35 Kapiteln beschreibt die Dominikanerschwester aus dem Kloster Oetenbach in Zürich ihre asketischen Übungen und mystischen Erfahrungen. Elsbeths "Offenbarungen" stehen stets im Zusammenhang mit ihrer blutigen Selbstkasteiung durch ein schweres Holz- und ein Nagelkreuz, das sie mit einem Gürtel an ihrem Körper befestigte.<BR/>
Die Offenbarung der Elsbeth von Oye. Volkssprachliches Autograf aus den 1330er Jahren (Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 159, S. 48-49).
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In Töss entstand, vielleicht unter Mithilfe der Zürcherin Elsbeth Stagel, die älteste Handschrift von Heinrich Seuses "Büchlein der Ewigen Weisheit". Der ehem. Stadtschreiber von Luzern, Johannes Friker, schenkte sie 1378 den Benediktinerinnen von St. Andreas in Engelberg, für die er noch andere Erbauungsbücher schrieb. Friker war auch beteiligt an der ältesten Handschrift des sog. Engelberger Predigers, die myst. Gedankengut enthält.

Beziehungen Engelbergs zu elsäss. "Gottesfreunden" im Umkreis des Strassburger Johanniterklosters Zum Grünen Wörth bestanden unter Prior Johannes von Bolsenheim (um 1391). In Basel wurde der älteste erhaltene lat. Text der Offenbarungen Mechthilds von Magdeburg ins Hochalemannische übertragen, offenbar gleichzeitig mit den "siben strassen zu Gott" des Strassburger Franziskaners Rudolf von Biberach (gestorben nach 1326). Beide Handschriften gelangten auf Vermittlung des Basler Chorherrn Heinrich von Rumersheim um 1404 als Vermächtnis der Basler Begine Margaretha zum Goldenen Ring an die vier Häuser der Waldschwestern in Einsiedeln (Stiftsbibliothek Einsiedeln, Cod. 277 und 278). Der Basler Franziskanerlektor Otto von Passau beendete 1386 sein Werk "Die 24 Alten oder der goldene Thron der minnenden Seele". An der Überlieferung dieser Literatur hatten die versch. Observanzbewegungen des 15. Jh. massgebl. Anteil. In St. Gallen ist der Einfluss der Devotio moderna und der Benediktinerreform spürbar. Dort legte das ref. Dominikanerinnenkloster St. Katharinen eine umfangreiche Bibliothek mit myst. Texten an. Sie überliefert auch die Schwesternbücher von Oetenbach, Töss und St. Katharinental, die nur in Redaktionen aus dem 15. Jh., etwa denen von Johannes Meyer, bekannt sind. Das Innerschweizer Eremitentum (Eremiten) wurde durch Niklaus von Flüe neu belebt. Seine Rolle als Friedensstifter der Eidgenossenschaft gründete auf seinem Ansehen als gnadenvoller Mystiker.

Autorin/Autor: Martina Wehrli-Johns

2 - Mystik der Neuzeit

Die kath. Orte waren früh um eine Förderung des Kultes von Bruder Klaus bemüht. Der 1580 in Freiburg weilende Jesuit Petrus Canisius veranlasste den Druck Niklaus von Flüe zugeschriebenen "92 Betrachtungen", in denen auch eine Kurzfassung des "Grossen Gebets der Eidgenossen" enthalten war, also jener Gemeinschaftsandacht des Landes Schwyz, die aus der Fürbitte der Benediktinerinnen von St. Andreas in Engelberg hervorgegangen war. In der Westschweiz stellte Franz von Sales seine "Abhandlung über die Gottesliebe" in den Dienst des Glaubenskampfes. Schweizer Frauenklöster, die die Reformation überlebt hatten, pflegten die Tradition der ma. M. weiter.

In den ref. Gebieten der Schweiz übernahm seit Ende des 17. Jh. der Pietismus myst. Gedankengut, während sich die herrschende Staatskirche ablehnend verhielt. Unter dem Einfluss radikalpietist. Kreise in Deutschland, England und den Niederlanden wurden neben Erbauungsbüchern der prot. Mystik wie derjenigen von Jakob Böhme und Johann Arndt auch die Predigten Johannes Taulers und andere spätma. Werke zur M. rezipiert. Das Thema der geistigen Vermählung zwischen Christus und der Seele fand Eingang in die Predigten des 1699 suspendierten Berner Theologen Christoph Lutz. In den 1715-19 gehaltenen Inspirationsreden Ursula Meyers aus Thun ("Ein himmlischer Abendschein", 1781) verbanden sich chiliast. Vorstellungen von der Wiederkunft Christi mit dem Gedanken der liebenden Vereinigung von Geschöpf und Schöpfer.

Im 19. Jh. setzte mit Carl Johann Greith, dem späteren Bf. von St. Gallen, die wissenschaftl. Beschäftigung mit der M. ein. Im 20. Jh. führte Walter Muschg den religionswissenschaftl. Ansatz ("Religion als Urerfahrung") in die Diskussion ein, während der kath. Theologe Hans Urs von Balthasar und die von ihm geistlich betreute Basler Ärztin Adrienne von Speyr erneut den kirchl. Sendungsauftrag der M. betonten. Um die Texterschliessung ma. M. haben sich die Schweizer Germanisten Kurt Ruh und Alois Maria Haas besonders verdient gemacht. Wichtige Impulse zu einer Neubeurteilung der M. vermittelt auch die philosoph. Beschäftigung mit der dt. Dominikanerschule.

Autorin/Autor: Martina Wehrli-Johns

Quellen und Literatur

Literatur
– C. Greith, Die dt. M. im Prediger-Orden, 1861
– W. Muschg, Die M. in der Schweiz 1200-1500, 1935
VL 2, 532-535; 3, 282-284, 845-852; 6, 260-270; 7, 230-234; 8, 312-321
– K. Ruh, Gesch. der abendländ. M., 4 Bde., 1990-99
TRE 23, 533-597
Gesch. des Pietismus 2, hg. von M. Brecht, K. Deppermann, 1995
HS IV/5
Dt. M. im abendländ. Zusammenhang, hg. von W. Haug, W. Schneider-Lastin, 2000
– I. Noth, Ekstat. Pietismus, 2005

Autorin/Autor: Martina Wehrli-Johns