20/02/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Grosser Sankt Bernhard (Hospiz)

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit einem Bild illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Das Hospiz G. der Augustiner Chorherren auf dem gleichnamigen Alpenpass gehört zur Diözese Sitten und zur polit. Gem. Bourg-Saint-Pierre VS. Eine Nikolaus von Myra geweihte religiöse Einrichtung (ecclesia, hospitale, domus) ist 1125 erstmals bezeugt. Seit 1149 steht sie auch unter dem Patrozinium Bernhards von Menthon. Bernhard soll das Hospiz um 1050 zusammen mit Königin Irmingard, Gattin Rudolfs III. von Burgund, gegründet haben - daher der Name G. Zweck der Gründung war die Reorganisation des vom 10. Jh. an durch Sarazenen und örtl. Machthaber behinderten Passverkehrs. Zur Gründungsausstattung zählte wohl das Klosterhospiz Saint-Pierre in Bourg-Saint-Pierre, das Irmingard 1011 als Wittum erhalten hatte. Besiedlung und Regulierung des Hospizes G. liegen im Dunkeln: Vermutlich bestand zunächst eine Bruderschaft von Laien unter der geistl. Leitung eines hospitalarius, die spätestens in der 1. Hälfte des 12. Jh. von Klerikern unter einem Propst abgelöst wurde. Ein Jahrhundert nach seiner Gründung war das Hospiz Zentrum eines Regularkanoniker-Verbandes, der 1150/51 mit dem bedeutenden elsäss. Reformstift Marbach verbrüdert war, die Augustinusregel (1225 Erstnennung; 1286 päpstl. Bestätigung) befolgte und Pilgerbetreuung mit Seelsorge verband.

Das Hospiz besass ein von England bis Sizilien reichendes Netz von Niederlassungen an den Fernstrassen über die Alpen; 1177 waren es 78 Hospize, Häuser, Priorate und Kirchen, 1286 86. Europas Mächtige, u.a. die Ks. Friedrich I. und Heinrich VI. sowie Kg. Heinrich II. von England, betrieben nämlich im Wettbewerb um die Beherrschung der Westalpenpässe gegenüber dem Hospiz eine Schutz- und Schenkungspolitik. Die wichtigsten Stifter und Schirmherren aber waren die Gf. und späteren Hzg. von Savoyen. Deren bedeutende Schenkungen beidseits des Passes bildeten ab dem 12. Jh. die ökonom. Grundlage des Hospizes. Im 13. und 14. Jh. mehrten die Valdostaner Pröpste den Besitz im Aosta- sowie im mittleren und unteren Rhonetal, zudem auch am linken und rechten Genferseeufer, wo sie auch bevorzugt residierten (Meillerie, Thonon, Etoy).

Wichtigstes Organ für die geistl. und weltl. Verwaltung des Verbandes wurde das Generalkapitel (1145/59 erstmals belegt), das im 13. Jh. durch Prokuratoren, später durch Definitoren und Visitatoren die entlegenen Niederlassungen überwachte und ab 1167 päpstlich privilegierte Almosensammler europaweit aussandte. Öfters drohte dem Hospiz im SpätMA disziplinar. und wirtschaftl. Zerfall, dem die Pröpste entgegenzutreten versuchten, namentlich 1437 Jean d'Arces durch die "Statuten von Etoy". Bedeutung erlangten indes nur die zentralist. Reformkonstitutionen von Kardinal Jean Cervantès, die das Basler Konzil 1438 billigte; obwohl sie vom 16. bis 18. Jh. in Vergessenheit gerieten, blieben sie bis 1959 in Kraft.

Die Verwaltung der Propstei durch dem Hause Savoyen nahe stehende Kommendatarpröpste (1438-1586) wirkte sich zunächst eher positiv aus: Das Hospiz wurde um 1469 vergrössert, sein Aussenbesitz nach dem Verlust der engl. Besitzungen (1391) um jene des Hospizes auf dem Pass des Kl. St. Bernhard 1466 durch Inkorporation erweitert. Verhängnisvoll für das Hospiz G. war indes das Mitspracherecht Savoyens bei der Vergabe aller höheren savoyischen Benefizien, das Papst Nikolaus V. 1451 dem Gegenpapst Felix V. (Hzg. Amadeus VIII.) als Ausgleich zur Beilegung des Papstschismas zugestanden hatte. Zwischen dem Wallis und Savoyen entbrannte deswegen ein 300-jähriger Konflikt um die Einflussnahme auf die Propstwahl und damit um die Vorherrschaft über das geopolitisch wichtige Hospiz. Er verschärfte sich im Zuge der Burgunderkriege 1475-76, als die sieben Walliser Zenden mit dem Unterwallis auch das Hospiz annektierten. Später verwalteten die Zenden den Hospizbesitz nördlich des Passes, der in der Reformation um wesentl. Benefizien im Bistum Lausanne geschmälert wurde, durch Kastvögte. Anfang des 18. Jh. spaltete unter dem Reformpropst Louis Boniface ein Observanzstreit betreffend die Konstitutionen von 1438 bzw. die freie Propstwahl die Kongregation in eine Walliser und eine Savoyer Fraktion. Die Walliser Chorherren forderten 1735 die Trennung, die Papst Benedikt XIV. schliesslich 1752 vollzog: Er säkularisierte den savoyisch-piemontes. Besitz des Hospizes und unierte ihn mit Ausnahme der Pfarreien dem Ritterorden der hl. Mauritius und Lazarus. Als erster Walliser Propst verlegte Franz Josef Bodmer 1753 die Residenz nach Martigny (zuvor ab 1596 in Aosta). Nach dem Verkauf der franz. Benefizien im ausgehenden 18. Jh. beschränkten die Chorherren ihr Wirken auf die Diözese Sitten.

Von den klosterfeindl. Bestimmungen der Helvetik blieb das Hospiz verschont. 1801 übertrug Napoleon Bonaparte den Chorherren die Leitung des neu gegr. Hospizes auf dem Simplon, dessen Errichtung sie 1831-35 auf eigene Kosten vollendeten. Unter Propst François-Benjamin Filliez 1847 in die Wirren des Sonderbunds verstrickt, wurde das Hospiz G. 1848 von der radikalen Walliser Regierung unter Zwangsverwaltung gestellt; für einen Teil seiner säkularisierten Güter wurde es 1879 symbolisch entschädigt. Die Öffnung der Passstrasse für den motorisierten Verkehr 1903 und 1905 brachte dem Hospiz mit den Touristen eine neue Klientel. Ende 19. Jh. war das Hospiz bereits durch einen Annexbau erweitert worden. Der Aufstockung des Konventhauses (1821-27) waren der Neubau der Kirche (Weihe 1689) und - mit Hilfe des franz. Königs - die Errichtung des Hôpital Saint-Louis (vollendet 1786) im Norden des Hospizes vorausgegangen.

Ab 1933 arbeiteten die Chorherren mit dem Pariser Missionsseminar in der chines. Provinz Yunnan zusammen; 1952 zogen sie sich aus dem kommunist. China nach Taiwan zurück. Mit der Gründung und Leitung der ersten landwirtschaftl. Schule im Wallis in Ecône (1892-1923), später 1951 in Saint-Martin-de-Corléans bei Aosta (seit 1982 Institut Agricole Régional), sowie mit der Eröffnung und Führung des Kollegiums Champittet in Pully (1951-98) gab sich die Kongregation eine pädagog. Ausrichtung. Als selbstständiger Zweig der Konföderation der Regularkanoniker seit 1959 und exemtes Institut päpstl. Rechts steht sie unter der Leitung eines Propstes (abbé-prévôt), seit 1762 mit dem Privileg der Pontifikalien (Stab und Mitra). 2004 zählte sie 51 Mitglieder und neun Priorate (Wallis, Aosta und Taiwan), teils mit Seelsorge. Berühmt ist die Kongregation ferner für ihre Bernhardinerhundezucht. Diese wurde 2005 von der in Martigny gegr. Stiftung Barry du Grand-Saint-Bernard übernommen. Seit dem ausgehenden 17. Jh. bezeugt, kommt dem Bernhardinerhund inzwischen der Rang eines nationalen Symbols zu. Obwohl in seiner Rolle als Rettungshund überschätzt, hat Barry (gestorben 1814, ausgestellt im Berner Naturhist. Museum), dessen Geschichte auch literarisch - etwa von Annette von Droste-Hülshoff - verarbeitet wurde, wesentlich zum Mythos der Bernhardinerhunde beigetragen.


Literatur
– L. Quaglia, La Maison du Grand-Saint-Bernard des origines aux temps actuels, 1955 (21972)
– F. Giroud-Masson, «La Chine Méridionale et ses habitants vus par des religieux valaisans ou les Chanoines du Grand Saint-Bernard à la rencontre des marches du Tibet. La Mission du Grand Saint-Bernard au Tibet», in Auswanderungsland Wallis, 1991, 241-250
HS IV/1, 25-278
– G. Zenhäusern, «"Domus Montis Iovis". Zu Anfängen und Entwicklung eines Passhospitals (XI.-XIII. Jh.)», in Vallesia 54, 1999, 161-204

Autorin/Autor: Gregor Zenhäusern