• <b>Genf (Diözese, Fürstbistum)</b><br>Quellen: Helvetia Sacra I/3, 1980; Encyclopédie de Genève 5, 1986, 103  © 2005 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Genf (Diözese, Fürstbistum)

Ausgangspunkt der Diözese (Bistum) und des Fürstbistums von G. ist die vor 280 anzusetzende Erhebung des röm. Vicus in den Rang einer Civitas. Die frühesten bischöfl. Gebäude, eine Doppelkathedrale mit Baptisterium, wurden von Archäologen freigelegt und in das dritte Viertel des 4. Jh. datiert. Der erste bezeugte Bischof, Isaac, lebte um 400.

<b>Genf (Diözese, Fürstbistum)</b><br>Quellen: Helvetia Sacra I/3, 1980; Encyclopédie de Genève 5, 1986, 103  © 2005 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/><BR/>
Fürstbistum und Diözese Genf (mit Dekanaten) vor der Reformation

Die Grenzen der Diözese, d.h. des Gebiets, in dem der Bischof seine geistl. Rechte ausübte - der Ausdruck Fürstbistum bezeichnet im engeren Sinn sein weltl. Herrschaftsgebiet -, sind erst aufgrund der Abrechnung des päpstl. Zehnten von 1275, die sämtliche 387 Pfarreien aufführt, genau zu bestimmen. Dieses Territorium entsprach nicht demjenigen der spätröm. Civitas; wie es entstanden ist, ist nicht zu eruieren. Als Teil der Erzdiözese Vienne (5. Jh.-1801) umfasste die Diözese im Norden den westl. Teil der Waadt, von der Aubonne bis zum Jura, wo sie an die Ländereien der Abtei Saint-Claude grenzte, und im Westen das Tal der Valserine, den Fuss des Waadtländer Juras, das Pays de Gex und das rechte Rhoneufer, welche das an die Erzdiözese Lyon grenzende Dekanat Aubonne bildeten. Das Dekanat von Ceyzérieu im Südwesten bestand aus dem Séran-Tal und dem unteren Rhonetal von Seyssel bis zum Lac du Bourget. Das im Süden links der Rhone gelegene Dekanat von Rumilly umfasste im Wesentlichen das Usses-Tal und das Chéran-Tal, das Dekanat von Annecy, das im Süden durch die Diözese von Grenoble und die Erzdiözese der Tarentaise begrenzt wurde, das ganze Becken des Annecy-Sees. Das Dekanat von Sallanches im Südosten nahm das ganze Arve- und Giffretal ein und stiess an die Diözesen von Aosta und Sitten. Das Dekanat von Allinges am Genfersee bestand aus dem ganzen Tal der Dranse und ihrer Zuflüsse und war im Osten durch die Diözese von Sitten begrenzt. Näher bei G. gelegen waren das Dekanat Annemasse und das Dekanat Vuillonex, zu dem mehrere wichtige Institutionen, darunter das Kollegiatstift von Viry, gehörten. Schliesslich zählte auch die Bischofsstadt mit ihren sieben Pfarreien, dem Domkapitel und ihren Klöstern zur Diözese.

Die Ereignisgeschichte der Diözese ist, v.a. wegen archäolog. Untersuchungen, besser bekannt. Um 515 wurde die Kathedrale, die in den Bruderkriegen der burgund. Fürsten zerstört worden war, durch Kg. Sigismund wieder aufgebaut. Die Namen der Bischöfe zwischen 650 und 833 sind nicht gesichert; die rege Bautätigkeit an der Kathedrale und den Pfarrkirchen, die archäologisch gut dokumentiert ist, zeugt aber von einer stetigen Entwicklung des religiösen Lebens in der Diözese in jener Epoche. Die Bischöfe von G. nahmen eine besondere Stellung im Reich Karls des Grossen und in Lotharingien ein, dem ihre Diözese aufgrund des Vertrages von Verdun von 843 zugeteilt wurde; Karl der Dicke sprach ihnen Privilegien zu. Im zweiten Königreich von Burgund leiteten die Bf. Aymon und Girardus zwischen 943 und 967 die königl. Kanzlei. Obwohl die Bischöfe die gräfl. Rechte in der Stadt G. wohl nicht besassen - diese Ansicht ist allerdings umstritten -, übten sie in dieser gewisse Hoheitsrechte aus, so v.a. das seit 1020 bzw. 1030 bezeugte Münzrecht. Die Bischofskanzlei ist seit 1099 bezeugt, doch wurde das Amt des Kanzlers im Jahr 1178 offenbar abgeschafft. Das 11. und insbesondere das 12. Jh. scheinen für die Diözese eine fruchtbare Epoche gewesen zu sein, geprägt durch Gründungen von Cluniazenserklöstern (Saint-Victor, Contamine-sur-Arve), Abteien der Regularkanoniker (Abondance, Peillonnex, Satigny, Sixt, Entremont), Zisterzienserklöstern (Bonmont, Hautecombe, Chézery, Saint-Jean d'Aulps, Bellerive) und Kartausen (Arvières, Oujon, Vallon, le Reposoir, Pommier, Aillon). Das polit. Gewicht des Bischofs nahm zu: Im Vertrag von Seyssel von 1124 wurde Humbert von Grammont als alleiniger Herr der ganzen Stadt G. anerkannt, zum Nachteil des Gf. von Genf. Arducius de Faucigny erhielt 1154 bzw. 1162 die Reichsunmittelbarkeit.

Genfer Bischöfe bis zur Reformation
AmtsdatenBischofAmtsdatenBischof
um 400Isaac1135-1185Arducius de Faucigny
mind. ab 441-um 460Salonius1185-1205Nantelmus
um 470Eleutherius1205-1213Bernard Chabert
um 470Theoplastus1213Pierre (de Sessons ?)
um 470-um 490Domitianus1215-1260Aymo von Grandson
um 513-523Maximus1260-1267Heinrich
541-549Pappolus1268-1275Aymon de Cruseilles
um 567-573Salonius1276-1287Robert von Genf
584-585Cariatto1287-1294Guillaume de Conflans
601/602Rusticius oder Patricius (?)1295-1303Martin de Saint-Germain
626/627Abelenus1304-1311Aymon de Quart
um 650Pappolus1311-1342Pierre de Faucigny
664Ethoaldus (?)1342-1366Alamand de Saint-Jeoire
769-770Gauzibertus1366-1377Guillaume de Marcossey
um 800Walternus1378-1385Jean de Murol
833Altaldus1385-1388Adhémar Fabri
838 (?)Aptadus (?)1388-1408Guillaume de Lornay
 Boso1408-1418Jean de Bertrand
877Ansegisus1418-1422Jean de Rochetaillée
882Aptadus1422-1423Jean Courtecuisse
899Bernardus1423-1426Jean de Brogny
zw. 899 und 906Riculfe1426-1444François de Metz
906Franco1444-1451Amadeus VIII. von Savoyen (Felix V.)
927Adelgaud1451-1458Peter von Savoyen
943-950Aymon1460-1482Johann Ludwig von Savoyen
958-978Girardus1482Domenico Della Rovere
993-1020Hugo1482-1484Jean de Compey
zw. 1020 und 1030Conrad1484-1490Franz von Savoyen
zw. 1020 und 1030Adalgod1490-1495Antoine Champion
zw. 1020 und 1030Bernardus1495-1509Philipp von Savoyen
1030-1073Fridericus1509-1513Charles de Seyssel
zw. 1073 und 1083Boczadus1513-1522Johann von Savoyen
1083-1119Guy de Faucigny1522-1543Pierre de La Baume
1120-1135Humbert von Grammont  

Quellen:HS

Der weltl. Herrschaftsbereich des Bistums wurde ab dem 13. Jh. schrittweise aufgebaut. Der Bau der Burgen auf der Genfer Rhoneinsel sowie in den Mandements Jussy, Peney und Thiez durch Aymo von Grandson sowie die zeitgemässe Organisation dieser Herrschaften war eine Reaktion auf den wachsenden Druck, der nicht so sehr von den Gf. von G. als vom Haus Savoyen ausgeübt wurde. Letzteres gewann vom frühen 13. Jh. an in der Genfer Region an Macht und mischte sich in die Politik der Stadt ein, indem es die Forderungen der Gemeinschaft der Citoyens und Bourgeois unterstützte. Amadeus V. von Savoyen bemächtigte sich 1287 der Burg auf der Insel und eignete sich im folgenden Jahr das Vizedominat des Bischofs an; 1290 anerkannte Bf. Guillaume de Conflans die vollendete Tatsache und gab dem Gf. von Savoyen Festung und Amt zu Lehen. 1309 musste Bf. Aymon de Quart die Existenz einer Gemeinde akzeptieren, die fortan die Verwaltung der Stadt übernahm. Seinen Vorteil mehrend, erlangte Amadeus VI. von Savoyen 1365 von Ks. Karl IV. das Reichsvikariat in mehreren Fürstbistümern der Region, was die Reichsunmittelbarkeit des Bischofs beeinträchtigte. Bf. Guillaume de Marcossey gelang es jedoch, den Kaiser zum Rückruf dieses Vorrechts zu bewegen (Urkunden von 1366 und 1367). 1387 gewährte Bf. Adhémar Fabri den Citoyens und Bourgeois seine berühmten Freiheiten, die namentlich dem Wirtschaftsleben der Messestadt G. zugute kamen.

Die Periode des Grossen Schismas (1378-1417) und der Konzile von Konstanz und Basel war durch mehrere herausragende Persönlichkeiten geprägt: Der Gegenpapst Clemens VII., d.h. Robert Gf. von G., besetzte wichtige Posten mit Personen, die aus der Grafschaft stammten, wie etwa die Kardinäle Jacques de Menthonay und Jean de Brogny, die die päpstl. Kanzlei 1385-1426 leiteten. Der für seinen reformator. Eifer bekannte Bf. Jean de Bertrand war Kandidat bei der Papstwahl 1417. Hzg. Amadeus VIII. von Savoyen, der 1439 zum Papst gewählt wurde - als solcher nannte er sich Felix V. -, nutzte die Gelegenheit, um sich 1444 des Bistums G. zu bemächtigen und seinen Nachkommen das Vorschlagsrecht zu sichern.

Das Bistum blieb bis zur Revolution vom Hause Savoyen abhängig. Im Laufe der polit. und religiösen Entwicklung G.s im frühen 16. Jh. verband sich der Unabhängigkeitsdrang der Bürger mit der Symphatie für das reformator. Gedankengut: 1533 verliess Bf. Pierre de La Baume die Stadt, um sich in seine Abteien in der Freigrafschaft Burgund zurückzuziehen; seine Nachfolger, die nicht nur ihre Bischofsstadt, sondern auch die Mandements Peney, Jussy und Thiez verloren hatten, sollten nie wieder den Boden G.s betreten, das zur Reformation überging und sich dem Schutz der Eidgenossen unterstellte.

Die Bischöfe der Bistümer von Genf-Annecy (bis 1801) und Chambéry und Genf (1801-1821)
AmtsdatenBischofAmtsdatenBischof
1543-1550Louis de Rye1661-1695Jean d'Arenthon d'Alex
1550-1556Philibert de Rye1697-1734Michel-Gabriel de Rossillon de Bernex
1556-1568François de Bachod1741-1763Joseph-Nicolas Deschamps de Chaumont
1568-1578Ange Justiniani1764-1785Jean-Pierre Biord
1578-1602Claude de Granier1787-1801Joseph-Marie Paget
1602-1622Franz von Sales1793-1794François-Thérèse Panisseta
1622-1635Jean-François de Sales  
1639-1645Juste Guérin1802-1805René des Monstiers de Mérinville
1645-1660Charles-Auguste de Sales1805-1821Irénée-Yves de Solle

a verfassungsmässiger Bischof des Bistums Mont-Blanc

Quellen:HS

1569 liess sich der ein Jahr zuvor ernannte Bf. Ange Justiniani in Annecy nieder. Sein Nachfolger Claude de Granier reorganisierte das Bistum und teilte es in Erzpriestersprengel ein. Zwischen 1594 und 1597 führten Predigten des Franz von Sales, Propsts des Kapitels Saint-Pierre in G., und der Kapuziner zur Rekatholisierung des Chablais, das die Berner mit dem Lausanner Vertrag von 1564 an den Hzg. von Savoyen abgetreten hatten. Franz von Sales verfolgte als Bischof das Ziel einer spirituellen Wiedereroberung der Diözese: Das Edikt von Nantes von 1598 erlaubte die Wiedereinführung des kath. Gottesdienstes im franz. Pays de Gex, wo 1604 eigens ein Offizialat geschaffen wurde; aber erst nach der Widerrufung des Edikts von Nantes im Jahr 1685 wurde das Pays de Gex, namentlich durch die Jesuiten von Ornex, rekatholisiert. 1610 gründete Franz von Sales mit Jeanne de Chantal in Annecy den Orden der Visitation. Er förderte die Niederlassung von Barnabiten in der Diözese, denen die Kollegien in Annecy (1614), Thonon (1615) und Bonneville (1648) anvertraut wurden. 1663 wurde in Annecy ein Diözesanseminar errichtet. 1771 wurde die Kirche Saint-François in Annecy, in der das Domkapitel seit 1538 seine Gottesdienste gefeiert hatte, zur Kathedrale St. Peter erhoben - damit sollte sichtbar gemacht werden, dass die Diözese G. mit Annecy einen neuen Bischofssitz erhalten hatte.

Die Eroberung Savoyens durch die Truppen des revolutionären Frankreichs 1793 setzte der Herrschaft der Savoyer ein Ende. Aufgrund eines Gesetzes von 1793 wurde die Diözese Mont-Blanc errichtet, die sich mit dem Gebiet des gleichnamigen Departements deckte. Der letzte Bischof, Jean-Marie Paget, zog sich nach Turin zurück; zahlreiche Priester emigrierten. Der konstitutionelle Bf. François-Thérèse Panisset, der 1793 gewählt wurde, konnte wenig ausrichten, da der kath. Kultus, dem die Savoyarden anhingen, bereits im Jan. 1794 im Departement verboten wurde.

Das Konkordat vom 15.7.1801, mit dem der Friede zwischen der Kirche und dem franz. Staat wiederhergestellt wurde, ermöglichte die Errichtung des Suffraganbistums Chambéry und G. (Bulle vom 29.11.1801), das dem Erzbistum Lyon unterstand. 1803 las ein Priester in der Kirche Saint-Germain erstmals wieder eine Messe in G. - zuletzt waren solche 1679 in der Kapelle des franz. Residenten zelebriert worden.

Die Diözese von Chambéry und G. wurde aufgrund des Konkordats von 1817 zwischen dem Papst und dem Kg. von Sardinien, der wieder in den Besitz Savoyens gelangt war, von der Kirchenprovinz Lyon losgelöst und in ein Erzbistum umgewandelt. 1819 trennte Pius VII. die kath. Pfarreien des Kt. G. trotz des Widerstands des Erzbischofs und v.a. des Pfarrers von Genf, Jean-François Vuarin, vom Erzbistum Chambéry ab und verleibte sie der Diözese Lausanne ein. 1821 entzog der Papst auf Ansuchen der Genfer Regierung dem Ebf. von Chambéry den Titel des Bf. von G. und übertrug diesen dem Bf. von Lausanne, der in Freiburg seinen Sitz hatte.

1864 ernannte der Papst Gaspard Mermillod zum Bf. in partibus von Hebron und Weihbf. von G. Die Genfer Regierung ging zunächst davon aus, dass Mermillod die Funktion eines Generalvikars innehätte; erst die Ernennung von Mermillod zum Apostol. Vikar am 18.1.1873 interpretierte sie als Errichtung eines neuen Bistums. Damit geriet Mermillod in Konflikt mit dem Staatsrat und wurde auf dessen Betreiben durch den Bundesrat am 17.2.1873 aus der Schweiz ausgewiesen. 1987 wurde Amédée Grab zum Weihbf. der Diözese Lausanne-G.-Freiburg mit Residenz in G. ernannt.


Literatur
HS I/3
Le diocèse de Genève-Annecy, hg. von H. Baud, 1985

Autorin/Autor: Catherine Santschi / GL