Freidenker

Die F.-Vereinigung der Schweiz (FVS) sieht ihre Aufgabe in der Förderung des autonomen, krit. Denkens aufgrund ihrer humanist. und wissenschaftl. Weltanschauung und Ethik. Sie war bis 2010 Mitglied der Weltunion der F. und ist der Internat. Humanistischen und Ethischen Union angeschlossen. Die in regionale Sektionen gegliederte FVS setzt sich für die Verwirklichung der in Art. 15 BV verankerten Glaubens- und Gewissensfreiheit ein. Sie fordert die Trennung von Kirche und Staat, von Kirche und Schule, lehnt jeden Absolutheitsanspruch religiöser oder polit. Art ab und tritt für das Selbstbestimmungsrecht des Individuums und der Völker ein. Sie bietet ihren Mitgliedern Alternativen zu den kirchlichen Diensten an.

1908 konstituierte sich der deutschschweiz. FVS. Er schloss sich mit Freidenkergruppen der Westschweiz und des Tessins zusammen und pflegte enge Beziehungen zum dt. Freidenkertum. Auf ein rasches anfängl. Wachstum und eine kriegsbedingte Stagnationsphase folgte in der Zwischenkriegszeit ein erneuter Aufschwung, worauf Wirtschaftskrise und Krieg wieder Rückschläge brachten. Die F. traten für den Frieden ein und setzten sich gegen jede Form von polit. Totalitarismus zur Wehr. Wegen des unter ihnen verbreiteten Evolutionismus und als Agnostiker bzw. Atheisten (Atheismus) wurden sie von kirchlichen und politisch konservativen Kreisen bekämpft. So lancierte Nationalrat Hans Müller 1933 einen Vorstoss gegen die F. als eine Bewegung, die den christl. Glauben aktiv bekämpfe und damit den religiösen Frieden gefährde. Der Vorstoss wurde aber vom Bundesrat abschlägig beschieden. In der FVS wiederum kursierten oft schemat. Bilder des kirchl. Gegenübers. Prägende Schweizer F. waren der Pädagoge Ernst Brauchlin, der Geschäftsmann Otto Kunz und der Schriftsteller Jakob Stebler. 2011 zählte die FVS knapp 1'900 Mitglieder.


Quellen
Freidenker, 1927-52, 1956-
Le libre penseur, 1974-
Libero pensiero, 1982-95
Literatur
– W. Baumgartner, Freidenkertum gestern und heute, 1983
– R. Barth, «F. - Monisten - Gottlose», in Theol. Zs. 41, 1985, 412-433
Kirchen, Sekten, Religionen, hg. von G. Schmid, G.O. Schmid, 72003, 466

Autorin/Autor: Rudolf Dellsperger