• <b>Antisemitismus</b><br>Diese Karikatur erschien am 26. Mai 1933 in der Zeitschrift "Der Eiserne Besen", dem Organ der Nationalen Front (Schweizerische Nationalbibliothek).

Antisemitismus

Der 1873 von Wilhelm Marr eingeführte Begriff A. bezeichnet Judenfeindschaft oder judenfeindl. eingegebene Infragestellung der bürgerl. Gleichstellung der Juden (Judentum), mit affektiver oder ideolog. Akzentuierung durch rassist. Theorien, wirtschaftl.-soziale Schuldzuweisungen oder religiös-theol. Argumente. Unterschieden wird v.a. in der neueren dt. Forschung zwischen der traditionellen, religiös fundierten Judenfeindschaft (Antijudaismus) und dem säkular-modernen, rassist. A., wenn auch in beiden Haltungen gleiche oder ähnl. Muster und Motive vorhanden sind. Allg. gilt A. als Ausdruck des Rassismus (Fremdenfeindlichkeit). Kennzeichnend sind psych. Defizite, neurot. Fixierungen und fanat. Einstellungen.

1 - Mittelalter bis 1848

Die Judenfeindschaft im christl. Abendland des MA und auch der frühen Neuzeit wurzelte in antijüd. Vorstellungen der Antike, Textpassagen des Neuen Testaments, Disputationen aus den Anfängen der Kirche und in Schriften der Kirchenväter. Die christl. Lehre erklärte die Verwerfung und Ablösung der Juden als Volk Gottes durch das Christentum in folgender Weise: Ein Rest bezeuge durch sein Überleben in Zerstreuung (Diaspora) und Knechtschaft die Wahrheit des christl. Glaubens, zu der er sich am Ende der Zeiten selbst bekennen werde. Bis dahin hätten die Juden eine Randexistenz zu führen. Dies zeigte sich insbes. in berufl. und besitzrechtl. Einschränkungen (z.B. weder Ackerbau noch Landbesitz, Nichtzulassung zu den Handwerkerzünften), der beschränkten Niederlassung und Freizügigkeit (Judenquartiere, Judenschutz, -zoll), der äusserl. Stigmatisierung durch Judenabzeichen und -hut (4. Laterankonzil 1215), dem Judeneid und der sog. Kammerknechtschaft (Ks. Friedrich II. 1236), d.h. der Unterstellung der Juden unter kaiserl. Gewalt, die als Judenregal an Fürsten und Städte veräusserl. war (Judensteuer) und tatsächl. auch Städten wie z.B. Bern, Zürich oder Basel überlassen wurde. Judenfeindl. Stereotypen prägten Predigten von Bettelmönchen, die Argumentation gegen den Talmud, Texte der Kreuzzugs- und der Geisslerbewegung sowie Anklagen der Inquisition. Das Darlehensgeschäft, das Christen des kirchl. Zinsverbots wegen bis in das SpätMA nicht ausübten, führte zum Vorwurf des Wuchers. Anschuldigungen wie Hostienschändung und Ritualmord entwickelten sich im 12. Jh.

Im Gebiet der Schweiz kam es wegen Letzterem zu Ausschreitungen in Bern (1294) und in der Nordostschweiz (Diessenhofen, Schaffhausen, Winterthur 1401). Jüd. Ärzte, die ein hohes Ansehen genossen, wurden der Scharlatanerie beschuldigt (z.B. David in Schaffhausen 1539). Die Kunde, dass Brunnenvergiftungen durch Juden die Ursache der Pest von 1348-49 seien, breitete sich von Frankreich und Savoyen über eidg. Gebiet aus. Verfolgungen begannen in der Waadt (Chillon, Villeneuve) und setzten sich fort in Bern und Zofingen, von wo sie auf Solothurn, Zürich, Basel und Strassburg übergriffen. Der christl. Antijudaismus und die wirtschaftl. bedingte Judenfeindschaft (Wuchervorwurf, Lockerung des Zinsverbots und Konkurrenz durch Lombarden und Kawertschen) führten bis ins ausgehende 15. Jh. verschiedenenorts zur (z.T. nach baldiger Wiederaufnahme wiederholten) Vertreibung oder Flucht der ausschliessl. in den Städten etablierten und in religiöser wie sozialer Absonderung lebenden Juden, so in Basel 1397, in Bern 1349, 1392 und 1427, in Freiburg 1428, in Genf 1490, in Luzern 1384, in Zürich 1349, 1423 und 1436. Auch die Darstellung Konrad Justingers in seiner Chronik, wonach die im Kreuz- oder Ruf-Altar der Berner Pfarrkirche (seit 1420 Münster) geborgenen und Wunder wirkenden Überreste eines Kindes auf einen angebl. 1288 durch Juden am Christenknaben Ruf (Rudolf) verübten Ritualmord zurückgehen würden, zeugt von der im 15. Jh. herrschenden judenfeindl. Einstellung. In der frühen Neuzeit waren Juden -- mit Ausnahme jüd. Ärzte z.B. in Freiburg und St. Gallen -- auf heute schweiz. Gebiet nur im Fürstbistum Basel sowie in den gemeineidg. Herrschaften Thurgau, Rheintal und Grafschaft Baden längerfristig geduldet. Die eidg. Orte erliessen Niederlassungs-, Handels-, Transport- oder gar Betretensverbote (z.B. Zürich 1634). 1737 schränkte die eidg. Tagsatzung das Niederlassungsrecht auf die Grafschaft Baden, fakt. die beiden Dörfer Endingen und Lengnau, ein. Kurzfristige Aufenthalte waren jüd. Händlern nur an Märkten und Messen (z.B. Zurzach) erlaubt. Nur im damals savoy. Carouge (GE) bestand Ende des 18. Jh. eine jüd. Gem.

Christl. Vorurteile gegen Juden wurden in Bild und Text tradiert: Juden wurden verspottet, traten als Synagoga personifiziert der Ecclesia gegenüber und wurden als Feinde und Mörder Christi auf Kirchenfenstern und -portalen, in Chroniken, Flugschriften, geistl. Spielen oder Theatern dargestellt. Das Judenbild der Schweizer Reformatoren war ambivalent, die Kenntnis des Judentums im Allgemeinen gering. Judenfeindl. Stereotypen fanden z.B. bei Zwingli im Kampf gegen die kath. Kirche Anwendung. Calvin wandte sich in scharfer Polemik gegen Juden, während sich Heinrich Bullinger von Luthers judenfeindl. Schriften z.T. abgrenzte. Auch christl. Hebraisten wie Sebastian Münster und Johannes Buxtorf (1564-1629), die in Lehre und Druckwerkstätten zur Verbreitung hebräischen Schrifttums beitrugen, strebten die religiöse und soziale Assimilation der Juden an. Noch z.Z. der Aufklärung verkörperte Johann Caspar Ulrich mit seiner "Sammlung jüd. Geschichten" (1768) diese zwiespältige Haltung.

Die rechtl. Verbesserungen der Helvet. Verfassung vom 28.3.1798 -- u.a. Kultusfreiheit und Aufhebung der Sonderabgaben wie Leibzoll und Kopfsteuer, somit die Stellung als niedergelassene Fremde, nicht aber Bürgerrechte -- für die im nachmaligen Kt. Aargau wohnhaften Juden wurden durch die Mediationsakte und insbes. in der Restauration wieder erhebl. gemindert (1802 Plünderungen in Endingen und Lengnau, 1803 Hausierverbot im Aargau, 1809 aarg. Judengesetz). Erst am Ende der Regenerationsperiode gewährten einzelne Kt., namentl. Genf 1841 und Bern 1846, den Juden rechtl. Zugeständnisse (Niederlassungsfreiheit im Kt.). Die volle bürgerl. und polit. Gleichberechtigung war damit aber noch nicht verwirklicht.

Autorin/Autor: Gaby Knoch-Mund

2 - 1848 bis heute

Mit den sich herausbildenden Industriegesellschaften änderte sich die Judenfeindschaft in Form und Funktion sehr stark. Als Ausdruck des eigenen Unbehagens am Wandel der gesellschaftl. Strukturen und an kulturellen Umwertungen setzten in den europ. Staaten eigentl. A.-Bewegungen ein, die bald über nationalstaatl. Grenzen hinaus wirkten. Ihre Verfechter (Joseph-Arthur de Gobineau, Karl Eugen Dühring, Houston Stewart Chamberlain, Paul Anton de Lagarde) verbreiteten diffuse pseudowiss. Theorien, die auch in der Schweiz rezipiert wurden. Der "Jude" wurde mit biologist. Rassenlehren als vermeintl. minderwertiger Urheber einer krankmachenden "Infizierung" der Nation oder Gesellschaft (sog. "Verjudung") verunglimpft. Im Mythos einer jüd. "Weltverschwörung" hat das vorgefasste Bedrohungsbild bis heute weltweite Verbreitung gefunden.

Die Popularisierung des A. wirkte sich in den einzelnen Staaten unterschiedl. aus. Die Dreyfus-Affäre (1893) in Frankreich führte zu einer vorübergehend erfolgreichen Abwehr des A. durch die liberalen Kräfte. Hingegen fand er in Russland und Osteuropa schnell Verbreitung. In Deutschland koppelte der Nationalsozialismus die Überwindung wirtschaftl. und polit. Krisen an die "Lösung der Judenfrage", die nach innen mit dem totalitären Staat, nach aussen mit der aggressiven "Raumpolitik" im Osten verknüpft wurde.

In der Schweiz kamen antisemit. Meinungen und Handlungen immer wieder vor, wobei zwischen popularisierenden und offiziellen Formen zu unterscheiden ist. Die Bundesverfassung von 1848 verweigerte den Juden die Rechtsgleichheit und die freie Niederlassung. Erst 1866 wurde den Juden freie Niederlassung gewährt, nachdem Frankreich, die Niederlande und die USA Druck ausgeübt hatten. Die Kultusfreiheit wurde erst in der revidierten Bundesverfassung von 1874 verwirklicht, und erst 1879 erhielten die Juden in den aarg. Gem. Endingen und Lengnau das Ortsbürgerrecht. Gleichzeitig wurden antisemit. Motive in der schweiz. Politik erneut erkennbar, zuerst in der Diskussion um die Verstaatlichung der in Konkurs geratenen Eisenbahnen, dann deutl. in der Schächtfrage. Das Schächtverbot von 1893 kam einem indirekten Versuch gleich, die Zuwanderung osteurop. Juden zu hemmen. Nach 1900 trugen v.a. kleinbürgerl. "Heimatwehren" und rechtsbürgerl. Eliten einen fremdenfeindl. motivierten A. vor, während konservative christl. Kreise A. aus religiösen Vorurteilen und zur Bekämpfung der modernen Kultur und Lebensweise verwendeten. Nach dem 1. Weltkrieg schwelten die antisemit. Strömungen weiter und brachen gelegentl. in Pamphleten, Kirchenblättern, Flugschriften, Wahlkampfparolen und Wandschmierereien hervor.

Mit der Frontenbewegung gewann der A. in den 1930er Jahren parteipolit. Profil. Radau- und Propaganda-Aktionen nach nationalsozialist. Vorbild, Kritik an der parlamentar. Demokratie, Vorliebe für das "Führerprinzip" und die Mystifikation "alteidg. Tugenden" gingen einher mit antisemit. Hetzen, in die antiliberale und antikommunist. Parolen eingebaut wurden. Nach Anfangserfolgen in lokalen Wahlen (1934-36) vermochten sich die Fronten aber nicht weiter durchzusetzen. Einen Teilerfolg gegen den A. erzielte der Schweiz. Isr. Gemeindebund 1933-37 im Berner Prozess um die sog. "Protokolle der Weisen von Zion" (gefälschtes "Zeugnis" einer angebl. jüd. Weltverschwörung). Dem Verlangen nach staatl. Schutzmassnahmen gegen rassist. und antisemit. Verunglimpfungen wurde bei den Bundesbehörden kein Gehör geschenkt. Die Schweizer Juden sahen sich bei der "Abwehr und Aufklärung" auch vor die Frage nach verlässl. Bündnispartnern gestellt, die sie bei einzelnen Kantonsvertretern, linken Kräften sowie bei liberal und humanist. eingestellten Persönlichkeiten fanden. Besonnene Vertreter der Landeskirchen, v.a. des liberal geprägten Protestantismus, in Behörden und Armee sowie Medienschaffende stellten sich gegen den A. und brachten damit zugleich ihre gegen das Dritte Reich gerichtete Haltung zum Ausdruck.

<b>Antisemitismus</b><br>Diese Karikatur erschien am 26. Mai 1933 in der Zeitschrift "Der Eiserne Besen", dem Organ der Nationalen Front (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>
Diese Karikatur erschien am 26. Mai 1933 in der Zeitschrift "Der Eiserne Besen", dem Organ der Nationalen Front (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Nach 1900 trat die Koppelung von antijüd. Tonlagen mit dem Argument einer "überbevölkerten" Schweiz auch in amtl. Dokumenten zutage, z.B. in "J"-Zeichen auf vereinzelten Einbürgerungsanträgen. 1920 erliess die Stadt Zürich besondere Vorschriften zur Einbürgerung, welche "Ostjuden" diskriminierten (1936 fallengelassen). In den 1930er Jahren nahmen Einbürgerungen ausländ. Juden drast. ab, während die plötzl. Abwanderung von Schweizer Juden nach Übersee das judenfeindl. Klima allg. dokumentiert. Diese Politik gipfelte 1941 auf eidg. Ebene in einem geheimen "Numerus clausus", der Einbürgerungen von Juden fakt. verunmöglichte. Im gleichen Jahr zögerte der Bundesrat, den jüd. Schweizern in Frankreich und Italien vollen diplomat. Schutz zu gewähren.

Die Schweiz betrieb von 1938 an in ihrer offiziellen Haltung gegenüber den jüd. Flüchtlingen eine antisemit. Politik, indem sie der besonderen Kennzeichnung der Pässe dt. Juden mit einem "J"-Stempel zustimmte. 1942 diskriminierte der Bundesrat jüd. Flüchtlinge in besonderer Weise durch Asylverweigerung; die Rückweisung mehrerer Tausend jüd. Flüchtlinge bedeutete für viele den Tod. Ebenfalls antisemit. motiviert waren Massnahmen wie z.B. die diskriminierende Praxis gegenüber jüd. Kindern, die während des 2. Weltkriegs nicht wie andere zu einem Erholungsaufenthalt in die Schweiz kommen konnten, und ab Okt. 1938 die bundesrätl. Weigerung, ehem. Schweizerinnen jüd. Glaubens, die mit einem Ausländer verheiratet waren, an der Grenze aufzunehmen oder wieder einzubürgern. 1995 hat sich der Bundesrat für diese Politik offiziell entschuldigt.

Nach dem 2. Weltkrieg zeigte sich der A. in Europa zunächst nur in seltenen Fällen, weil er nach dem Holocaust als in der Gesch. einzigartig mörder. Ideologie und Bewegung diskreditiert schien. Die Gründung des Staates Israel und die Genesis des Zionismus machen deutl., dass antisemit. Politik von jüd. Seite nicht wehrlos hingenommen wird. In der Schweiz wurde angesichts der Judenvernichtung (Holocaust, Schoa) 1946 die Christl.-jüd. Arbeitsgemeinschaft gegr., die neben der Abwehr des A. v.a. auch ein gegenseitiges Verständnis von Juden- und Christentum fördert. Antisemit. Komponenten lebten indessen unterschwellig weiter und haben sich in unterschiedl. Milieus und Bewegungen erhalten. Seit 1967 (arab.-israel. Sechstagekrieg) wurde zunehmend ein linker A. in Form von Antizionismus sichtbar. In den 1990er Jahren machte sich A. erneut in rechtsextremen und fundamentalist. Kreisen breit. Die rassist. Tendenzen und deren Abwehr haben seit dem Ende des Kalten Krieges an Bedeutung gewonnen. Dabei spielt die Leugnung von Auschwitz eine zentrale Rolle. 1995 ist in der Schweiz ein in der Referendumsabstimmung vom Vorjahr angenommenes Gesetz gegen Rassismus in Kraft getreten, das der UNO-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung entspricht. Damit ist die Abwehr des A. zu einer staatl. Aufgabe geworden.

Autorin/Autor: Jacques Picard

Quellen und Literatur

Archive
– AfZ
– Florence Guggenheim-Archiv, Zürich
Literatur
  • Allgemeines

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  • Mittelalter bis 1848

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  • 1848 bis heute

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    – J. Picard, Die Schweiz und die Juden 1933-1945, 1994
    – H. Roschewski, Auf dem Weg zu einem neuen jüd. Selbstbewusstsein?, 1994
    A. in der Schweiz 1848-1960, hg. von A. Mattioli, 1998
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