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Sagen und Legenden

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S. verkünden von aussergewöhnl. Vorkommnissen und dem Eingreifen höherer Mächte. Die Sage situiert das Erzählte zeitlich und räumlich und verwendet häufig Beglaubigungsstrategien, etwa die Nennung von Zeugen. Die Legende erzählt das Leben und die Wundertaten von Heiligen bzw. von hl. Orten. Allerdings ist die Abgrenzung von Sage und Legende in der Forschung umstritten, was sich auch darin zeigt, dass in den rom. Sprachen légendes und leggende für beide Erzählformen verwendet wird. Während in der Sage das Auftreten des Wunderbaren den verschiedensten Mächten (Teufel, Dämonen, Zwergen, Hexen usw.) zugeschrieben wird, wird dies in der Legende immer durch den christl. Gott bzw. dessen Stellvertreter (Engel, Heilige) bewirkt. Die Legende erfüllt eine belehrende Funktion innerhalb der kirchl. Tradition (Volksfrömmigkeit, Heiligenverehrung), während die Sage oft dem Aberglauben zugeordnet wird, obwohl sie christlich überformt sein kann. In der Sage kommt der Volksglaube durch das Erscheinen von Teufel, Hexen und Naturgeistern sowie die Wiederkehr von Toten oder die Erweckung von Scheintoten zum Ausdruck. Sagen erklären häufig den Ursprung von Landschaftsformationen (Blüemlisalp, Pilatus) und Bauwerken (Teufelsbrücke) oder thematisieren hist. Ereignisse (Befreiungstradition) und Figuren (Wilhelm Tell, Arnold Winkelried).

Verbreitet ist die Meinung, Legenden hätten einen literar. Ursprung und würden mehrheitlich auf die ma. Legendensammlung "Legenda aurea" zurückgehen. Bei Sagen hingegen wird ein mündl. Ursprung angenommen, obwohl dieser häufig ebenfalls literarisch ist. Die ersten Produzenten bzw. Vermittler von Sagen und lokalen Legenden waren Chronisten wie Johannes Stumpf, Renward Cysat, Christian Wurstisen, Aegidius Tschudi und Petermann Etterlin (Chroniken) sowie Sammler von Wundergeschichten wie Conrad Lycosthenes, Theodor Zwinger (1533-88), Simon Goulart; später kamen Reiseschriftsteller wie Philippe-Sirice Bridel, Johann Gottfried Ebel oder Gottlieb Sigmund Gruner hinzu. In der dt. Romantik war das Interesse an S. gross, da man darin Manifestationen der Volkspoesie sah. Die Sage wurde als innere Wahrheit der Geschichte, als nationale Überlieferung interpretiert und die Legende als Zeugnis naiven Volksglaubens. 1804 veröffentlichte Gotthard Ludwig Kosegarten eine Legendensammlung, die Gottfried Keller 1872 als Quelle für seine "Sieben Legenden" diente. 1815 gab Johann Rudolf Wyss (1781-1830) "Idyllen, Volkssagen, Legenden und Erzählungen aus der Schweiz" heraus. Wegweisend für spätere Sammlungen von S. wurden die "Deutschen Sagen" (1816-18) der Brüder Grimm. Im 19. Jh. setzte das Sammeln von S. nach Regionen ein: Für Graubünden taten dies Nina Camenisch und Caspar Decurtins, für Freiburg Franz Kuenlin, für die Waadt Alfred Cérésole und für die Innerschweiz Alois Lütolf. Johann Jakob Reithart und Ernst Ludwig Rochholz sammelten S. aus dem Aargau, Auguste Quiquerez solche aus dem Jura, Moritz Tscheinen und Peter Josef Ruppen jene aus dem Wallis und Walter Keller die aus dem Tessin. Mit dem Aufkommen der Volkskunde gegen Ende des 19. Jh. begann die moderne wissenschaftl. Sagenforschung.


Quellen
– Solandieu, Légendes valaisannes, 1919 (21998)
– W. Keller, Am Kaminfeuer der Tessiner: Sagen und Volksmärchen, 1940 (32000)
Sagen aus dem Sarganserland, gesammelt von A. Senti, 1974-98
Die Schweiz in ihren Märchen und Sennengeschichten, hg. von R. Waldmann, 1983
Märchen aus dem Tessin, hg. von P. Todorovic-Strähl, O. Lurati, 1984 (21990)
– J. Surdez, Animaux et contes fantastiques du Jura, 1984
Sagen der Schweiz, hg. von P. Keckeis, 1985-88 (21995-)
Contes de Suisse romande, hg. von E. Montelle, 1986
Il meraviglioso: leggende, fiabe e favole ticinesi, hg. von D. Bonini et al., 1990-93
Illustrierte Walliser Sagen, hg. von W. Ebener, 1995
Récits, contes et légendes du Chablais, 2000
Literatur
SAVk, 1897-
Sagenerzähler und Sagensammler in der Schweiz, hg. von R. Schenda et al., 1988
– L. Petzoldt, Dämonenfurcht und Gottvertrauen, 1989
– H.-P. Ecker, Die Legende, 1993
– J. Piercarlo, L'immaginario popolare nelle leggende alpine, 1994

Autorin/Autor: Rosmarie Zeller