02/07/2014 | Rückmeldung | PDF | drucken

Bibliotheken

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Als B. werden Büchersammlungen (Buch) bezeichnet, die zu Bildungs-, Forschungs- und Unterhaltungszwecken dienen. Sie umfassen heutzutage hauptsächlich gedrucktes Schrifttum, können aber auch Handschriften und neuere Informationsträger (sog. Non-Books wie Tonträger, Videos, digitale Massenspeicher) enthalten. Hauptaufgabe der B. ist es, Bücher- und Medienbestände zu bewahren und auszubauen, sie mit Hilfe von Katalogen und Datenbanken zu erschliessen und an die Benutzer zu vermitteln. V.a. via Internet ermöglichen sie heute immer mehr auch den Zugang zu fremden Ressourcen.

1 - Geschichte

1.1 - Mittelalter bis 18. Jahrhundert

Die ältesten bekannten B. in der Schweiz sind diejenigen der Klöster, namentlich der Benediktiner (St. Gallen, Einsiedeln, Muri, Engelberg), Dominikaner (Basel, Bern), Kartäuser (Thorberg, St. Margarethental in Kleinbasel), Zisterzienser und Augustiner Chorherren (Saint-Maurice). Älteste B. der Schweiz ist die Stiftsbibliothek St. Gallen, die B. des ehemaligen Klosters, die eine der bedeutendsten Sammlungen ma. Handschriften (v.a. aus karoling. Zeit) enthält. Bereits der erste Abt, Otmar (ca. 689-759), richtete ein Skriptorium ein (Buchmalerei, Schrift). Aus dem sog. Goldenen Zeitalter St. Gallens stammt der St. Galler Klosterplan um 820. Der Idealplan zeigt auch eigene Räume für Bibliothekszwecke. Einzige noch ins MA zurückreichende Universitätsbibliothek ist diejenige der 1460 gegr. Univ. Basel (Universität).

Im Zuge der Reformation wurden in der Schweiz theologische Akademien (Höhere Schulen) errichtet. Damit verbunden waren Bibliotheksgründungen, so in Zürich (um 1525), Bern (1528), Lausanne (1537) und Genf (1560), Kern der späteren Universitätsbibliotheken dieser Städte. Der in diesem Zeitalter angestiegene Bedarf an Büchern liess sich dank der Verbreitung des Buchdrucks decken. Im Rahmen der kath. Reform entstanden bei den Kapuzinern und insbesondere in den Jesuitenkollegien Sammlungen, die den Grundstock für spätere Kantonsbibliotheken bildeten, u.a. Luzern (1577), Freiburg (1581), Pruntrut (1592) und Sitten (1625). In Lugano legten die Somasker ab 1608 eine Büchersammlung an, welche später in der Kantonsbibliothek aufging.

Vom 17. Jh. an wurden - meist auf private Initiative - in den ref. Städten Bürgerbibliotheken gegründet. Dem Beispiel von Zürich (1629), Schaffhausen (1636) und Winterthur (1660) folgten bald kleinere Orte wie Zofingen, Burgdorf, Glarus, Biel, Solothurn, Morges, Thun und Neuenburg. Die Aufklärung beschleunigte diese Entwicklung, indem vermehrt kleine Landstädte und Gemeinden ihre Bevölkerung mit B. versorgten, manchmal in Verbindung mit Lesegesellschaften und oft zum Missbehagen der paternalist. Obrigkeit (z.B. Wädenswil, Richterswil, Altstätten, Vevey). Auch Ökonomische Gesellschaften verfügten über namhafte Buchbestände.

Autorin/Autor: Robert Barth

1.2 - 19. und 20. Jahrhundert

Die im 19. Jh. gegr. Kantonsbibliotheken - den Anfang machten die neuen Kt. Aargau 1803, Waadt 1806 und Thurgau 1807 - sollten der ganzen Kantonsbevölkerung offen stehen. Sie gründeten z.T. auf namhafte Privatsammlungen (von Beat Fidel Zurlauben in Aarau oder von Joseph Anton Felix von Balthasar in Luzern) oder auf Sammlungen aufgelöster Klöster und Jesuitenkollegien (so im Tessin, wo die Kantonsbibliothek 1856, vier Jahre nach den Klosteraufhebungen, gegründet worden ist). Daneben blühte eine wachsende Vielfalt von konfessionell, parteimässig oder ständisch gebundenen Sammlungen. Kommerzielle Leihbibliotheken boten Unterhaltungsliteratur an. An der Wende zum 20. Jh. setzten sich v.a. in den Städten die gesinnungsneutralen B. durch, so z.B. die Pestalozzigesellschaft Zürich mit ihren Zweigstellen (gegr. 1896) oder die Filialen der Allgemeinen Bibliothek der Gesellschaft zur Beförderung des Guten und Gemeinnützigen (GGG) in Basel.

Die 1920 gegr. Stiftung Schweiz. Volksbibliothek sollte allen Landes- und Bevölkerungsteilen zu einer ausgeglichenen Literaturversorgung verhelfen. Doch erst nach dem 2. Weltkrieg wurden die allgemeinen öffentlichen B. stark ausgebaut. In der franz. Schweiz waren sie schon früh Sache der öffentl. Hand, so 1842 in Genf mit der Bibliothèque circulante oder 1934 in Lausanne mit der Bibliothèque municipale. Genf verfügte mit der Bibliothèque moderne (1931) über die erste Freihandbibliothek, ein Bibliothekstyp, der in der übrigen Schweiz erst nach dem 2. Weltkrieg zum Durchbruch gekommen ist. Die B. im 20. Jh. sind geprägt von der stetigen Zunahme an Informationsmaterial und der technolog. Entwicklung (Informationsträger, Automatisierung). Der Zersplitterung der Bestände versuchte man mit gemeinsamen Zuwachsverzeichnissen oder Gesamtkatalogen zu begegnen (1897 in Zürich, später in Basel und Genf). Die Bibliotheksautomatisierung begann an den Hochschulen Anfang der 1970er Jahre (ETH Zürich, Bibliothèque cantonale et universitaire von Lausanne). Die Studien- und Bildungsbibliotheken sowie die allgemeinen öffentlichen B. folgten meist in den 1980er Jahren.

Autorin/Autor: Robert Barth

2 - Bibliothekstypen, Trägerschaft und Berufsverband

Allgemeine wiss. B. sind die zentralen Sammlungen der Hochschulen, die wiss. Literatur zu den jeweiligen Lehrfächern anbieten. Entsprechend einer schweiz. Tradition sind sie frei zugänglich. Die Universitätsbibliotheken von Basel, Bern, Freiburg, Genf, Lausanne, Neuenburg und Zürich erfüllen gleichzeitig die Funktion einer Kantons- und z.T. einer Stadtbibliothek.

Studien- und Bildungsbibliotheken archivieren die Literatur ihres Einzugsgebiets, führen ein Grundangebot an wiss. Literatur aller Gebiete, populärwiss. Literatur für ein breites Publikum sowie eine Auswahl an Belletristik. Diesem Bibliothekstyp gehören die Kantonsbibliotheken der Nichthochschulkantone und eine Reihe grösserer Stadtbibliotheken an, so etwa die Zentralbibliotheken Luzern und Solothurn, die Stadtbibliotheken von Winterthur und La Chaux-de-Fonds, die Walliser Kantonsbibliothek in Sitten, die Kantonsbibliotheken St. Gallen (Vadiana) und Graubünden in Chur sowie die vier kant. B. im Tessin (wo im Zusammenhang mit den drei in den 1990er Jahren gegr. Fakultäten neue B. entstehen).

Allgemeine öffentl. B. (früher Volksbibliotheken) dienen der Aus- und Fortbildung sowie der Unterhaltung, in erster Linie auf der Stufe der Gemeinden und der Stadtteile. Sie haben keine Archivierungspflicht.

Wiss. Spezialbibliotheken führen ein umfassendes Angebot in einem oder einigen wenigen Fachgebieten. Beispiele sind das Schweiz. Sozialarchiv in Zürich und das Schweiz. Wirtschaftsarchiv in Basel, die beide Archiv- und Bibliotheksfunktion vereinen. In vielen Fällen sind auch Firmenbibliotheken dieser Kategorie zuzurechnen.

Entsprechend der Kulturhoheit in der Schweiz werden die meisten öffentl. B. von den Kantonen und Gemeinden getragen. Auf Bundesebene finanziert werden die B. der ETH Zürich und Lausanne sowie die Schweizerische Landesbibliothek (SLB) in Bern, die für die vollständige Sammlung der Helvetica ab 1848 zuständig ist. Daneben existieren zahlreiche private B. und B. von Firmen, Stiftungen (z.B. die Bibliotheca Bodmeriana in Cologny), Gesellschaften und internat. Organisationen (z.B. WHO, UNO, CERN, ILO).

Der 1897 gegr. Verband der B. und der Bibliothekarinnen/Bibliothekare der Schweiz, BBS (bis 1992 Vereinigung Schweiz. Bibliothekare, VSB) ist die älteste Bibliothekarenvereinigung auf dem europ. Kontinent mit kontinuierl. Bestehen.

Autorin/Autor: Robert Barth

Quellen und Literatur

Literatur
– M. Beck, «Die schweiz. B.», in Atlantis 4, 1946, 153-156
– C. Senser, Die B. der Schweiz, 1991, (mit Lit.)
– R. Barth, G. Schneider, «Die Zukunft hat noch nicht begonnen», in Für alle(s) offen, Fs. für F. Gröbli, 1995, 26-37
– R. Barth B., Bibliothekarinnen und Bibliothekare in der Schweiz, 1997
Biblioteche della Svizzera italiana, hg. von C. Antognini et al., 1999