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Gerlafingen

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Polit. Gem. SO, Bez. Wasseramt. Dorf am östl. Ufer des 1889 korrigierten Emmelaufs, etwa 5 km südlich von Solothurn gelegen. 1278 Nidergerolvingen. 1798 120 Einw.; 1850 381; 1880 766; 1900 1'743; 1950 3'774; 1970 4'873; 2000 4'694. Bis 1959 nannte sich der Ort Niedergerlafingen (im Gegensatz zum südlicher gelegenen Obergerlafingen). Der ursprüngl. Name Gerolvingen deutet auf die Besiedlung durch die Nachkommen eines Alemannen namens Gerolf im 6. Jh. Die eine Hälfte des Twing und Bann (niedere Gerichtsbarkeit) kam 1347 an Hug von Durrach, vor 1412 an den Solothurner Schultheissen Henmann von Durrach, 1412 mit der Herrschaft Kriegstetten an dessen Erbe Henmann von Spiegelberg und 1466 infolge des Verkaufs der genannten Herrschaft durch dessen Tochter Kunigunde von Malrain an die Stadt Solothurn. Die andere Hälfte des Twing und Bann (hohe Gerichtsbarkeit) gelangte von den Herren von Thorberg im Emmental 1420 an das dortige Kloster, nach der Reformation 1528 an die Stadt Bern und konnte 1665 im Wyniger Vertrag von Solothurn erworben werden. Fortan übte Solothurn alle Rechte über die Herrschaft Kriegstetten aus. Die beiden Halbteile von G. verbanden sich zu einem Gemeinwesen namens G. Zur Regelung der Gemeingeschäfte erhielt G. 1766 den ersten und 1795 einen weiteren Dorfbrief. Die Katholiken gehörten von alters her zur Pfarrei Kriegstetten. 1956 errichteten sie eine Kirche und bilden seither eine eigene Pfarrei. 1898 wurde die ref. Kirchgemeinde Biberist-G. gegründet.

Seit 1876 verfügt G. über eine Bahnstation an der Linie Solothurn-Burgdorf. 1788 bewilligte der Solothurner Rat die Errichtung einer Papiermühle in G., die 1797 durch eine Indiennemanufaktur zur Herstellung von bedrucktem Baumwollstoff ersetzt wurde. Die Entwicklung G.s im 19. und 20. Jh. ist eng mit der Geschichte der Eisenwerke verknüpft, die Ludwig von Roll 1810 gegründet hat (Ludwig von Roll & Cie.). Er kaufte die 1805 eingegangene Indiennefabrik und errichtete darin eine Hammerschmiede (Von Roll). 1836 nahm das erste, 1846 das zweite Eisenwalzwerk der Schweiz seinen Betrieb auf. 1873 erfolgte die Verlegung des Geschäftssitzes von Solothurn nach G. Das Werk G. war damals die bedeutendste Arbeitsstätte der Firma und behielt diese Spitzenstellung mit einer Blütezeit in den 1960er Jahren bis zum Ende des 20. Jh. bei. Es trug wesentlich zur Entwicklung G.s vom Bauerndorf zu einem bedeutenden Industrieort, zu seinem Wohlstand und jenem der umliegenden Ortschaften bei.


Literatur
Gesch. der von Roll'schen Eisenwerke, 2 Bde., 1953-73
– H. Hösli, G., 1996
– A. Kienzle, "Es gibt nur ein G.!", 1997
– G. Schmid, Erinnerungen an mein Dorf: die Zwanziger- und Dreissigerjahre, 21998

Autorin/Autor: Hellmut Gutzwiller