• <b>Heimatliteratur</b><br>Der Film von Ernst Lubitsch nach Jakob Christoph Heers Roman "Der König der Bernina", angekündigt in der Zeitschrift "Illustrierter Film-Kurier", 1929 (Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten). "Der König der Bernina" erschien zunächst im Feuilleton des deutschen Familienblatts "Die Gartenlaube", deren Redaktor Heer war. Mit dem Buch, das 1900 bei Cotta in Stuttgart erschien, feierte er einen beachtlichen Erfolg. Arnold Rossel überzeugte die "Gazette de Lausanne", den von ihm übersetzten und nach seinen Aussagen wahrhaft schweizerischen Roman im Feuilleton zu publizieren, bevor das Buch 1908 bei Lucien Vincent herauskam.

Heimatliteratur

Der Begriff H. bzw. Heimatkunst entstand am Ende des 19. Jh. als Reaktion auf die im Naturalismus beliebte Grossstadtdarstellung. Zum Genre zählen der Heimat- und Bergroman und als Vorläufer auch die Dorfgeschichte und der Bauernroman. Die Autoren der H. wandten sich gegen die Verstädterung, die Industrialisierung, die Technisierung und ihre Folgen, v.a. gegen die Entwurzelung und die Entstehung eines Proletariats. Dem Modernisierungsprozess setzten sie die heile Welt des Dorfes und der Natur und damit den traditionsverhafteten und moralisch handelnden Menschen gegenüber, der den gesunden Kern der Nation repräsentiere. Das Zielpublikum der H. waren Menschen aus dem Kleinbürgertum und aus der städt. Mittelschicht. H. gehört zur Volksliteratur, die sich mit populären Lesestoffen (z.B. Heftchenromane, Erbauungsschriften) und traditionellen, alltäglichen Erzählungen (z.B. Märchen) beschäftigt. Obwohl in allen Landesteilen der Schweiz H. verfasst wurde, gibt es in der franz. und ital. Sprache keinen adäquaten Begriff. H. heisst hier Littérature populaire bzw. Letteratura regionale.

Die Vertreter der H. sahen ihre Vorläufer in der im Biedermeier entstandenen Dorfgeschichte (z.B. Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe" 1855) und im Bauernroman (z.B. Jeremias Gotthelfs "Uli der Knecht" 1840). In der Deutschschweiz, in der es bis Ende des 19. Jh. keine mit Deutschland vergleichbare Entwicklung der Grossstadt und keine naturalist. Literaturströmung gab, fügte sich die H. in die Darstellung ländl. Verhältnisse ein, die bis weit ins 20. Jh. hinein ein Hauptgegenstand der schweiz. Literatur war. Im Gegensatz zu dieser ersten Phase der Darstellung bäuerl. Lebens ist die H. zu einem grossen Teil der Trivialliteratur zuzurechnen. Im Unterschied zu jener Literatur, die lokale Verhältnisse in krit. Absicht darstellt (z.B. Maurice Zermatten, Charles Ferdinand Ramuz), unterschied sie sich durch die Ideologisierung des Heimatbildes und die Schwarz-Weiss-Malerei. Als Hauptvertreter in der Deutschschweiz gelten Jakob Bosshart, Heinrich Federer, Jakob Christoph Heer, Alfred Huggenberger, Meinrad Lienert und Ernst Zahn, die teilweise auch Dialektliteratur verfassten. Sie standen in der Tradition der in Deutschland aufgekommenen Heimatkunstbewegung. Im Dritten Reich wurden die Stoffe der H. und die damit verbundene Ideologie von der Blut- und Bodenliteratur aufgenommen. Bezeichnenderweise erfuhren Autoren wie Huggenberger in dieser Zeit eine hohe Wertschätzung, ihre Literatur wurde ideologisch missbraucht. Die H. lebte nach dem 2. Weltkrieg in Heftchenromanen, im Heimattheater, im Heimatfilm und in Fernsehserien weiter und entwickelte sich zur Massenliteratur.

<b>Heimatliteratur</b><br>Der Film von Ernst Lubitsch nach Jakob Christoph Heers Roman "Der König der Bernina", angekündigt in der Zeitschrift "Illustrierter Film-Kurier", 1929 (Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten).<BR/>"Der König der Bernina" erschien zunächst im Feuilleton des deutschen Familienblatts "Die Gartenlaube", deren Redaktor Heer war. Mit dem Buch, das 1900 bei Cotta in Stuttgart erschien, feierte er einen beachtlichen Erfolg. Arnold Rossel überzeugte die "Gazette de Lausanne", den von ihm übersetzten und nach seinen Aussagen wahrhaft schweizerischen Roman im Feuilleton zu publizieren, bevor das Buch 1908 bei Lucien Vincent herauskam.<BR/>
Der Film von Ernst Lubitsch nach Jakob Christoph Heers Roman "Der König der Bernina", angekündigt in der Zeitschrift "Illustrierter Film-Kurier", 1929 (Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten).
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Eindeutig im Zusammenhang mit der dt. Bewegung der H. steht die rätorom. H. mit Maurus Carnot ("Bündnerblut" 1902). Als Literatur der Minderheit blieb das rätorom. Schaffen bis in die 1950er Jahre weitgehend Heimat- bzw. Volksliteratur (z.B. Men Rauch). In der Westschweiz war ab der Mitte des 19. Jh. die Besinnung auf lokale Themen, die Darstellung eines idyllischen ländl. Milieus und konservativer Werte feststellbar, ebenso der Versuch, sich von modernen, in Paris entstandenen Strömungen abzugrenzen. Die Autoren bewegten sich wie jene in der Deutschschweiz auf dem Niveau der Volksliteratur und verfolgten häufig auch pädagog. Absichten. Die in der dt. Literatur erkennbare Tendenz zu fremdenfeindl. Implikationen des Heimatbegriffs gab es auch in der Westschweiz (Urbain Olivier, Adolphe Ribaux). Im Tessin erfolgte eine Rückbesinnung auf die traditionellen Werte des Kantons (z.B. Angelo Nessi, Giuseppe Zoppi, Francesco Chiesa), jedoch nicht im definierten ideologisch belasteten Sinn.


Literatur
– U. Baur, «Die Ideologie der Heimatkunst», in Gesch. der dt. Literatur vom 18. Jh. bis zur Gegenwart 2, hg. von V. Zmegac, 1980, 397-412
– H. Bausinger, Heimat und Identität, hg. von K. Köstlin, H. Bausinger, 1980, 13-29
Littérature populaire et identité suisse, hg. von R. Francillon, D. Jakubec, 1991
Bonnes lectures, hg. von D. Maggetti, D. Müller, 1992
– C. Riatsch, L. Walther Lit. und Kleinsprache, 1993, 829-877
– Francillon, Littérature 2, 135-145
Hb. populäre Kultur, hg. von H.-O. Hügel, 2003, 226-232

Autorin/Autor: Rosmarie Zeller