06/07/2004 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Biberist

Polit. Gem. SO, Bez. Wasseramt. Industriedorf zwischen Emme und Aare südlich von Solothurn. Die beiden Siedlungskerne Ober- und Unterbiberist (762 als Biberussa, 1300 als ze beiden Biberschon erw.) wurden 1857 durch Gemeindebeschluss zu einer Gem. vereinigt. In der Helvetik war B. Hauptort des gleichnamigen Distrikts. Um 1700 ca. 450 Einw.; 1798 693; 1850 1'071; 1900 2'871; 1950 5'283; 1970 7'769; 2000 7'603.

Neolith. Funde im Altisberg, Streufunde aus der Bronzezeit. Südl. der Stadt Solothurn auf Schotterterrasse über der Aare (nahe bei der röm. Strasse von Aventicum nach Salodurum) bestand eine grosse röm. Ansiedlung. Archäolog. Grabungen (vor dem Bau der A5) im Wirtschaftsteil des Gutshofes förderten Werkstätten, eine Getreidelagerhalle, eine Umfassungsmauer mit Portal sowie Kleinfunde aus dem 1. bis 3. Jh. zutage. Die röm. Ruinen dienten im FrühMA vereinzelt als Bestattungsplätze. Unweit davon befand sich ein kleines Gräberfeld des 7. Jh. mit reichen Beigaben; im gleichen Gebiet lag die 1300 erstmals erw. Siedlung Gutzwil (Gutzel), die vermutlich im 14. Jh. aufgegeben oder zerstört worden ist; als Bezeichnung eines Zehntbezirks lebte der Name bis ins 18. Jh. weiter. Um 1500 war am Hunnenberg ein Richtplatz der Stadt Solothurn.

Udalricus de Bibirusa, ein Vertreter der seit dem 11. Jh. belegten lokalen Adelsfamilie, schenkte 1004 (?) dem Kloster Einsiedeln ein Gut in Walliswil. Die Burgstelle Burghubel im Altisberg (um 1100) steht vielleicht im Zusammenhang mit dieser Fam., von der weitere Angehörige erst ab 1251 erwähnt sind. Ihr grosser Güterbesitz in der weiteren Umgebung von Solothurn gelangte nach ihrem Aussterben in der Mitte des 14. Jh. an Solothurner Familien (u.a. Durrach und Stein). Reich begütert waren in B. auch die Spiegelberg, aus deren Besitz der Bleichenberg (frühe Siedlung, im 14. Jh. als Dorf erw., später Herrschaftshof) um 1500 an die von Roll gelangte, die dort im 17. und 18. Jh. zwei Landsitze errichteten. Im MA ist B. als Gerichtsort der Grafschaft Burgund erwähnt. Niedergericht und Eigenleute besass in B. das Solothurner St.-Ursen-Stift, in dessen Namen die Gf. von Buchegg die Kastvogtei ausübten. Um 1370 kam die niedere Gerichtsbarkeit an die Stadt Solothurn, der Kirchensatz 1377 an Heinrich Bumann von Olten und von dessen Erben 1400 an das Stift St. Ursen. 1516 erhielt Solothurn von Bern das hohe Gericht im Abtausch gegen Eigenleute.

Die Marienkirche, eine der am frühesten erw. Landkirchen der Schweiz, wurde 762 samt Zehnt vom Bf. von Strassburg dem oberrhein. Kloster Ettenheimmünster gegeben. Vermutlich wegen einer Hochwasserkatastrophe wurde sie um 1470 an einen neuen Standort verlegt (Neubauten im 18. Jh. und 1845). Der Pfarrer wurde (bis zu dessen Aufhebung 1874) vom St.-Ursen-Stift gestellt und wohnte erst seit 1683 im Pfarrhaus in B. Zur Pfarrei gehörten auch die Dörfer Lohn und Ammannsegg. Infolge der starken Zuwanderung aus ref. Gebieten zu den Industriestandorten an der Emme wurde 1898 die ref. Kirchgemeinde B.-Gerlafingen gegründet.

Bis zum Loskauf der Zehnten im 19. Jh. dominierte Ackerbau mit kompliziertem Dreifelderturnus und stark gegliederten Zelgfluren. Zehntherr war das St.-Ursen-Stift, das auch vielfältige Bodenzinse einzog. Im Emmeschachen bestand eine Taunersiedlung. Seit dem 15. Jh. stand die Mühle am Biberntalbach in Betrieb (1902 abgestellt); ein aus der Emme abgeleiteter Kanal trieb ab 1747 die Öle, ab 1757 die Säge und ab 1776 die obrigkeitl. Pulvermühle, die 1805 explodierte und nach dem Wiederaufbau bis 1845 betrieben wurde. Als erster Industriebetrieb entstand in B. um 1852 im alten Gewerbequartier am Sägebach eine Parketteriefabrik. Schon etwas früher gründeten Solothurner Unternehmer vor den Toren ihrer Stadt, aber auf Gemeindegebiet von B., frühe Fabriken (Bierbrauerei; um 1830 Tabak- und Zigarrenfabrik Kottmann). Mit einer staatl. Konzession (1858) baute die Zürcher Firma Locher & Cie. ab 1861 den Gewerbekanal rechts der Emme mit einem grossen Sperrbauwerk bei B. Neben andern Fabriken in Derendingen und Luterbach errichtete die Baufirma im Auftrag einer neu gegr. AG die Papierfabrik Biberist (Biber). Das Kapital stammte vorwiegend von Zürcher Familien. Mit Maschinen von Escher Wyss & Cie. ausgestattet, nahm die Fabrik 1865 den Betrieb auf. Ab Ende des 19. Jh. stieg die Zahl der Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe wegen des raschen Bevölkerungswachstums und günstiger Verkehrslage schnell an. Rund ein Dutzend Gasthöfe, Handelsfirmen, Handwerksateliers entstand an den verzweigten Durchgangsstrassen. Mit Zulieferbetrieben für die Uhrenindustrie (seit 1890), Bauunternehmen, der Konsumgenossenschaft, mehreren Arztpraxen entwickelte sich B. zum regionalen Nebenzentrum im Umfeld von Solothurn. Bis zum Bau der ersten Brücke um 1750 überquerte die Strasse von Solothurn nach Burgdorf die Emme in B. bei einer Furt. Bei der Brücke (Zollstelle) wurden auch die Abgaben für die Flösse aus dem Emmental entrichtet. 1858 übernahm der Staat die Brücke (1862 und 1956 neu errichtet). Seit 1891 besteht zudem ein Fussgängersteg über die Emme für Fabrikarbeiter von B. im Eisenwerk der Von Roll AG in Gerlafingen. Die Landstrasse von Solothurn nach Bern wurde um 1730 zur Chaussee ausgebaut; davon besteht ein wichtiger Rest am Buchrain (Pflästerung ist Schutzobjekt von nationaler Bedeutung). Die erste Eisenbahnverbindung erhielt B. 1864 mit einer Pferdebahn nach Derendingen, 1872 entstand der Bahnhof der Emmentalbahn (ab 1942 EBT, seit 1997 Regionalverkehr Mittelland), 1916 folgte der Anschluss an die elektr. Solothurn-Bern-Bahn (heute RBS).

Das v.a. ab 1860 einsetzende Bevölkerungswachstum verstärkte sich ab 1890 als Folge der Vergrösserung der Industrie. In der 1. Hälfte des 20. Jh. erweiterte und diversifizierte sich das Arbeitsplatzangebot von B. durch Unternehmen neuer Branchen (Buchdruckerei, Fahrradhandel, Elektr. Installationen, Schraubenfabrik). Seit der Mitte des 20. Jh. wurden in besonderen Industrie- und Gewerbezonen weitere Sparten eingeführt: Automobilhandel und -service, Elektronikindustrie, Metallbau, mechan. Ateliers. Um 1990 bestanden in B. rund 250 im Handelsregister eingetragene Firmen. Die Landwirtschaft zählte 1988 30 Betriebe, die 290 ha Ackerland und 205 ha Wiesland bearbeiteten. 1940 (Umgebung Dorf) und 1991 (Bereich A5) erfolgten Güterzusammenlegungen. Der grösste Gutsbetrieb gehört zur kant. Strafanstalt Oberschöngrün, die 1924 in der Gem. B. errichtet wurde. 1990 standen 2'298 Wegpendlern 2'058 Zupendler gegenüber. Von den in B. arbeitenden 3'495 Erwerbstätigen waren 56% im 2. Sektor (1980 71%), 40% im 3. Sektor (1980 26%) beschäftigt. 1900 erhielt B. den Anschluss an das Elektrizitätsnetz, 1923 ein umfassendes System der Wasserversorgung, seit 1929 Gas vom Gaswerk Solothurn. Im 20. Jh. entstanden isolierte Wohn- und Gewerbequartiere zwischen dem Dorfkern und der Stadt Solothurn, mit neuen Vorstadtquartieren und Einzelhofsiedlungen.


Literatur
– P. Kaiser et al., B. -- Dorf an der Emme, 1993
– R.M. Kully, Solothurn. Ortsnamen, 2003, 200-205

Autorin/Autor: Peter Kaiser