• <b>Almanache</b><br>Kalenderblatt für das Jahr 1552, Monate Januar bis März, Holzschnitt gedruckt bei  Eustachius Froschauer, Zürich (Schweizerisches Nationalmuseum).
  • <b>Almanache</b><br>"Etrennes helvétiennes et patriotiques, pour l'an de Grâce 1789", Nr. VII, Lausanne 1788 (Musée historique de Lausanne). Die kleinformatige Publikation enthält einige Radierungen, die sich auseinanderfalten lassen. Für die Ausgabe von 1789 wählte der Verleger eine Ansicht der Tellskapelle. Die Jakobiner sollten später Wilhelm Tell in eine Reihe mit dem antiken Freiheitshelden Brutus stellen.

Almanache

Das Wort A. stammt wahrsch. aus dem Syrischen ("das nächste Jahr") und kam über arab. Quellen im HochMA in die europ. Sprachen. Charakterist. ist die Verbindung von kirchl. Festkalender (Kirchenjahr) mit astronom. Angaben und astrolog. Voraussagen und Ratschlägen (Astrologie). Neben handschriftl. A. finden wir bereits im 15. Jh. in der Schweiz erste gedruckte Kalender, so einen dt. Einblattdruck auf das Jahr 1482 in Zürich und 1497 in Genf den "Compost et Calendrier des Bergiers". Seit dem 16. Jh. dominieren die Jahreskalender, die "ewigen Kalender" -- oft grossformatige Einblattdrucke -- treten in den Hintergrund.

<b>Almanache</b><br>Kalenderblatt für das Jahr 1552, Monate Januar bis März, Holzschnitt gedruckt bei  Eustachius Froschauer, Zürich (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>
Kalenderblatt für das Jahr 1552, Monate Januar bis März, Holzschnitt gedruckt bei Eustachius Froschauer, Zürich (Schweizerisches Nationalmuseum).
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A. gehörten zu den wichtigsten populären Lesestoffen. Oft von Hausierern vertrieben, erreichten solche A. alle Gegenden des Landes und alle sozialen Schichten. Neben den üblichen Angaben zum Kalender, den Fest- und Feiertagen, den Angaben zu Ort und Zeit der lokalen und regionalen Märkte, enthalten sie astrolog. Hinweise für die bäuerl. Arbeit und zum Gesundheitswesen (Aderlass). Erbauliche und unterhaltende Beiträge, sowie Berichte von spektakulären Ereignissen (Schlachten, Todesfälle, Verbrechen) und einfache Holzschnitte ergänzen den kalendar. Teil.

Zu den bekanntesten A.n gehört der seit 1677 in Deutsch, seit 1707 auch in Französisch erscheinende Hinkende Bote ("Messager boiteux"). Er prägte bis in die jüngste Zeit das Erscheinungsbild des populären Kalenders. Ein erster Tessiner A. "La scuola di Minerva" erschien 1746 in Lugano, der älteste bekannte rätorom. Kalender "Nova Pratica" 1771 in Disentis. Neben diesen sog. Bauernkalendern finden wir seit dem 16. Jh. auch Schreibkalender als Beispiele früher Agenden. Wichtig wurden -- als Vorläufer der späteren Staatskalender -- die "Regimentskalender", die seit dem 17. Jh. die polit., militär. und geistl. Ämterlisten aufführten.

Im 19. Jh. erlebten die A. einen ungeheuren Aufschwung. Verbesserte Druck- und Reproduktionstechniken erlaubten es, eine sehr breite Leserschaft zu günstigem Preis mit Informationen aus aller Welt und Unterhaltung zu versorgen. Die Pressefreiheit förderte die Entfaltung von konfessionell und polit. engagierten A.n; sie wurden zu wichtigen Medien der polit. Meinungsbildung. Hervorragendes Beispiel eines polit. engagierten A.s ist der "Schweizer Bilder-Kalender" (Disteli-Kalender) von Martin Disteli, der zwischen 1834 und 1847 in Auflagen von bis zu 20'000 Exemplaren erschien. Neben den Nachfolgern der alten "Bauernkalender" (der "Hinkende Bote" erscheint bis heute), setzten sich seit der 2. Hälfte des 19. Jh. in verstärktem Masse A. durch, die gezielt eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ansprechen, so Altersgruppen, Interessen- und Berufsverbände. Von Bedeutung sind heute A. v.a. noch als verbindende Publikationen im regionalen und lokalen Rahmen.

Als A. im engeren Sinne wurden seit dem ausgehenden 18. Jh. kleinformatige Jahrbücher bezeichnet, die nach dem Vorbild des franz. "Almanach des muses" (ab 1765) und den versch. dt. Musenalmanachen und sog. Taschenbüchern (ab 1770) v.a. Gedichte, kleine Prosastücke belehrenden, literarischen erbauenden und unterhaltenden Inhaltes, Illustrationen und manchmal auch Musikstücke vereinigten. Der kalendar. Teil trat in diesen A. immer mehr in den Hintergrund. Als erster A. dieses Typus in der Schweiz gilt die vom Zürcher Johannes Bürkli 1780, 1781 und 1783 herausgegebene "Schweiz. Blumenlese". Ebenfalls von 1780 an erschien Salomon Gessners "Helvet. Calender", der bis 1798 das literar. Leben der Deutschschweiz mitprägte. Die Tradition des Musenalmanachs nahmen 1811 die Alpenrosen auf. In der französischspr. Schweiz wurden die "Etrennes helvétiennes et patriotiques" richtungweisend, die Philippe-Sirice Bridel ab 1783 in Lausanne herausgab.

<b>Almanache</b><br>"Etrennes helvétiennes et patriotiques, pour l'an de Grâce 1789", Nr. VII, Lausanne 1788 (Musée historique de Lausanne).<BR/>Die kleinformatige Publikation enthält einige Radierungen, die sich auseinanderfalten lassen. Für die Ausgabe von 1789 wählte der Verleger eine Ansicht der Tellskapelle. Die Jakobiner sollten später Wilhelm Tell in eine Reihe mit dem antiken Freiheitshelden Brutus stellen.<BR/>
"Etrennes helvétiennes et patriotiques, pour l'an de Grâce 1789", Nr. VII, Lausanne 1788 (Musée historique de Lausanne).
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Diese A., die zwischen 1770 und 1830 ihre grösste Verbreitung fanden, verdankten ihren Erfolg einem neuen Leseverhalten, das vermehrt nach kleinformatigen Büchern und auch im Literarischen kleinen Formen den Vorzug gab. A. sind Zeugen neuer Orte und Zeiten des Lesens und neuer Gruppen von Leserinnen und Lesern. Sie waren oft die Zielscheibe einer moralisierenden Kritik, die die "Leseseuche", von der man annahm, dass sie besonders auch unter den Frauen grassierte, und den damit verbundenen Müssiggang geisselten. Nach 1830, in einer sich ändernden gesellschaftl. Konstellation und in einem neuen verleger. und buchhändler. Umfeld, verloren die literar. A. an Bedeutung. Eine gezielte Ausrichtung auf Spezialinteressen oder klar umrissene Käuferkreise löste die auf alle Seiten offenen A. der Aufklärung und der Romantik ab.


Literatur
– H. Köhring, Bibl. der A., Kal. und Tb., 1929
– R. Ceschi, «Almanacchi ottocenteschi ticinesi», in L'Almanacco 1, 1982, 105-112
– M. Schweizer, L'almanach catholique de la Suisse française et quelques autres almanachs édités à Fribourg au XIXe siècle, 1982
– Y.-G. Mix, Kalender? Ey, wie viel Kalender!, Ausstellungskat. Wolfenbüttel, 1986
– K. Eder, T. Gantner, Bilder aus Volkskal., 1987, (mit Bibl.)
– L. Desponds, Messager boiteux, 1996
– Y.-G. Mix, A.- und Taschenbuchkultur des 18. und 19. Jh., 1996

Autorin/Autor: François de Capitani