Dialektliteratur

Jede der drei grossen Sprachregionen der Schweiz - die deutsche, französische und italienische - hat ihre eigene Mundartliteratur, allerdings von je unterschiedl. Bedeutung. Die Rätoromanische Literatur ist - vor der Schaffung der Standardsprache Rumantsch Grischun am Ende des 20. Jh. - bereits ihrem Wesen nach eine D. In der Westschweiz gibt es heute nur noch folklorist. Überreste; der Dialekt als solcher ist verschwunden. Hingegen zeigt die Literaturgeschichte der Deutschschweiz im 19. und 20. Jh. eine manchmal unerwartete Rückkehr der formalen und affektiven Werte des Dialekts: Abbild der sozialen und kulturellen Welt von früher auf dem Land oder in der Stadt (bei Rudolf von Tavel), inneres Universum in den lyrischen Texten bei Albert Streich, berndeutsche Übersetzung der "Odyssee" bei Albert Meyer, iron. Verbindung des Dialekts mit dem "korrekten Deutsch" in den polit. Gedichten bei Carl Böckli ("Bö") oder den Schnitzelbänken der Basler Fasnacht und die von der internat. Avantgarde inspirierten Wortspiele der modern mundart. Letztere blieb im Allgemeinen auf kürzere Gattungen beschränkt, wie das schon bei einem grossen Teil der Volksdichtung in der Romantik der Fall war. Hingegen zeichnen sich die Texte am Ende des 20. Jh. durch ihr kritisches Engagement gegenüber der modernen Welt aus, auch wenn sie gerne, wie bei Mani Matter, nahe am Alltagsleben bleiben. In den lyrischen Mundarttexten der italienischsprachigen Region ist eine ähnliche Entwicklung von der Folklore hin zu einer ausgeprägteren soziopolit. Stellungnahme und einer bewussteren Literarität zu beobachten.

Autorin/Autor: Manfred Gsteiger / CN

1 - Deutschschweiz

D. ist nur in einer Sprachgemeinschaft möglich, in der zwei deutlich divergierende Varietäten einer Sprache für verschiedene Funktionen verwendet werden (Diglossie). Deshalb konnte sich eine die Dialektvielfalt widerspiegelnde D. im Raum der Deutschschweiz erst etablieren, nachdem in der Eidgenossenschaft zu Beginn des 17. Jh. die Idee einer eigenen, mundartnahen Schriftsprache, der sog. eidgenössischen Landsprache, aufgegeben worden war (Deutsch).

Neben teilweise erst nachträglich verschriftlichten oralen Dichtungen im Dialekt (z.B. Anekdote, Spruch, Volkslied) findet sich schriftlich fixierter Dialekt in Luzerner Jesuitenspielen des späten 18. Jh. Frühe Zeugen einer eigenständigen D. sind die z.T. bis heute tradierten Lieder der Luzerner Geistlichen Josef Felix Ineichen und Jost Bernhard Häfliger, der Berner Gottlieb Jakob Kuhn und Johann Rudolf Wyss und des Olteners Alois Franz Peter Glutz.

Die Herausbildung einer breiten und reichen D. (Lyrik, Idylle, Theater, Prosa) im 19. Jh. lässt sich verstehen als gegen die international orientierte schriftsprachl. Kultur gerichtete, oft konservative Ziele verfolgende Bewegung. In ihr engagierten sich Angehörige der Bildungsschicht (Ärzte, Beamte, Geistliche, Lehrer), deren Anliegen die Bewahrung gefährdeter lokal- und regionalsprachlicher sowie nationaler Identität war. Getragen von der Sehnsucht nach dem Ursprünglichen und einer arkadischen Rückbesinnung, stützte sich die D. auf das volkstüml. Erzählgut und empfing starke legitimatorische Impulse von der hist. Sprachforschung. Während die Dialektidylle mit wichtigen Vertretern wie den Zürchern Johann Martin Usteri und August Corrodi sowie dem Baselbieter Jonas Breitenstein nur kurzen Bestand hatte, lebt die volksliedhafte, eine bäuerlich-handwerkl. Welt nicht selten verklärende Dialektlyrik, die im Schwyzer Meinrad Lienert und im Solothurner Josef Reinhart ihre wichtigsten Vertreter hatte, bis heute fort (Heimatliteratur). Auch das Dialekttheater, das vom anspruchslosen Rührstück und Schwank bis zum anspruchsvollen Bühnenstück (z.B. Jakob Bührer, Paul Haller, Hansjörg Schneider) und Festspiel alle Genres umfasst, ist, von Berufsensembles und Laiengruppen gepflegt, bis heute vital. Nachdem bereits der Glarner Cosmus Freuler und der Zürcher Oberländer Jakob Stutz Gespräche und Erzählungen aus dem Volksleben in Reim und Prosa verfasst hatten, etablierte sich an der Wende vom 19. zum 20. Jh. eine erzählende Dialektprosa, deren Hauptgenres bis in die neuste Zeit hist. und biograf. Werke sowie Dorf- und Bauerngeschichten bleiben. Als eigenständige Gattung erschien der Dialektroman mit den Bernern Rudolf von Tavel und Simon Gfeller sowie dem Klettgauer Albert Bächtold als wichtigsten Vertretern. Respektabel ist auch das Übersetzungsschrifttum (z.B. Hans Ulrich Schwaar). Wichtige Beiträge zur D. stellen das mit dem Aufkommen des Radios in den 1920er Jahren sich entwickelnde Dialekthörspiel und das dialektale Fernsehspiel dar.

Während des 2. Weltkriegs prägte die D. die Gedankenwelt der Geistigen Landesverteidigung in der Deutschschweiz entscheidend mit und hielt bis in die 1960er Jahre an ihr fest. Deshalb versuchte von den 1960er bis in die 80er Jahre die Bewegung der modern mundart, ausgehend von den Berner Lyrikern Kurt Marti und Ernst Eggimann, eine Neuorientierung im kulturpolit. Umfeld der gesellschaftl. Aufbruchbewegungen: Ablehnung von überkommenen formalen, inhaltl. und ideolog. Zwängen, kritische Zuwendung zum Zeitgeschehen und zur modernen Literatur, Experimente (z.B. Ernst Burren, Martin Frank). Gleichzeitig entstand das sehr populäre Mundartlied (z.B. Berner Troubadours um Mani Matter oder Toni Vescoli, Tinu Heiniger), aus dem sich in der Folge der Mundartrock und -pop sowie der Mundartrap entwickelte (z.B. Polo Hofer, Züri West, Patent Ochsner, Sina, Rään, Sendak, Wrecked Mob). Während diese modernen, gesungenen Formen weiterhin sehr beliebt sind, ist die Produktion von dialektaler Buchliteratur ab Mitte der 1980er Jahre markant zurückgegangen, erlebte aber zu Beginn des 21. Jh. wieder einen deutlichen Aufschwung.

Autorin/Autor: Christian Schmid

2 - Französische Schweiz

In der Westschweiz hat die Mundartdichtung keine ausgeprägte Tradition. Abgesehen von Kuhreihen und der "Chanson de l'Escalade" (Cé qu'é lainô = Derjenige, der dort oben ist = Gott), deren Worte nicht mehr verstanden werden, ist sie fast vollständig in Vergessenheit geraten. Die ältesten überlieferten Dialekttexte wurden im 16. Jh. im Waadtland und in Genf verfasst. Im Wallis, wo der Dialekt bis ins 21. Jh. lebendig blieb, datiert der erste erhaltene Text von 1785.

Die Genres sind vielfältig, erkennbar ist eine Vorliebe für Lieder und Gedichte. Verschiedene Texte enthalten spielerische Elemente, etwa die um 1520 in Vevey entstandenen "Farces", oder der "Conto dau craizu" (= Die Geschichte der Öllampe), ein 1730 verfasstes humorist. Gedicht aus Lausanne. Die aus Genf überlieferten Texte sind primär politischer oder identitätsbildender Natur: "Chansons de la complanta" (gegen den kath. Klerus, Anfang 16. Jh.), "Placard" von Jacques Gruet, in Genfer Mundart (gegen die prot. Pfarrer, 1547), "Chanson sur l'Escalade" (17.-18. Jh.), "Conspiration de Compesières" (1695), "Couplets sur la médiation" (1766). Als Prosatexte verdienen Erwähnung: "Lettre d'un batellier" (1767), "Lettre d'un Citoyen du Mandement" (1776) oder der "Dialogue sur l'Assemblée nationale" von Charles Pictet de Rochemont (1791). In Neuenburg befassten sich die ersten Schriften mit dem Problem der Nachfolge an der Spitze des Fürstentums 1707: "Harangue patoise de David Boyve" und "Reima dei chou du corti" (= Das Gedicht der Kohlköpfe im Garten), in welchem die Protagonisten mit Gemüse verglichen werden. Satirische Lieder kommentierten die Ereignisse in der 2. Hälfte des 18. Jh., während im 19. Jh. folkloristische und nostalgische Töne überwogen. Der wichtigste Text im Jura, die "Paniers" von 1735/36 - verfasst von Ferdinand Raspieler - ist eine Adaptation eines anonymen Gedichts aus Besançon. Das 19. Jh. brachte eine reiche Produktion an patriotischen und folklorist. Liedern hervor; das berühmteste ist zweifellos das "Chanson des Pétignats", das 1833 auf Französisch geschrieben und 1854 in Mundart übersetzt wurde. In Freiburg übersetzte der Notar Jean-Pierre Python 1788 die "Bucolica" von Vergil in Greyerzer Dialekt - der wichtigste literarische Versuch, die Mundartsprache in der Westschweiz zur Geltung zu bringen. Im 19. Jh. und zu Beginn des 20. Jh. hatten verschiedene Autoren (darunter Louis Bornet und Cyprien Ruffieux) einen gewissen Erfolg beim lokalen Publikum, das als einziges in der Lage war, die Sprache zu verstehen.

Autorin/Autor: Andres Kristol / CN

3 - Italienische Schweiz

In der ital. Schweiz gibt es vor dem 20. Jh. nur wenige bedeutende Zeugnisse der D. Zu den Ausnahmen gehört ein um die Mitte des 18. Jh. vom Luganeser Agostino Maria Neuroni, Bf. von Como, verfasster Mundarttext, der jedoch weniger für die Literaturgeschichte als für die Dialektkunde von Interesse ist. Beachtlich ist indes der Umfang an Dialektgedichten schon im 19. und v.a. zu Beginn des 20. Jh., obwohl für die Dialekte der mündl. Gebrauch charakteristisch ist. Die Mundartgedichte erschienen in Almanachen, auf Flugblättern oder in anderen Publikationen. Sie waren im Allgemeinen komischer oder politisch-satirischer Art oder geisselten je nach Modeströmung unterschiedliche sittliche und gesellschaftliche Zustände. Häufig entstanden sie nur als Gelegenheitswerke. Auch die späteren Texte (aus den 1930er Jahren von Enrico Talamona, Ulisse Pocobelli und anderen) bewegten sich auf bescheidenem Niveau (mit Ausnahmen wie Alina Borioli) und kamen kaum über die idyllische oder wehmütige Verklärung hinaus. Die Wende hin zu einer originelleren, in Form und Inhalten neuen D. erfolgte in den 1940er und 50er Jahren mit den Werken von Giovanni Bianconi und später von Pino Bernasconi, Giulietta Martelli Tamoni, Sergio Maspoli (v.a. Dialektkomödien), Ugo Canonica, Giovanni Orelli, Fernando Grignola, Elio Scamara oder Gabriele Alberto Quadri, die alle auf ihre Weise der Mundartdichtung zu neuer Würde verhalfen. Komplex und manchmal fruchtbar sind die Beziehungen zwischen Philologie und Mundartpoesie: Erwähnt sei nur die Studie von Carlo Salvioni über Emilio Zanini. Bei der Prosa ist primär auf Elio Solari hinzuweisen. Eine wichtige Rolle für die Verbreitung und den Erfolg des Dialekttheaters spielten auch - und spielen zum Teil noch heute - Radio und Fernsehen, ebenso wie zahlreiche lokale Theaterensembles.

Autorin/Autor: Redaktion / CN

Quellen und Literatur

Literatur
  • Deutschschweiz

    – O. von Greyerz, Die Mundartdichtung der dt. Schweiz, 1924
    – W. Haas, «Zeitgenöss. Mundartliteratur der dt. Schweiz», in Michigan Germanic Studies 1, 1980, 58-119
    – R. Ris, Bibl. der berndt. Mundartliteratur, 1989
    – C. Schmid-Cadalbert, «Entwicklungen und Tendenzen der neuen Mundartliteratur der dt. Schweiz», in Alemann.-schwäb. Mundartliteratur nach 1945, 1989, 99-123
    – D. Fringeli, «Agonie und neue Blüte. Die Mundartliteratur im Wandel», in Gesch. der deutschsprachigen Schweizer Lit. im 20. Jh., hg. von K. Pezold, 1991, 296-309
    – C. Schmid, «"Bach- und Wöschtag" - Deutschschweizer Mundartliteratur am Ende des 20. Jh.», in Gömmer MiGro?: Veränderungen und Entwicklungen im heutigen SchweizerDeutschen, hg. von B. Dittli et al., 2003, 193-204
  • Französische Schweiz

    – L. Gauchat, J. Jeanjaquet, Bibliographie linguistique de la Suisse romande 1, 1912
    – A. Burger, Cé qu'é lainô, 1952
    – Z. Marzys, «De la scripta au patois littéraire», in Vox romanica 37, 1978, 193-213
    La conspiration de Compesières, hg. von C. Barbier, O. Frutiger, 1988
    – R. Merle, Une naissance suspendue: l'écriture des "patois", 1991
    – O. Frutiger, «La conspiration de Compesières: le patois et la satire politique au XVIIe siècle à Genève», in Bull. de la Société d'histoire et d'archéologie de Genève, 1992, 15-32
  • Italienische Schweiz

    – G. Orelli, Svizzera italiana, 1986
    – F. Grignola, Le radici ostinate, 1995
    Cento anni di poesia nella Svizzera italiana, hg. von G. Bonalumi et al., 1997
    La poesia in dialetto, hg. von F. Brevini, 1999
    – H.W. Haller, The other Italy: the literary canon in dialect, 1999