• <b>Französisch</b><br>Titelseite der Abhandlung über die "Cacologie" von A. Péter, 1842 (Schweizerische Nationalbibliothek). Das Wort "Kakologie" setzt sich aus den griechischen Wörtern <I>kakos</I> (schlecht) und <I>logos</I> (Rede) zusammen. Das an die Jugend gerichtete Buch wollte den Gebrauch unreiner Ausdrücke in der französischen Sprache ausmerzen. Der in zwei Kolonnen dargestellte Text stellt systematisch – nach dem Prinzip "das sagt man nicht" beziehungsweise "so ist es richtig" – die falsche Wendung der korrekten gegenüber.
  • <b>Französisch</b><br>Die Französischfibel, deren Buchdeckel  Marcel Vidoudez  gestaltet hat, war für die Schüler der ersten Klasse der Waadtländer Primarschule bestimmt, 1949 (Schweizerische Nationalbibliothek). Diese Neuausgabe eines 1908 entstandenen ähnlichen Lehrmittels mit gleichem Titel wurde von den Primarlehrerinnen Berthe Mury, Marie-Louise Piccard und Geneviève Trezzini unter Mithilfe der Dichterin Vio Martin vollständig überarbeitet und bis 1969 regelmässig nachgedruckt.
  • <b>Französisch</b><br>Eine Seite aus Gustav Hubers Studie "Les appellations du traîneau et de ses parties dans les dialectes de la Suisse romane", publiziert in Heidelberg, 1916 (Schweizerische Nationalbibliothek). Das allmähliche Verschwinden der Dialekte und der Niedergang der Berglandwirtschaft in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts veranlasste die Sprachforscher, das an die Sachkultur des alpinen Raums gebundene Vokabular zu inventarisieren. Lange verwendeten die Bergbauern ein Transportmittel, halb Karren halb Schlitten, das am Hang stabiler war als ein vierrädriger Wagen. Wegen seiner Kufen, die vorn zu einer Lenkstange hochgebogen sind, wurde dieses Fahrzeug als "Schnecke" bezeichnet, und zwar sowohl in den deutschen Sprachregionen (<I>Schnägg</I>) wie in den romanischen (<I>chargosse</I>, aus <I>tsergosse</I> = <I>escargot</I>).

Französisch

F. ist neben Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch eine der vier Landessprachen der Schweiz. Die ersten drei gelten seit der Helvet. Republik (1798-1803) de facto als gleichberechtigte Amtssprachen; ihre Gleichstellung wurde in der Verfassung von 1848 festgeschrieben (Art. 109; Art. 116 BV 1874; Art. 70 BV 1999).

1 - Verbreitung

2000 war F. die Hauptsprache von 20,4% der Wohnbevölkerung in der Schweiz (1'485'056 bei einer Gesamtbevölkerung von 7'288'010). 21% der Bevölkerung mit schweiz. Nationalität und 18% der ausländ. Bevölkerung waren französischsprachig. Infolge einer bedeutenden Zuwanderung ausländ. Personen (Spanier, Portugiesen usw.) ging der Anteil der Französischsprachigen in der 2. Hälfte des 20. Jh. leicht zurück (1910: 21,1%). Vier Kantone sind offiziell französischsprachig; in ihnen überwiegt das F. deutlich: Jura (90% von 68'224 Einw.), Neuenburg (85,3% von 167'949 Einw.), Waadt (81,8% von 640'657 Einw.) und Genf (75,8% von 413'673 Einw.). Drei Kantone gelten als zweisprachig; sie liegen längs der Sprachgrenze und bestehen eigentlich aus zwei nahezu einsprachigen Teilen: Freiburg (franz. 63,2%, dt. 29,2%, 241'706 Einw.), Wallis (franz. 62,8%, dt. 28,4%, 272'399 Einw.) und Bern (franz. 7,6%, dt. 84%, 957'197 Einw.). Von den sechzehn Städten mit über 30'000 Einwohnern sind Genf, Lausanne, La Chaux-de-Fonds und Neuenburg französischsprachig. In ihnen leben grosse anderssprachige Minderheiten ausländ. Herkunft, in Genf z.B. viele Englischsprachige. Einen zweisprachigen Status haben Freiburg (2000: franz. 64%, dt. 21%) und Biel (2000: franz. 28%, dt. 55% ).

Seit den 1990er Jahren wird heftig diskutiert, ob in der Deutschschweiz weiterhin F. als erste Fremdsprache unterrichtet werden soll. Die Ostschweizer Behörden möchten, dass in der Schule zuerst Englisch gelernt wird, was die Stellung des Französischen schwächen würde. Appenzell Innerrhoden hat diesen Schritt im Schuljahr 2001-02 vollzogen, der Kt. Zürich folgt im Schuljahr 2005-06.

Autorin/Autor: Andres Kristol / EM

2 - Geschichte

Die Westschweiz wurde nach dem im 1. Jh. v.Chr erfolgten Einbezug ins röm. Herrschaftsgebiet romanisiert (Römisches Reich, Romanisierung). Die burgund. Ansiedlung im 5. Jh. hinterliess, abgesehen von einigen Ortsnamen (Endungen auf "-ens" bzw. "-ingôs" in den Kt. Waadt und Freiburg sowie v.a. im Juraraum), keine nennenswerten Spuren. Sprachlich gehören die meisten Westschweizer Mundarten wie diejenigen im Südosten Frankreichs und im Aostatal zum Frankoprovenzalischen. Einzig die Mundarten der Ajoie lassen sich der nordfranz. Sprachgruppe, der Langue d'oïl, zuordnen. Die durch die Westschweiz verlaufende Dialektgrenze geht wahrscheinlich auf die spätröm. Verwaltungseinteilung zurück, deren Grenzen im MA als Diözesangrenzen zwischen Lausanne und Besançon fortbestanden.

Bis ins 18. Jh. wurden die Westschweizer Mundarten in allen Gebieten und sozialen Schichten für die mündl. Kommunikation im Alltag verwendet. Gegen Ende des 18. Jh. liess der Mundartgebrauch zuerst in den ref. Städten nach. Der Niedergang der Dialekte beschleunigte sich im 19. Jh. mit der Verbreitung des F.en als Umgangssprache in den Städten und den am stärksten industrialisierten ländl. Gebieten (früherer Berner Jura, Neuenburg), in denen die letzten Dialektsprecher Anfang des 20. Jh. ausstarben. Im Kt. Waadt verbot das Schulgesetz von 1806 den Schülern und Lehrern, im Unterricht Patois zu sprechen. Anfang des 21. Jh. droht den angestammten Dialekten sogar in den konservativsten kath. und ländl. Gegenden (Wallis: 6,3% Dialektsprecher; Freiburg: 3,9%, v.a. im Greyerzerland; Jura: 3,1%) das endgültige Verschwinden.

Die Sprachgrenze zwischen der franz. und der dt. Schweiz hat sich in einem jahrhundertelangen Prozess ausgebildet. Die eigentliche alemann. Landnahme südlich des Rheins begann im 7. Jh., wobei ortsnamenkundl. Untersuchungen darauf hindeuten, dass die Assimilation der rom. Bevölkerung langsam und kontinuierlich voranschritt. Ende des 8. Jh. erreichte das Alemannische den Bielersee und das Saanetal, doch belegen zahlreiche Ortsnamen zwischen Aare und Saane eine spätere Germanisierung. Die Entstehung der Sprachgrenze im Wallis ist noch nicht eingehend erforscht. 1481, im Jahr seines Beitritts zur Eidgenossenschaft, erhob Freiburg, das stets zweisprachig gewesen war, das Deutsche zur offiziellen Kanzleisprache. Einige aristokrat. Familien deutschten ihren Geschlechtsnamen ein, doch die rom. Bevölkerung des Kantons germanisierte sich nicht. Ab Ende des 17. Jh., als das Prestige des F.en die Berner Patrizier frankophil werden liess, erinnerte sich Freiburg wieder seiner gallorom. Wurzeln, und seine Oligarchie kehrte gerne ihre Zugehörigkeit zur franz. Kultur- und Sprachgemeinschaft (francité) heraus.

Die letzten grösseren Verluste entlang der Sprachgrenze verzeichnete das Galloromanische in Murten, das sich nach der Annahme der Reformation 1530 Bern zuwandte und im Laufe des 16. Jh. zur dt. Sprache wechselte, und Ligerz am Nordufer des Bielersees, in dem sich das Deutsche zwischen dem 17. Jh. und der Mitte des 19. Jh. allmählich durchsetzte. Umgekehrt zogen im Laufe der Industrialisierung viele Französischsprachige nach Biel, das offiziell zweisprachig wurde. Seit Anfang des 20. Jh. ist die Grenze zwischen F. und Deutsch weitgehend stabil.

Die meisten der durch Binnenwanderung entstandenen alemann. Sprachinseln in der Romandie wurden resorbiert. Das Bestreben, der Deutschschweizer Mehrheit einen wirksameren kulturellen Widerstand entgegenzusetzen, war vielleicht mit ein Motiv für die Aufgabe der Westschweizer Dialekte im 19. Jh. Auf jeden Fall wurde dadurch die Assimilation der Binnenmigranten erleichtert. Infolge des Territorialitätsprinzips wechselten zahlreiche ursprünglich bern. Familien, die sich in der Waadt und vom 19. Jh. an auch im Jura niedergelassen hatten, zur franz. Sprache, wobei die allg. Schulpflicht und das höhere Prestige des F.en im Vergleich zu den alemann. Dialekten deren rasche Integration gefördert haben. In Sitten verlor das Deutsche Mitte des 19. Jh. seine Mehrheitsstellung, und der Anteil des F.en stieg von 60% 1880 auf 75% 1910. In Siders, in dem 1880 noch eine Mehrheit von 66% deutschsprachig war, überwogen 1910 die Französischsprachigen mit 66%. In Delsberg, das infolge der Industrialisierung viele Deutschschweizer angezogen hatte und 1880 noch zweisprachig gewesen war (franz. 1'654, dt. 1'228 Personen), erlangte das Französische wieder eine stabile Mehrheit (1990: franz. 9'442, dt. 450 Personen). Die Täufer bern. Herkunft, die vom Ende des 16. Jh. an von den Fürstbischöfen von Basel im Jura aufgenommen worden waren und lange abgekapselt gelebt hatten, öffneten sich zunehmend dem Einfluss ihrer französischsprachigen Umgebung. 1990 bestanden im Berner Jura nur noch drei kleinere ländl. Gemeinden mit einer deutschsprachigen Mehrheit (Mont-Tramelan, Châtelat und Rebévelier). Fast alle deutschsprachigen Schulen im Jura sind im Lauf des 20. Jh. verschwunden.

In der Westschweiz entwickelte sich nie eine eigentl. Schrifttradition auf der Grundlage der angestammten Dialekte; diese wurden immer hauptsächlich mündlich gebraucht. Im MA (13.-15. Jh.) richteten sich die in der Volkssprache abgefassten Verwaltungstexte in Freiburg, Neuenburg, Genf und im Jura nach den Sprachmodellen der kulturellen Zentren im benachbarten Frankreich (Dijon, Lyon), doch wiesen sie auch einige lokale Eigentümlichkeiten auf (Scripta "para-francoprovençale"). Bern liess die amtl. Texte, die für seine Untertanen im Waadtland bestimmt waren, ins F.e übersetzen. Im Wallis wurden die Schriftstücke der Rechtspflege und teilweise auch der Verwaltung bis zur Franz. Revolution lateinisch verfasst. Ab dem 16. Jh. entstanden sporadisch Texte in Frankoprovenzalisch (Dialektliteratur). Abgesehen von diesen wenigen Ausnahmen ist die gesamte Westschweizer Literatur seit ihren Anfängen (Otto III. von Grandson) in franz. Sprache gehalten. Mit ein Grund für diese Entwicklung war die Reformation, da Calvins Wirken namhafte franz. Humanisten und Drucker nach Genf zog.

Wie in den meisten französischsprachigen Gebieten verbreitete sich das F.e auch in der Westschweiz auf schriftl. Weg; die Kenntnis der Sprache musste durch bewusstes Lernen mit Hilfe von Büchern erworben werden. Bevor das F. sich als Sprache für die spontane Konversation durchsetzte, wurde es v.a. beim lauten Vorlesen verwendet. Die während der Reformation entstandene Schultradition in den ref. Kantonen trug dazu bei, dass man auch in den benachbarten Ländern Genf, Neuenburg und Lausanne als Zentren der francité wahrnahm, in denen ein gepflegtes F. gesprochen werde. Der Französischunterricht für Ausländer erlangte grosse Bedeutung, und im 19. Jh. beschäftigten viele vornehme Familien in Europa Genfer, Waadtländer und Neuenburger Gouvernanten.

<b>Französisch</b><br>Titelseite der Abhandlung über die "Cacologie" von A. Péter, 1842 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Das Wort "Kakologie" setzt sich aus den griechischen Wörtern <I>kakos</I> (schlecht) und <I>logos</I> (Rede) zusammen. Das an die Jugend gerichtete Buch wollte den Gebrauch unreiner Ausdrücke in der französischen Sprache ausmerzen. Der in zwei Kolonnen dargestellte Text stellt systematisch – nach dem Prinzip "das sagt man nicht" beziehungsweise "so ist es richtig" – die falsche Wendung der korrekten gegenüber.<BR/>
Titelseite der Abhandlung über die "Cacologie" von A. Péter, 1842 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Ständig bemüht um eine möglichst prestigeträchtige Sprache, sind die Westschweizer Intellektuellen stets darauf bedacht, die Reinheit des F.en zu bewahren. Der Kult des "guten" F. hat in der Westschweiz eine lange Tradition. In sprachpurist. Schriften, die in der ersten Hälfte des 20. Jh. in der Westschweizer Presse veröffentlicht wurden, tritt eine heftige Deutschfeindlichkeit zutage. Westschweizer Puristen kämpften mit allen Mitteln gegen echte und vermeintl. Germanismen und postultieren eine idealisierte Hochsprache, die sich allein am F. der Hauptstadt Paris orientiert. Gegenüber Regionalismen nahmen sie eine zwiespältige, manchmal unverhohlen feindl. Haltung ein, wobei sie im Mundartgebrauch - zu Unrecht - eine Bedrohung der sprachl. Reinheit sahen. Diese Sprachpolitik erweckte bei vielen Romands, die überzeugt waren, nicht das "richtige" F. zu sprechen, Schuldgefühle. Zudem verknappte sie die Ressourcen, aus denen sich die Weiterentwicklung der Sprache speist: Mit dem volksnahen, dem spontanen mündlichen Gebrauch entlehnten Sprachgut liess sich die Alltagswirklichkeit in mancherlei Hinsicht besser zum Ausdruck bringen als mit dem abgehobenen "Buchfranzösisch", das oft als die einzig "gute" Sprache galt.

<b>Französisch</b><br>Die Französischfibel, deren Buchdeckel  Marcel Vidoudez  gestaltet hat, war für die Schüler der ersten Klasse der Waadtländer Primarschule bestimmt, 1949 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Diese Neuausgabe eines 1908 entstandenen ähnlichen Lehrmittels mit gleichem Titel wurde von den Primarlehrerinnen Berthe Mury, Marie-Louise Piccard und Geneviève Trezzini unter Mithilfe der Dichterin Vio Martin vollständig überarbeitet und bis 1969 regelmässig nachgedruckt.<BR/>
Die Französischfibel, deren Buchdeckel Marcel Vidoudez gestaltet hat, war für die Schüler der ersten Klasse der Waadtländer Primarschule bestimmt, 1949 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Autorin/Autor: Andres Kristol / EM

3 - Regionalfranzösisch: Besonderheiten und Funktionen

Die langen Traditionen der Schriftsprache und der eigenständigen schul. Vermittlung erklären, weshalb sich in der Westschweiz einige vom Standardfranzösisch der Hauptstadt abweichende Archaismen erhalten haben. Die Bezeichnungen der drei Tagesmahlzeiten, déjeuner (Frühstück), dîner (Mittagessen) und souper (Abendessen), entsprechen dem Sprachgebrauch in Frankreich bis Anfang des 19. Jh. In der Aussprache sind die verlängerten Schlussvokale in Wörtern wie "journée" oder "amie", wie sie in der gepflegten Aussprache des Pariser F.en bis ins 18. Jh. üblich waren, teilweise gebräuchlich geblieben. Selbst der scheinbare Germanismus il a aidé à sa mère statt il a aidé sa mère (er half seiner Mutter) erweist sich bei genauerem Hinsehen als ein durch den Kontakt mit dem Deutschen gestärktes Relikt des alten Hochfranzösischen.

Der Gebrauch der franz. Sprache in der Westschweiz zog viele Anpassungen an die örtl. Verhältnisse nach sich. Helvetismen wie votation (Abstimmung) oder bourgeoisie (Bürgergemeinde) bezeichnen Phänomene aus dem polit. Leben, die in Frankreich so nicht vorkommen. Dies gilt auch für einige Germanismen wie les Neinsager. Der Ausdruck numéro postal (Postleitzahl) wurde in der Schweiz schon benutzt, bevor Frankreich, sich über den Sprachgebrauch in der übrigen Frankofonie hinwegsetzend, den Begriff code postal einführte. Erst seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jh. werden auch schweiz., belg. und kanad. Ausdrücke in die franz. Wörterbücher aufgenommen.

Ursprünglich war F. der Soziolekt der Pariser Oberschicht. Um die kommunikativen Bedürfnisse der diversen französischsprachigen Bevölkerungsgruppen abzudecken, musste diese Sprache in grossem Umfang Entlehnungen bei Dialekten und Regionalsprachen machen. Die meisten Ausdrücke für Phänomene aus den alpinen Regionen wie luge (Schlitten), varappe (Klettern), moraine (Moräne), névé (Firn), sérac (Eiszacken) und avalanche (Lawine) stammen beispielsweise aus dem Frankoprovenzalischen, aus Savoyen oder aus der Westschweiz. Einige gelangten über Rousseau in die Sprache der franz. Literatur. Die angestammten Mundarten erlaubten die präzise Beschreibung und Bezeichnung der materiellen Welt. Dieser Vorzug ist bis zu einem gewissen Grad auf das Regionalfranzösische übergegangen, das eine Ergänzung zur Hochsprache bildet. Solange regionale Besonderheiten wie carnotzet (Weinstübchen), raccard (Speicher) und bisse (Wasserkanal) im Wallis, armailli (Senn) im Greyerzerland und taillaule (spezielles Hefegebäck) in Neuenburg existieren, sind auch die entsprechenden Bezeichnungen notwendig.

<b>Französisch</b><br>Eine Seite aus Gustav Hubers Studie "Les appellations du traîneau et de ses parties dans les dialectes de la Suisse romane", publiziert in Heidelberg, 1916 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Das allmähliche Verschwinden der Dialekte und der Niedergang der Berglandwirtschaft in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts veranlasste die Sprachforscher, das an die Sachkultur des alpinen Raums gebundene Vokabular zu inventarisieren. Lange verwendeten die Bergbauern ein Transportmittel, halb Karren halb Schlitten, das am Hang stabiler war als ein vierrädriger Wagen. Wegen seiner Kufen, die vorn zu einer Lenkstange hochgebogen sind, wurde dieses Fahrzeug als "Schnecke" bezeichnet, und zwar sowohl in den deutschen Sprachregionen (<I>Schnägg</I>) wie in den romanischen (<I>chargosse</I>, aus <I>tsergosse</I> = <I>escargot</I>).<BR/>
Eine Seite aus Gustav Hubers Studie "Les appellations du traîneau et de ses parties dans les dialectes de la Suisse romane", publiziert in Heidelberg, 1916 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Neben seiner Hauptaufgabe, eben dem Bezeichnen regionaler Besonder- und Begebenheiten, hat das Regionalfranzösische auch eine identitätsstiftende und symbol. Funktion. Diese ist der Grund, weshalb in der Westschweiz hartnäckig an einigen Ausdrücken festgehalten wird, für die es im Standardfranzösischen exakte Entsprechungen gibt: galetas statt grenier (Estrich), pive statt cône du sapin (Tannzapfen) usw. Häufig wird quatre-vingts statthuitante verwendet, während sich septante und nonante neben soixante-dix und quatre-vingt-dix behaupten. Die Möglichkeit der Abgrenzung erklärt auch die liebevolle Pflege der zwischen den einzelnen Westschweizer Kantonen bestehenden sprachl. Unterschiede. Durch das Verschwinden der Dialekte verliert das Regionalfranzösische allerdings zunehmend den Nährboden. Dementsprechend lässt sich im Sprachgebrauch der Westschweizer Jugendlichen eine Abneigung gegen regionale Ausdrücke und das Auftreten von - häufig dem Englischen entlehnten - Wörtern und Wendungen aus der jeweils gerade angesagten Trendsprache beobachten.

Autorin/Autor: Andres Kristol / EM

Quellen und Literatur

Quellen
Documents linguistiques de la Suisse romande, hg. von E. Schüle et al., 1-, 2002-
Literatur
– H. Weigold, Unters. zur Sprachgrenze am Nordufer des Bielersees, 1948
– S. Sonderegger, «Die althochdt. Schweiz», in Sprachleben der Schweiz, hg. von P. Zinsli et al., 1963, 23-55
– C.T. Gossen, «La scripta "para-francoprovençale"», in Revue de linguistique romane 34, 1970, 326-348
– W. Müller, «A propos de la scripta fribourgeoise», in Vox romanica 40, 1981, 77-84
– P. Knecht, «Le français en Suisse romande», in Histoire de la langue française 1880-1914, hg. von G. Antoine, R. Martin, 1985, 381-389
Eidg. Volkszählung 1990. Sprachen und Konfessionen, 1993
– G. Manno, Le français non conventionnel en Suisse romande, 1994
– P. Knecht, «Le français en Suisse romande», in Histoire de la langue française 1914-1945, hg. von G. Antoine, R. Martin, 1995, 751-759
Francillon, Littérature 1, 1996
– P. Knecht, «La Suisse romande: aspects d'un paysage francophone conservateur», in Le français dans l'espace francophone, hg. von D. de Robillard, M. Beniamino, Bd. 2, 1996, 699-710
Dictionnaire suisse romand, hg. von P. Knecht, 1997 (22004, überarbeitete und erweiterte Neuausg.)