Jugendstil

Der Begriff J. bezeichnet eine künstler. Erneuerungsbewegung in Europa und Nordamerika, welche die umfassende Gestaltung der materiellen Kultur zum Ziel hatte. Der J. setzte um 1880 ein und dauerte bis 1914, womit er mit dem Aufkommen der industriellen Massenproduktion von Einrichtungs- und Gebrauchsgegenständen zusammenfiel. Der dt. Begriff J. knüpft an die Zeitschrift "Die Jugend" an, die ab 1896 in München publiziert wurde. Mehrere Schweizer wie Arnold Böcklin, Ferdinand Hodler, Paul Robert, Giovanni Segantini, Théophile Alexandre Steinlen, Félix Vallotton, Karl Walser und Albert Welti liessen in diesem Organ Reproduktionen ihrer Werke drucken. Der franz. Begriff art nouveau geht auf den Namen von Sigfried Bings Galerie in Paris zurück, für die Félix Vallotton zahlreiche graf. Arbeiten ausführte. Die Bezeichnung liberty lieh dem J. v.a. im ital. Sprachraum ihren Namen. Sie stammt von der Londoner Firma Liberty & Co., die sich anfänglich wie Bing auf die Einfuhr asiat. Kunst spezialisiert hatte. Daneben gab es zahlreiche weitere Bezeichnungen (modern style, style 1900, stile floreale, style métro, usw.), was darauf hinweist, dass der J. eine Modeerscheinung war, die sich in einem Klima des intensiven Wettkampfs international entwickelte.

Das ästhet. Programm des J.s stellte die "organische" - und nicht etwa die hierarchische - Durchdringung der versch. Künste und Kunsthandwerke in den Mittelpunkt, aber auch deren Berufung zur Schaffung einer harmon. Welt, die vollkommen der künstler. Kontrolle unterstand ("Gesamtkunstwerk"). Der J. setzte sich zum Ziel, die herkömml. Unterscheidung zwischen den schönen und den angewandten Künsten aufzuheben, da er in ihr die Ursache für die ästhet. Richtungslosigkeit der Industrieproduktion sah. Die wichtigsten Industriekantone zogen Experten aus Brüssel, Wien, Berlin und Weimar bei, um die Ausbildung an den Gewerbe- und Kunstgewerbeschulen zu reformieren. Der belg. Buchdrucker, Maler und Handwerker Jules de Praetere leitete die Reform der Schulen von Basel und Zürich. In La Chaux-de-Fonds regte Charles L'Eplattenier seinen Schüler Charles Edouard Jeanneret (Le Corbusier) zu einer Studienreise nach Deutschland an. Der Bericht, den Letzterer 1912 veröffentlichte, war für die zukünftigen Diskussionen richtungsweisend. Die Gründung des Schweizerischen Werkbundes 1913 und die Lancierung der Zeitschrift "Das Werk" 1914 trugen dazu bei, dass der J. in die breite Öffentlichkeit Eingang fand.

Im Zentrum der theoret. Debatten stand die Bedeutung des Ornaments. Weil handwerkl. Verrichtungen von mechan. Vorgängen abgelöst und neue Materialien eingesetzt wurden, veränderte sich die traditionelle Beziehung zwischen der Form der Erzeugnisse, ihrer Symbolik, ihrer materiellen Beschaffenheit und dem angewandten Herstellungsverfahren. Es wurde möglich, Gebrauchsgüter und Einrichtungsgegenstände, die zuvor Luxus gewesen waren, serienmässig und billig zu produzieren. Die Banalisierung dieser Luxusgüter führte jedoch zu einem Missverhältnis zwischen Erscheinungsbild und Funktion der Gegenstände. Einer solchen Diskrepanz suchte Gottfried Semper, Lehrer der Architekturschule am Polytechnikum Zürich, mit einer Reform der Entwurfsmethoden entgegenzuwirken. Sein Schüler Eugène Grasset setzte diese Anstrengungen in Paris fort. Er wurde zu einem der bedeutendsten Theoretiker des Ornaments ("Méthode de composition ornementale" 1905). Die Ästhetikdebatte schloss auch ein Nachdenken über die sozialen und polit. Dimensionen der Entfremdung von der Arbeit und ihrem Produkt ein. Dies erklärt, weshalb sich der J. nicht auf einen bevorzugten, spezif. Bereich beschränkte, sondern die graf. Künste, Bauhandwerke, Glasmacherkunst, Tischler- und Schmiedeisenkunst, Keramik, Textilien, Schmuck, Uhren u.a. einschloss. Im Gefolge des J.s entstanden die sog. Ligues pour la beauté, die sich für die Bewahrung des Charakters schützenswerter Bauwerke, Städte und Landschaften einsetzten (Heimatschutz).

Die Bestrebungen des J.s, die Ausdruckskraft des Ornaments zu erneuern und der Formgestaltung eine neue Strenge zu verleihen, waren weit davon entfernt, homogen zu sein. Deshalb kann man dem J. kein einheitl. Erscheinungsbild zuordnen. Das ständige Bemühen um eine organ. Einheit des Produkts und um seine harmon. Eingliederung in die Umgebung bezeugten den Widerstandswillen gegen die zentrifugalen Kräfte der Moderne (analyt. Rationalität, Arbeitsteilung, Schwinden der sozialen Solidarität usw.). Der J. schöpfte seine Legitimation aus den Lebensphilosophien des zu Ende gehenden 19. Jh. und zeichnete sich durch die symbol. Verwendung von Motiven aus, die der Natur entlehnt waren. Zwischen 1890 und 1914 erlebte der J. in der Schweiz eine beachtl. Blüte, sowohl in den rasch wachsenden Städten als auch in den Fremdenverkehrsregionen in den Alpen und an Seen, die ihre Hoteleinrichtungen nach dem Geschmack des reichen, aus Nordeuropa stammenden Bürgertums modernisierten.


Literatur
– J. Gubler, «Switzerland, the Temperate Presence of Art Nouveau», in Art Nouveau Architecture, 1979, 159-170 (mit Bibl.)
– K. Medici-Mall, Das Landhaus Waldbühl von M.H. Baillie Scott, 1979
– G. Borella, «Il Liberty nel Ticino», in Il Liberty italiano e ticinese, Ausstellungskat. Campione d'Italia, 1981, 207-210
INSA
– L. Henderson, Der J. in Davos, [1983]
– P.-F. Michel, Jugendstilglasmalerei in der Schweiz, 1986
– I. Rucki, Das Hotel in den Alpen, 1989
AH 11
Une menuiserie modèle, 1992
– C. Melk-Haen, Hans Eduard von Berlepsch-Valendas, 1993
– H. von Roda, Die Glasmalereien von Józef Mehoffer in der Kathedrale St. Nikolaus in Freiburg i.Ue., 1995
Clement Heaton, 1861-1940, Ausstellungskat. Neuenburg, 1996
1900: Symbolismus und J. in der Schweizer Malerei, Ausstellungskat. Solothurn; Bellinzona, Sitten, 2000
Une expérience art nouveau: le style sapin à La Chaux-de-Fonds, hg. von H. Bieri Thomson, 2006
– P. Felder, Medaillenkunst des J.s, 2006

Autorin/Autor: Sylvain Malfroy / PTO