• <b>Heimatstil</b><br>Erweiterungsprojekt für den Kursaal Interlaken von  Paul Bouvier.  Aquarellierter Aufriss der Gartenfassade, 1898 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege). Dieses bauliche Ensemble verkörpert die architektonischen Reformbestrebungen, die Paul Bouvier an der Landesausstellung von 1896 in Genf und in der Schweizer Sektion der Weltausstellung von 1900 in Paris umgesetzt hatte. Im Gegensatz zu diesen für eine befristete Dauer erstellten Bauten überdauerte der Interlakner Kursaal die Zeit ohne grossen Schaden. Seit 1986 steht er unter eidgenössischem Denkmalschutz.

Heimatstil

Der H. - als Begriff in der Deutschschweiz seit 1910 bekannt und vom Kunsthistoriker Peter Meyer später als Stilbezeichnung verwendet - ist eine auf lokalen und regionalen Bautraditionen wurzelnde, Historismus und Jugendstil überwindende Baukunst auf dem Weg zur Moderne. Er erfasste 1905-14 alle Baugattungen, um in den 1920er Jahren (Zweiter H.), in den 1940er Jahren (Landistil) und bis in die Gegenwart (Regionalismus) in modifizierten Neuauflagen zurückzukehren. In jüngerer Zeit setzte sich auch in der Westschweiz und im Tessin für die nach 1900 entstandene Reformarchitektur der dt. Begriff H. durch, während die ältere Literatur noch wahlweise "style national", "modern style" und "style suisse" verwendete. Othmar Birkner schlug 1975 in Anlehnung an Finnland den Begriff "Nationale Romantik" vor. Ausserhalb der Schweiz sind für dasselbe Phänomen andere Bezeichnungen wie z.B. "Heimatschutzstil" oder "Le Régionalisme" gebräuchlich.

Der H. machte sich die bürgerl. Sehnsucht nach den eigenen, ländl. Wurzeln zunutze. Man entdeckte heim. Bautraditionen, baute z.B. Engadiner, Berner oder Neuenburger Häuser. Es ging nicht mehr darum, den international bekannten "Schweizerhäuschenstil" der alpinen Holzbauweise (Schweizer [Holz-]Stil, Chaletstil), der oft mit dem H. verwechselt wird, neu aufzulegen, auch nicht um die formale Nachahmung der äusseren Form, sondern um die Anwendung örtl. Baustoffe und heim. Handwerkstraditionen. "Beauté et patrie" lautete die Losung: Schönheit durch geschnitztes Holz, behauenen Stein und geschmiedetes Eisen war patriot. Pflicht, ein ausladendes Dach, Sprossenfenster und Erker ästhet. Norm, Einfachheit und Bescheidenheit architekton. Tugend. Der H. erhob die regionale "Altschweizer Baukunst" mit ihren Bürgerhäusern und Bauernhäusern vor 1800 zum Vorbild für modernes Bauen. Eine nationale Architektur sollte lokale Schätze heben. Eng verbunden war der H. mit dem frühen Heimatschutz, der im Bestreben, eine neue schweiz. Baukultur zu entwickeln, sich auch auf Bewährtes besann.

Die Wurzeln des H.s liegen in der Hirten-und Agrarromantik des 19. Jh. Als spätromant. Reaktion auf die moderne Industriegesellschaft durchzog den H. ein patriotischer, grosstadtfeindl. "Dörfligeist". Er wurde 1896 mit dem Village suisse auf der Landesausstellung in Genf salonfähig, trat 1900 auf der Weltausstellung in Paris mit Finnland in Konkurrenz und entwickelte sich 1914 mit dem sog. Dörfli auf der Landesausstellung in Bern zur nationalen Pflicht. Der H. war im Grossen und Kleinen omnipräsent: Er manifestierte sich im Alpenschloss (Château Mercier in Siders), der Trafostation, dem Wasserkraftwerk, dem Landbahnhof, dem Touristenhotel oder dem Brunnentrog mit heim. Blumen- und Tierdekor. Das Hauptgewicht lag im Wohnbau (Ein- und Mehrfamilienhäuser) und im Schulhausbau, wo die Reformpädagogik eine neue, kindgerechte Architektur und Bilderwelt zur Folge hatte.

<b>Heimatstil</b><br>Erweiterungsprojekt für den Kursaal Interlaken von  Paul Bouvier.  Aquarellierter Aufriss der Gartenfassade, 1898 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege).<BR/>Dieses bauliche Ensemble verkörpert die architektonischen Reformbestrebungen, die Paul Bouvier an der Landesausstellung von 1896 in Genf und in der Schweizer Sektion der Weltausstellung von 1900 in Paris umgesetzt hatte. Im Gegensatz zu diesen für eine befristete Dauer erstellten Bauten überdauerte der Interlakner Kursaal die Zeit ohne grossen Schaden. Seit 1986 steht er unter eidgenössischem Denkmalschutz.<BR/>
Erweiterungsprojekt für den Kursaal Interlaken von Paul Bouvier. Aquarellierter Aufriss der Gartenfassade, 1898 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege).
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Ab 1901 waren ideolog. Einflüsse aus England, Belgien und Deutschland vorhanden. Heimatschutzkreise pflegten auch Beziehungen nach Finnland, wie der aus Helsinki kopierte Badische Bahnhof in Basel von Karl Coelestin Moser zeigt. Typische H.-Architekten waren Nicolaus Hartmann in Graubünden, Armin Witmer-Karrer in Zürich, Karl Indermühle in Bern, Alphonse Laverrière in Lausanne und Edmond Fatio in Genf. In La Chaux-de-Fonds zeugen frühe Bauten von René Chapallaz und Le Corbusier im Style sapin von einer gelungenen Verbindung zwischen Heimat- und Jugendstil (Villa Fallet, 1907). Die H.-Ideologie wurde aufgrund modernster Öffentlichkeitsarbeit via Architektenverbände (SIA, Bund Schweizer Architekten), Wettbewerbe (1908 für einfache schweiz. Wohnhäuser) und Printmedien ("Heimatschutz", "Die Schweiz. Baukunst") erfolgreich in allen sozialen Schichten propagiert. Dazu kamen die von Heimatschutzkreisen initiierten nationalen Inventarisationswerke zur Schweizer Profanarchitektur in ihrer kant. Ausprägung, so das 1901-03 in mehreren Bänden publizierte, reich illustrierte Bauernhausverzeichnis oder die vom SIA 1907 lancierte Bürgerhausreihe.


Literatur
– G. Fatio, Augen auf!: Schweizer Bauart alter und neuer Zeit, 1904 (franz. 1904)
Heimatschutz, 1906-
– R. Anheisser, Altschweiz. Baukunst, 1906-07
– H. Baudin, Villen und Landhäuser in der Schweiz, 1909
– O. Birkner, Bauen + Wohnen in der Schweiz 1850-1920, 1975, 202 f.
– D. Le Dinh, Le Heimatschutz, une ligue pour la beauté, 1992
– S. Martinoli«Tra Heimatstil e razionalismo», in AST, Nr. 133, 2003, 29-48
– E. Crettaz-Stürzel, H., 2 Bde., 2005
Une expérience art nouveau: le style sapin à La Chaux-de-Fonds, hg. von H. Bieri Thomson, 2006

Autorin/Autor: Elisabeth Crettaz-Stürzel