• <b>Historismus (Kunst)</b><br>Landesmuseum Zürich, Ausführungsplan des Architekten  Gustav Gull   vom Juni 1892. Aufriss der Hoffassade und Schnitte der Seitenflügel (Schweizerisches Nationalmuseum). Die Bauaufgabe eines Historischen Museums regte den Architekten an, die wesentlichen Motive der Zivil-, Militär- und Sakralarchitektur in einem Bau mit enzyklopädischem Charakter zu vereinen. Der Zweck war nicht nur ein architektonisch-monumentaler, sondern auch ein didaktischer: Den Besuchern wie auch den Schülern der Kunst- und Gewerbeschule, die bis 1933 im Nordostflügel des Komplexes untergebracht war, sollten Vorbilder vor Augen geführt werden.

Historismus (Kunst)

Der Begriff H. leitet sich vom engl. Wort historicism ab und umschreibt die Bewegung, die in Architektur und Kunst ab 1850 zu versch. Wiederbelebungen (revivals) hist. Stilformen führte. Als Oberbegriff für einzelne Erscheinungen und Zeitabschnitte umfasst der H. sowohl die engl. Begriffe picturesque und Victorian wie den ital. stile Umberto, die Stile der franz. Herrscher Louis-Philippe und Napoleon III. (second Empire) sowie jenen des bayr. Kg. Maximilian II., ausserdem die dt. Begriffe Romantik, Rundbogenstil und Neurenaissance. Dem H. zeitlich vorangegangen sind der Klassizismus und die Neugotik. Im Unterschied zu diesen zielte der H. nicht auf die archäologisch getreue Nachahmung vergangener Stile, sondern auf die Schaffung eines dem 19. Jh. eigenen, neuen Stils. Um 1860 erreichte der H. seinen Höhepunkt mit der Ausbildung einer stilpluralist. Architektur, die den "freien Umgang mit der gesamten Baugeschichte" (César Daly) postulierte und zum Ziel hatte, einen der grossbürgerl. Gesellschaft des 19. Jh. adäquaten Stil zu schaffen. Diese Epoche wird gemäss dem Ergebnis ihrer Bestrebungen auch als Stilpluralismus (Eklektizismus) bezeichnet. Sie wurde zu Beginn des 20. Jh. durch Reformbewegungen abgelöst, die wie im Falle des Heimatstils heim. Werktraditionen aufgriffen und lokale Werkstoffe einsetzten oder, im Gegensatz dazu, die Möglichkeiten der industriellen Produktion auszuloten suchten (Jugendstil, Schweizerischer Werkbund, später Neues Bauen).

Autorin/Autor: André Meyer

1 - Die Entstehung des Historismus

Am Anfang des H. trat das Phänomen auf, dass um 1800 mit Klassizismus und Neugotik zwei Stilrichtungen nebeneinander bestanden, womit Architektur und Kunst erstmals als eine Reihe vielfältiger stilist. Entwicklungen begriffen wurden. Die daraus abgeleitete Frage nach dem "richtigen Stil" wurde ab 1820 in ganz Europa diskutiert. Ausgehend von den gegensätzl. Prinzipien der Balken- und Bogenkonstruktionen plädierte Heinrich Hübsch in seiner Schrift "In welchem Style sollen wir bauen?" (1828) für einen sich an frühchristl., byzantin. und rom. Architektur anlehnenden Rundbogenstil, während Christian Ludwig Stieglitz die Auffassung vertrat, dass der griech. und der got. Stil - letzterer wurde damals als genuin deutsch aufgefasst - dem Rundbogenstil gleichwertig gegenüberstünden ("Beiträge zur Geschichte der Ausbildung der Baukunst" 1834). 1835 definierte Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seinen "Vorlesungen über Ästhetik" die Kunstgeschichte als eine Folge gleichwertiger Stile. In England wurde die Stildiskussion von Thomas Hope angeführt, der schon 1807 die Antwort auf die Frage nach einem engl. Nationalstil in einem rational begründeten Eklektizismus sah.

Neben die Stilfrage trat jene nach der Farbigkeit in der Architektur (Polychromiestreit). Sie war zuerst archäologisch bestimmt und wurde um 1820 zum Instrument der Kritik am Klassizismus. Wortführer waren Jacques Ignace Hittorff ("De l'architecture polychrome chez les Grecs" 1830) und Gottfried Semper ("Vorläufige Bemerkungen über bemalte Architectur und Plastik bei den Alten" 1834). Letzterer erkannte den dem 19. Jh. angemessenen neuen Stil in der Verbindung von H. und Farbigkeit.

Autorin/Autor: André Meyer

2 - Historismus in der Schweiz

Zur Verbreitung des H. in der Schweiz trugen die um 1830 aufkommenden Architekturzeitschriften, Bildungsreisen und die Ausbildung von Schweizer Architekten in München, Berlin, Paris und Mailand bei. Mit Gottfried Semper wurde 1855 ein grosser Theoretiker und führender Entwurfsarchitekt an das Eidg. Polytechnikum in Zürich berufen. Sempers Tätigkeit in der Schweiz markiert die erste Phase des schweiz. H. Sie zeichnet sich durch eine klassizistisch anmutende, zurückhaltende Formgebung aus, die im Wesentlichen auf der freien Übernahme der ital. Renaissance-Architektur beruht. Zu Sempers wichtigsten Bauten in der Schweiz gehören das Polytechnikum in Zürich (1858-64), das Stadthaus in Winterthur (1865-68) und das Geschäftshaus Fierz in Fluntern (heute Gem. Zürich, 1865-68). Zu den wichtigsten Bauten des H. in der Schweiz zählen zudem der Hauptbahnhof Zürich (von Jakob Friedrich Wanner, 1865-71), das ehem. Bundesgericht in Lausanne (von Benjamin Recordon, 1881-86), das ehem. Verwaltungsgebäude der Gotthardbahn in Luzern (von Gustav Mossdorf, 1886-88), die Kirche Enge in Zürich (von Alfred Friedrich Bluntschli, 1892-94), das Schweiz. Landesmuseum in Zürich (von Gustav Gull, 1892-98), und das Bundeshaus in Bern (Westteil von Friedrich Studer, 1852-57, Ostteil 1888-92, Mittelteil 1894-1902, beide von Hans Auer).

<b>Historismus (Kunst)</b><br>Landesmuseum Zürich, Ausführungsplan des Architekten  Gustav Gull   vom Juni 1892. Aufriss der Hoffassade und Schnitte der Seitenflügel (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Die Bauaufgabe eines Historischen Museums regte den Architekten an, die wesentlichen Motive der Zivil-, Militär- und Sakralarchitektur in einem Bau mit enzyklopädischem Charakter zu vereinen. Der Zweck war nicht nur ein architektonisch-monumentaler, sondern auch ein didaktischer: Den Besuchern wie auch den Schülern der Kunst- und Gewerbeschule, die bis 1933 im Nordostflügel des Komplexes untergebracht war, sollten Vorbilder vor Augen geführt werden.<BR/><BR/>
Landesmuseum Zürich, Ausführungsplan des Architekten Gustav Gull vom Juni 1892. Aufriss der Hoffassade und Schnitte der Seitenflügel (Schweizerisches Nationalmuseum).
(...)

Auch renommierte ausländ. Architekten bauten in der Schweiz: Pierre Joseph Edouard Deperthes die Kirche St. Peter und Paul in Bern, Eugène Emmanuel Viollet-le-Duc die schott. Kirche in Lausanne, George Edmund Street die engl. Kirchen von Mürren, Lausanne und Vevey sowie Friedrich Schmidt die Hauptpost in Basel. Die Engländer Sir Joseph Paxton und George Henry Stokes errichteten 1858 nach franz. Vorbildern in Pregny-Chambésy das Maison Rothschild. Der unmittelbare Einfluss des franz. H. setzte sich in der Schweiz jedoch erst im letzten Viertel des 19. Jh. durch, zuerst in der Westschweiz, wo Jacques-Elisée Goss ab 1862 in Genf Villen, Wohnhäuser und öffentl. Bauten (u.a. das Grand Théâtre, 1874-79) errichtete, kurze Zeit später auch in der Deutschschweiz. Hier erbaute Jakob Friedrich Wanner 1872-76 das Bankgebäude der Schweiz. Kreditanstalt am Paradeplatz in Zürich. Die Wiener Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer errichteten ebenfalls in Zürich 1890-91 das Opernhaus und 1893-95 die Tonhalle in üppiger neubarocker Formensprache. Neben den Konzert- und Theaterbauten verkörperte in der 2. Hälfte des 19. Jh. das Grand Hotel mit einer schwülstigen Mischung von Formen der Spätrenaissance und des franz. Barocks den H. franz. Prägung.

Grossbürgerl. Lebensgefühl, die Freude an der Repräsentation, die Lust am Aussergewöhnlichen und der Optimismus der späten Gründerjahre drängten den H. Ende des 19. Jh. zu einem den bürgerl. Massengeschmack repräsentierenden Universalstil romant.-eklekt. Prägung (Bürgerhaus). Unter dem Architekten Heinrich Honegger-Näf entstand in Zürich in Seenähe das Weisse Schloss (1890-93), ein Gebäudekomplex mit zerklüfteter Silhouettenwirkung und eklekt. Formensprache. Am Alpenquai (heute General-Guisan-Quai) erbaute Heinrich Ernst das Rote Schloss (1891-93), einen aus mehreren Häusern bestehenden schlossartigen Wohnkomplex in üppig wuchernden Louis-XIII-Formen.

Bei allen Ansätzen zur Regionalität bildete der H. in der Schweiz sowenig wie andernorts einen nationalen Stil aus, auch nicht bei Verwaltungs- und Staatsbauten. Trotz nationaler Färbungen zeigt auch das im Stil und Formenvokabular eines überdimensionierten Hotels der Belle Epoque erbaute Bundeshaus in Bern, dass es sich bei der eklekt. Baukultur des H. letztlich nicht um ein nationales, sondern um ein internat. Phänomen, um den Stil des 19. Jh. schlechthin handelt.

Autorin/Autor: André Meyer

Quellen und Literatur

Literatur
– H.-R. Hitchcock Die Architektur des 19. und 20. Jh., 1994 (engl. 1958)
– J. Gantner, A. Reinle, Kunstgesch. der Schweiz 4, 1961
– A. Meyer, Neugotik und Neuromanik in der Schweiz, 1973
– O. Birkner, Bauen + Wohnen in der Schweiz 1850-1920, 1975
– C. Mignot, Architektur des 19. Jh., 1983
– P. Bissegger, Le Moyen Age romantique au Pays de Vaud, 1825-1850, 1985
– R. Flückiger-Seiler Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen, 2001 (22005)

Autorin/Autor: André Meyer