Klassizismus

K. ist ein europ. Epochenbegriff (franz. néoclassicisme, ital. neoclassicismo ), der v.a. für Architektur und bildende Kunst zwischen 1760 und 1850 gebraucht wird. Louis XVI., Empire, Directoire, Goût grec, Revolutionsarchitektur, Vorromantik, Romantik, Klassik, Geniebewegung, Goethezeit, Sturm und Drang sowie Biedermeier bezeichnen Teilphänomene des K. in versch. Kulturräumen und Kunstgattungen. Der K. entstand als Gegenbewegung zum Rokoko und mündete im Historismus (Kunst). Seine drei Wurzeln (Natur, Vernunft und Antike) hat er im Rationalismus, sein inneres Kennzeichen ist der Wunsch nach Prinzipien, sein formales Vorbild die röm.-griech. Antike. Die Vertreter des K. glaubten wie Jean-Jacques Rousseau, Kunst und Gesellschaft seien ursprünglich frei und gut gewesen und hätten somit Vorbildcharakter für die Jetztzeit.

Die 1761 gegr. Helvetische Gesellschaft kultivierte den schweiz. Freiheitsmythos mit Republikanismus, alpiner Hirtenidylle (Hirtenvolk) und Tell-Mythos. Albrecht von Haller und Salomon Gessner leisteten mit den Gedichten "Die Alpen" (1729) bzw. "Idyllen" (1756) die literar. Vorbereitung. Im Philhelvetismus wurden Schweizerreisen zur europ. Selbstverständlichkeit. Die Aufklärung trug sowohl nationalist. wie kosmopolit. Züge: In Zürich standen Johann Jakob Bodmer, Johann Jakob Breitinger, Johann Kaspar Lavater, Salomon Gessner und Johann Heinrich Füssli im Geistesaustausch mit der dt. Elite (u.a. mit Johann Joachim Winckelmann, Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried Herder, Friedrich Gottlieb Klopstock). Aus Genf, dem Einfallstor für das franz. Geistesleben, wirkten Voltaire und Rousseau europaweit. In Coppet unterhielt Madame Germaine de Staël einen Pariser Exil-Salon. In Rom gehörten Schweizer Künstler zu den internat. Kreisen um Winckelmann oder Giovanni Battista Piranesi.

Die Bauten des K. zeichnen sich durch blockhafte Monumentalität und sparsames Dekor aus. Die meist dorischen Säulenordnungen waren konstruktiv bedingt. Der Hochklassizismus (1780-1830) strebte zu geometr. Formen wie Kubus, Zylinder und Kugel. Auf der Suche nach Klarheit dominierten die Gerade und der rechte Winkel. Doch genau dann, als die Kurve im Namen der Vernunft aus der Architektur verbannt wurde, hielt sie Einzug in die neuen Landschaftsgärten (Gärten). Berühmtes Beispiel ist die Eremitage in Arlesheim (1785).

Wichtige Bauten des Frühklassizismus (1760-80) sind die St. Ursenkirche in Solothurn und das Haus zum Kirschgarten in Basel. Für den Hochklassizismus können die Casa Albertolli (heute Banca Nazionale) in Lugano, das Palais Eynard in Genf und die Hauptwache in Zürich genannt werden. Das Collège latin in Neuenburg, die Neumünsterkirche in Zürich und das Museum an der Augustinergasse in Basel sind typ. Bauten des Spätklassizismus (1830-50). Hauptmeister des K. waren im Ausland (Paris, Rom, Karlsruhe, München) geschulte Architekten wie Melchior Berri, Christoph Riggenbach und Amadeus Merian in Basel, Hans Caspar Escher, David Vogel, Leonhard Zeugheer und Gustav Albert Wegmann in Zürich, Felix Wilhelm Kubly in St. Gallen, Carl Ahasver von Sinner und Johann Daniel Osterrieth in Bern, Samuel Vaucher in Genf sowie Pierre Adrien Pâris und Joseph Antoine Frölicher in Neuenburg. Pâris schuf mit dem Neuenburger Rathaus (1784) das herausragendste Bauwerk des Schweizer K. und errichtete 1783 am Vierwaldstättersee das erste Schweizer Nationaldenkmal, einen Obelisken mit Wilhelm Tells Apfelschuss (zerstört).

Ein besonderer Schauplatz klassizist. Baukunst, zu dessen Ausstrahlung ab den 1760er Jahren (Herrschaftszeit von Zarin Katharina II.) ganze Generationen von Tessiner Bauunternehmern, Baukünstlern und Architekten einen wichtigen Beitrag lieferten, war das kaiserl. Russland mit seinen beiden Hauptstädten Moskau und St. Petersburg. Die meisten dieser Baumeister erwarben ihre Erfahrung unmittelbar auf den Bauplätzen und durch das Selbststudium weniger Architekturtraktate (u.a. von Andrea Palladio, Jacopo da Vignola, Francesco Milizia), deren Regeln sie in der Praxis unmittelbar umsetzten. Einzelne waren später als entwerfende Architekten erfolgreich und wurden sogar Hofarchitekten wie Luigi Rusca. Im beginnenden 19. Jh. traten andere als vollausgebildete Architekten auf, wie Domenico Gilardi, der die Accademia di Brera in Mailand besucht hatte.

In der Malerei schliessen sich Realismus und Romantik nicht aus. Mit Jean-Etienne Liotard, Jean-Daniel Huber, Jean-Pierre Saint-Ours, François Diday, Alexandre Calame und Barthélemy Menn errang Genf in diesem Bereich eine führende Position. Volks- und Geschichtsbilder (Ludwig Vogel, Wolfgang-Adam Töpffer), Trachtengemälde (Joseph Reinhart) oder Tierbilder (Jacques-Laurent Agasse) sind Ausdruck der Sehnsucht nach dem Ländlich-Ursprünglichen und National-Geschichtlichen. Die Vedutenproduktion der Schweizer Bergwelt erfüllte die Bedürfnisse ausländ. Besucher. Neben den Kleinmeistern erlangten einige andere Künstler internat. Bekanntheit, so Johann Heinrich Füssli, Angelika Kauffmann und Anton Graf. Namhafte Bildhauer des K. waren Valentin Sonnenschein, Freund Johann Kaspar Lavaters, der im Kreis um Goethe verkehrende Alexander Trippel aus Schaffhausen, dessen Schüler Joseph Maria Christen, James Pradier aus Genf, der Tessiner Vincenzo Vela sowie Heinrich Max Imhof und Johann Jakob Oechslin, beide Schüler von Bertel Thorvaldsen. Das Hauptwerk klassizist. Bildhauerkunst ist das nach einem Modell von Thorvaldsen geschaffene Löwendenkmal in Luzern: Die Idee des Monuments für geopferte Männer-Helden ist heroisch, der Einbezug der Natur romantisch.


Literatur
– J. Gantner, A. Reinle Kunstgesch. der Schweiz 3-4, 1956-61
– B. Carl, K., 1770-1860, 1963
Préromantisme en Suisse?, hg. von E. Giddey, 1982
– L. El-Wakil, Bâtir la campagne, 2 Bde., 1988-89
– E. Castellani, «K. in Neuenburg zwischen 1760 und 1860», in K+A 46, 1996, 415-421
– C. Amsler, Maisons de campagne genevoises du XVIIIe siècle, 2 Bde., 1999-2001
Melchior Berri 1801-1854, Ausstellungskat. Basel, 2001
Dal mito al progetto, Ausstellungskat. Lugano, 2 Bde., 2003
– T. Loertscher, Zürcher und Nordostschweizer Möbel, 2005
– P. Bissegger D'ivoire et de marbre, 2007

Autorin/Autor: Elisabeth Crettaz-Stürzel