Romanik

Der Begriff "architecture romane" wurde 1818 vom franz. Archäologen Charles de Gerville geprägt und um 1830 durch Sulpiz Boisserée ins Deutsche übernommen. Er bezeichnet die Baukunst des HochMA zwischen ca. 1000 und 1200. Durch die sprachl. Anbindung an das Römische sollte die damit bezeichnete Architektur analog zu den Nachfolgesprachen des Lateins nicht mehr als Niedergang, sondern als Fortentwicklung bewertet und zugleich eine neue Klammer zwischen den Gebieten des einstigen röm. Imperiums postuliert werden. In den versch. Regionen bestehen freilich unterschiedl. Vorstellungen und Bezeichnungen insbesondere bezüglich der Anfänge; so gibt es selbst im deutschsprachigen Raum keinen Konsens darüber, ob die otton. Kunst zur vor- oder frührom. Kunst zu zählen ist. Da auch die Abgrenzung zur nachfolgenden Gotik in vielen Regionen und gerade in der Schweiz nicht leicht fällt, behalf man sich zur Charakterisierung der Kunst des späten 12. und frühen 13. Jh. lange Zeit mit dem Begriff des "Übergangsstils". Dieser findet sich auch in Johann Rudolf Rahns "Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz von den ältesten Zeiten bis zum Schlusse des MA" (1876), welche die erste umfassende Darstellung der rom. Kunst im Gebiet der Schweiz enthielt. Ihr folgte 1936 der erste Band in Joseph Gantners "Kunstgeschichte der Schweiz", die in überarbeiteter Form 1968 durch Adolf Reinle erneut publiziert wurde. Dazwischen war 1958 der Schweizer Band der grossen Romanik-Reihe des Verlags Zodiaque ("La nuit des temps") erschienen, der 1996 als bisher letzter Übersichtsband zur R. in der Schweiz eine Neubearbeitung erfuhr.

Autorin/Autor: Hans-Rudolf Meier

1 - Romanische Architektur

Wirtschaftl. und demograf. Prosperität führten im 11. und 12. Jh. zu einem mit dem Landesausbau und dem Wiedererwachen der Städte verbundenen Bauboom. In Städten, Dörfern und Klöstern entstanden flächendeckend neue Kirchen (Kirchenbau). Waren es anfänglich im 11. Jh. hauptsächlich die benediktin. Reformorden, die Sakralbauten erstellten - Cluny mit Romainmôtier und Payerne, später Hirsau mit Allerheiligen in Schaffhausen -, so war das 12. Jh. geprägt von den Grossbauten in den Städten. Alle fünf Bischofskirchen im Gebiet der Schweiz (Basel, Chur, Genf, Lausanne, Sitten) erfuhren in der 2. Hälfte des 12. Jh. einen Neubau, in denen neben dem voll entfalteten Formenrepertoire der rom. Kunst aber auch bereits deren Ablösung durch die Gotik sichtbar wird.

Die Schweiz, in der sechs Kirchenprovinzen aufeinandertreffen, lässt sich formengeschichtlich grob drei Regionen zuordnen, der Lombardei, dem Burgund und dem süddt. Raum, wobei es in diesem Transit- und Kommunikationsraum vielfältige Überschneidungen gab und beispielsweise lombard. Formen und Bauleute noch im 12. Jh. auch im deutschsprachigen Raum geläufig bzw. tätig waren (Grossmünster in Zürich). Generell überwog bautypologisch in der R. bei grösseren Bauten die dreischiffige Basilika mit Querhaus und erhöhtem Chor (oft mit darunterliegender Krypta), bei kleineren Kirchen der Saalbau. Die einzelnen Raumteile werden additiv aneinander gefügt, Vorhalle, Lang- und Querhaus, Chor und Apsis treten nach aussen als klar erkennbare Baukörper in Erscheinung. Überragt werden sie von hohen, bei wichtigen Bauten auch von mehreren Türmen, die im Tessin als Campanili zuweilen frei neben der Kirche stehen. Schon im 11. Jh. wurde in der Lombardei und v.a. im Burgund mit der Überwölbung auch grösserer Räume experimentiert, was in der Schweiz die Abteikirchen Payerne (Längstonne mit Fenstereinschnitten) und Romainmôtier (Kreuzgratgewölbe) belegen. Das in der Regel sorgfältig gefügte Mauerwerk wurde innen und aussen zunehmend mit plast. Dekor verziert. Charakteristisch für das Kirchenäussere sind vertikale Gliederungen mittels Lisenen, die entlang der Traufe durch Blendbogen miteinander verbunden sind. Einen Aufschwung und Höhepunkt erlebte die Kapitellplastik: Neben streng geometr. Formen wie die Würfelkapitelle süddt. Reformklöster und Nachbildungen antiker Kapitellformen traten - wiederum von lombard. und burgund. Vorbildern angeregt - figürlich verzierte Kapitelle und Friese. Im 12. Jh. fanden diese auch in der Portaldekoration Verwendung; mit der Galluspforte des Basler Münsters wurde dann erstmals der Typus des Portals mit Gewändefiguren im deutschsprachigen Raum rezipiert. Figürlich verziert wurden auch die Chor und Laienschiff trennenden Schranken- und Lettneranlagen; Beispiele dafür sind die sog. Aposteltafel in Basel und die Apostelsäulen in Chur.

Von der zeitgleichen Profanarchitektur zeugen noch zahlreiche, nicht selten grossflächige, mehrteilige Burganlagen, die oft an wichtigen Verkehrswegen liegen (z.B. Serravalle, Mesocco, Chillon und Thun) und in der Regel von kräftigen Türmen dominiert werden (Burgen und Schlösser). Steinerne Türme aus dem HochMA konnten in den letzten Jahrzehnten durch die Bauarchäologie auch vielerorts als Wohnsitze der städt. Oberschicht nachgewiesen werden.

Autorin/Autor: Hans-Rudolf Meier

2 - Bildende Künste

Auch in den bildenden Künsten haben sich in der Schweiz bedeutende Zeugnisse aus der R. erhalten. In der Skulptur sind neben der Bauplastik frühe Beispiele der dreidimensionalen Repräsentation menschl. Körper in grossfigurigen Reliefs und Freiplastiken zu nennen (Bildhauerei). Die drei Grabmäler der Nellenburger Grafen in Allerheiligen in Schaffhausen gehören zu den ältesten Beispielen figürl. Grabplatten des MA überhaupt. Grössere Verbreitung erfuhr in dieser Zeit die vollplast. Holzskulptur; bevorzugte Themen waren der Gekreuzigte - zuweilen flankiert von Maria und Johannes - sowie die Muttergottes mit Kind. Den performativen Einsatz von Skulpturen in Prozessionen veranschaulicht der auf einem Esel reitende Christus einer Palmsonntagsgruppe aus Steinen. Neben der Stein- und Holzplastik ist die Goldschmiedekunst gut repräsentiert. Bedeutend für die R. ist dabei insbesondere der Stiftsschatz in Saint-Maurice, wo mehrere hausförmige Heiligenschreine, aber auch ein Kopfreliquiar von der kostbaren und kunstvollen Fassung von Reliquien zeugen. Prächtige Goldverzierungen erfuhren mitunter auch Altäre; herausragendes Beispiel dafür ist das heute im Musée de Cluny in Paris aufbewahrte Goldantependium (Verkleidung des Altarunterbaus) aus dem Basler Münsterschatz, auf dem neben Christus und den Aposteln das kaiserl. Stifterpaar Heinrich II. und Kunigunde dargestellt ist.

Vom einst reichen Bilderschmuck der Kirchen zeugen aber v.a. zahlreiche Reste rom. Wandmalerei (Malerei). Das Themenspektrum beschränkt sich auf bibl. Darstellungen der Schöpfungsgeschichte (Muralto), Szenen der Christusvita zur Apostelgeschichte (Müstair) und - besonders häufig - Darstellungen des Weltenrichters. Verschiedentlich haben sich auch die Auftraggeber der Malereien am Rande des bibl. Geschehens mit abbilden lassen. Singulär ist die vollständige Erhaltung der Bilderdecke in der rom. Kirche von Zillis. Die 153 Felder mit der Geschichte von Christus und dem Titelheiligen Martin sind ein einzigartiges Zeugnis früher Tafelmalerei. Mit dem Marienfenster aus Flums (im Landesmuseum) ist zudem ein selten frühes Beispiel figürl. Glasmalerei überliefert. In den Skriptorien der Benediktinerklöster von Schaffhausen, Einsiedeln, Muri und Engelberg entstanden in der rom. Zeit zahlreiche illustrierte Handschriften (u.a. die Riesenbibel von Einsiedeln).

Quellen und Literatur

Literatur
– V. Gilardoni, Il Romanico, 1967
– J. Gantner, A. Reinle, Kunstgesch. der Schweiz 1, 21968
– H. Horat, Sakrale Bauten, 1988
AH 5
– H.-R. Meier, Rom. Schweiz, 1996, (mit Bibl.)
– R. Böhmer, Spätrom. Wandmalerei zwischen Hochrhein und Alpen, 2009, (mit Bibl.)

Autorin/Autor: Hans-Rudolf Meier