• <b>Gold- und Silberschmiedekunst</b><br>Quelle: Angaben von Hanspeter Lanz  © 2004 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Gold- und Silberschmiedekunst

Die G. umfasst die künstler. Verarbeitung von Gold und Silber zu Gegenständen des kult. und tägl. Gebrauchs sowie zu Schmuck. Dabei werden als Techniken das Schmieden, Giessen, Ziselieren, Punzieren und Gravieren angewendet (Metallverarbeitende Handwerke).

Goldschmiedearbeiten sind im Gebiet der heutigen Schweiz von der frühen Bronzezeit (2200-1500 v.Chr.) an belegt. Neben wenigen Schmuckstücken ist der Goldbecher aus Eschenz (Frauenfeld, Hist. Museum) zu nennen. Zu Beginn der Eisenzeit (um 750 v.Chr.) dürfte die Goldschale von Altstetten entstanden sein (Zürich, Schweiz. Landesmuseum). Der in nahezu ungebrauchtem Zustand bei Erstfeld gefundene Schatz besteht aus vier Halsringen und drei Armspangen (Zürich, Schweiz. Landesmuseum). Mit weiteren Schmuckobjekten gehört der Schatz - Handelsgut oder Opfergabe - in den Kontext der kelt. Kultur. Die Verwendung der genannten Gegenstände bleibt ebenso ungeklärt wie die Frage, ob damals im Gebiet der Schweiz eine namhafte Goldschmiedeproduktion bestanden hat. Strabon erwähnte den Goldreichtum der Helvetier, des in der Schweiz ansässigen Keltenstamms. Man kann davon ausgehen, dass Gold lokal in den Flüssen gewonnen wurde. Silberminen von Bedeutung sind keine bekannt.

Als herausragende, ausserhalb der Schweiz hergestellte Beispiele von G. aus der Römerzeit gelten neben Schmuckfunden die Goldbüste des Mark Aurel in Avenches (Lausanne, Musée cantonal d'archéologie et d'histoire) und der um 350/351 n.Chr. vergrabene Schatz von Kaiseraugst (Augst, Römermuseum), ein weitgehend komplettes Tafelservice von grosser Bedeutung für die spätröm. Kultur- und Kunstgeschichte. Die Inschrift eines Grabaltars, der in Amsoldingen gefunden wurde, nennt die Goldschmiede Camillius Polynices und dessen Sohn Camillius Paulus.

Aus dem FrühMA sind Goldschmiedearbeiten hauptsächlich aus Grabfunden bekannt. Neben oftmals mit Glas oder Almandinen eingelegten Fibeln aus Gold, Silber oder Bronze traten reich ornamentierte Gürtelgarnituren und Schnallen aus Eisen mit Silbertauschierung zu Tage. Sie sind typisch für die von Burgundern und Alemannen besiedelten Gebiete, d.h. für die Westschweiz und das Mittelland.

Die frühma. Kirchen bildeten mit ihrer Architektur, Malerei und liturg. Ausstattung ein künstler. Ganzes, das der Vermittlung der Predigt dienen sollte (Frühmittelalterliche Kunst). In diesem Kontext sind auch Goldschmiedearbeiten in berühmten christl. Zentren zu interpretieren, etwa im Umfeld der Bischofssitze Basel, Chur und Sitten, des Klosters St. Gallen oder der Abteien Moutier-Grandval und Saint-Maurice. Beispiele sind die berühmte goldene Altartafel von Basel (Paris, Musée de Cluny) und der Sittener Reliquienschrein, die beide aus Kunstzentren ausserhalb der Schweiz stammen. Die Reliquienschreine und das Candidushaupt in Saint-Maurice wurden in der dortigen Klosterwerkstätte gearbeitet. Für den Bucheinband zum "Evangelium longum" in St. Gallen ist mit Mönch Tuotilo ein Goldschmied und Elfenbeinschnitzer namentlich überliefert.

Mit dem Erstarken der Städte und der beginnenden Organisation des Handwerks im 13. und 14. Jh. nehmen die schriftl. Quellen zu. Während für eine Gruppe bedeutender Goldschmiedearbeiten mit transluziden Emails um 1300-50 aus dem Basler Münsterschatz (Basel, Hist. Museum) und aus dem Stiftsschatz in Beromünster der genaue Enstehungsort und die Werkstätte im Oberrhein-Bodenseegebiet unbekannt sind, lassen sich wenig später entstandene und erhalten gebliebene Werke einzelnen Meistern zuordnen. So Stücke aus dem Basler Münsterschatz Heinrich Schwitzer (um 1430-50) und Georg Schongauer aus Basel - wobei Letzterer 1487-88 auch die Monstranz und das Vortragekreuz der Pfarrkirche Pruntrut gefertigt hat -, die Monstranz der Kirche St. Martin in Altdorf (UR) dem Zürcher Niklaus Müller (1511), die gleichzeitig entstandene Reliquienbüste der Sainte-Victoire Peter Reynhart aus Freiburg (Freiburg, Musée d'art et d'histoire) und das Georgsreliquiar in der Pfarrkirche von Estavayer-le-Lac Antoine Bovard aus Lausanne (1520-21). Vom verschollenen Bernhardsreliquiar des Klosters St. Urban, geschaffen von Urs Graf dem Älteren, sind gravierte Silberplatten erhalten geblieben (Zürich, Schweiz. Landesmuseum; London, British Museum).

Profane Goldschmiedewerke aus dem MA sind weitgehend verloren. Das bedeutende Ensemble von drei Trinkschalen und einem Doppelkopf (zwei aufeinandergesteckte Pokale) aus dem Kloster St. Andreas in Sarnen (Zürich, Schweiz. Landesmuseum) ist erhalten geblieben, weil es früh in Klosterbesitz kam. Versch. Schalen, die teilweise wohl aus der Burgunderbeute stammen, werden in Liestal (Rathaus), Solothurn (St.-Ursen-Kathedrale), Le Landeron (Musée de l'hôtel de ville), Bern (Hist. Museum), Arth (Pfarrkirche) und Schwyz (Staatsarchiv) aufbewahrt.

Vom 16. Jh. an wurden die Goldschmiedearbeiten mit Orts- und Meistermarken versehen. Zentren von überregionaler Ausstrahlung waren Basel und Zürich, in geringerem Masse auch Bern. Bedingt durch die Reformation verlor die Westschweiz mit den ehem. Bischofsstädten Genf und Lausanne an Bedeutung, was für die ref. Städte Basel, Bern und Zürich nicht gilt. Die Produktion für die Kirche kam dort zwar weitgehend zum Erliegen, der wirtschaftl. Aufschwung ermöglichte aber dem daran beteiligten Bürgertum, Goldschmiedewerke für den persönl. Gebrauch oder für die kollektive Selbstdarstellung der Zünfte und Korporationen zu erwerben. Die Produktion in der Schweiz beschränkte sich aber nicht auf die genannten Städte, sondern ist auch in kleinen Orten nachzuweisen. Ausnahmen bilden das Tessin und Graubünden, wo nur für Chur und Reichenau Goldschmiede überliefert sind. Während sich die Goldschmiede der deutschsprachigen Schweiz nach den Zentren Nürnberg, Augsburg und nach Holland orientierten, standen die Goldschmiede der Westschweiz unter franz. Einfluss. In Genf entwickelte sich im 17. Jh. eine Luxusproduktion im Bereich von Emailarbeiten, Uhrgehäusen (Uhrenindustrie) und Golddosen, begünstigt durch den Zustrom hugenott. Goldschmiede, die 1685 aus Frankreich vertrieben worden waren. Durch diese kam es in der Westschweiz allgemein zu einem Aufschwung des Goldschmiedehandwerks, Genf und Lausanne entwickelten sich zu Basel und Zürich ebenbürtigen Zentren. Anstelle der silbervergoldeten barocken Trinkgefässe, wie wir sie bis heute auf den Zunfttafeln und in Bürgerschätzen der verschiedensten Schweizer Städte und in den jeweiligen Museen antreffen, trat silbernes Tafelgeschirr und Besteck nach franz. Vorbild.

<b>Gold- und Silberschmiedekunst</b><br>Quelle: Angaben von Hanspeter Lanz  © 2004 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>
Orte der Goldschmiedeproduktion 13.-18. Jahrhundert

Das Arbeiten mit halbindustriell gefertigten Bestandteilen und frühe Serienproduktion führte im 19. Jh. u.a. Georg Adam Rehfues ein, der ab 1808 in Bern eine Werkstatt mit bis zu 50 Mitarbeitern betrieb. Die einzige, bis heute bestehende Silberwarenfabrik der Schweiz entwickelte sich ab 1822 mit der Firma Jezler & Cie. in Schaffhausen, wo schon für das 18. Jh. eine bedeutende Goldschmiedeproduktion dokumentiert ist. Hervorragende Werkstätten der 2. Hälfte des 19. Jh. und des frühen 20. Jh. sind die Ateliers Bossard in Luzern und Sauter in Basel. Bedeutende Goldschmiedearbeiten des Historismus stammen aus diesen beiden Werkstätten (u.a. Basel, Hist. Museum; Zürich, Schweiz. Landesmuseum).

Im 20. Jh. nahm die Produktion von kirchl. Goldschmiedearbeiten nochmals einen Aufschwung, besonders im Atelier Burch (1925-67) in Luzern und ab 1932 in Zürich. Hier prägte der Silber- und Goldschmied Max Fröhlich bis in die 1970er Jahre die Absolventen der Metallklasse der damaligen Kunstgewerbeschule und schaffte selbst funktional wie künstlerisch vollendete Arbeiten für den kirchl. und privaten Gebrauch. Ebenfalls im 20. Jh. setzte sich die Arbeitsteilung zwischen dem Silber- und dem Goldschmied durch, ebenso die begriffl. Differenzierung. War das Schmuckschaffen (Bijouterie) in der Schweiz, abgesehen von Genf, vorher unbedeutend und nicht aus dem Kontext der allg. Goldschmiedewerkstatt zu lösen, begann es sich als eigener Bereich im Verlauf der 1920er Jahre zu profilieren. Ende des 20. Jh. waren Goldschmiede fast ausschliesslich in der Schmuckgestaltung tätig.


Literatur
– D.F. Rittmeyer, Gesch. der Luzerner Silber- und Goldschmiedekunst von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1941
UFAS
Weltl. Silber, 1977
– E.-M. Lösel, Zürcher Goldschmiedekunst, 1983
Schätze der Basler Goldschmiedekunst 1400-1989, Ausstellungskat. Basel, 1989
AH 8
Gold der Helvetier, Ausstellungskat. Zürich, 1991
Orfèvrerie neuchâteloise, Ausstellungskat. Neuenburg, 1993
– C. Ulmer, Schaffhauser Goldschmiedekunst, 1997
Das kelt. Schatzkästlein, Ausstellungskat. Bern, 1999
Weltl. Silber 2, 2001
Silberschatz der Schweiz, Ausstellungskat. Karlsruhe, 2004
– C. Hörack L'argenterie lausannoise des XVIIIe et XIXe siècles, 2007

Autorin/Autor: Hanspeter Lanz