04/12/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken

Kunsthandwerk

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Der Begriff K. wird oft als Synonym für Kunstgewerbe verwendet, einem im 19. Jh. entstandenen Terminus. Das traditionelle K. umfasst unter künstler. Aspekten hergestellte Gebrauchsgegenstände, deren Funktion, Form und Material gleichermassen zur Beschaffenheit eines schönen, zuweilen einzigartigen Gegenstands beitragen. Dabei werden verschiedene handwerkl. Techniken angewendet (u.a. Bijouterie, Glasmalerei, Gold- und Silberschmiedekunst, Metallverarbeitende Handwerke, Textilkunst, Ofenbau). Unter dem verwandten Begriff angewandte Kunst wird neben der handwerkl. auch die maschinelle und industrielle Herstellung solcher Produkte verstanden.

Der mit dem K. verbundene künstler. Gestaltungswille ist Ausdruck einer Gegenreaktion auf die Industriekultur des 19. Jh. Kunsthandwerkl. Gegenstände müssen einerseits Erfordernisse hinsichtlich Form, Ausführung und Ornamentik erfüllen, andererseits als Gesamtes funktional sein. In der Ornamentik lässt sich ein bestimmter Stil erkennen, der die ästhet. Vorlieben des Zielpublikums widerspiegelt, aber auch die normativen Regeln, die allmählich den "guten Geschmack" formen und eine entsprechend hochwertige Produktion hervorbringen sollen.

Das K. wird hier weder anhand seiner Erzeugnisse noch aufgrund deren anthropolog. und ethnolog. Funktion dargestellt, sondern als Ausdruck einer schrittweisen Entstehung der Schweiz. Zwei Gesichtspunkte werden dabei ins Auge gefasst, einerseits der ausländ. Einfluss und dessen Ausprägung im Inland, andererseits der Fortbestand oder die Wiederbelebung des einheim. Ornamentenbestands. Der ausländ. Einfluss zeigte sich meist in der Übernahme eines Stils, konnte aber auch von zugezogenen Künstlern ausgehen. In den regionalen oder örtl. Besonderheiten des K.s manifestieren sich zugleich die bürgerl. Kultur des Landes und die dahinter verborgene Volkskunst. Zudem zeigt sich darin die Wirkung der grossen franz., dt. und ital. Schulen, deren spezif. Merkmale lange vor dem 18. Jh. einflossen.

Kennzeichnend für das 18. Jh. ist das Weiterbestehen des Renaissance- und Barockstils im deutschsprachigen Teil des Landes und der rasche Vormarsch des franz. Geschmacks in der Westschweiz. Möbel und Ziergegenstände widerspiegelten sehr oft die polit., gesellschaftl. und wirtschaftl. Lage der städt. Gemeinden. In grossen Städten, in denen Zünfte (Zürich), Patriziat (Bern) oder Kaufleute (Basel und Genf) den Ton angaben, bildete sich eine Kundschaft mit eigenem Geschmack, die mit ihren Bestellungen einen bestimmten Stil förderte. Die mit den Aufträgen betrauten Handwerksmeister übten ihrerseits einen nachhaltigen Einfluss auf die umliegenden Werkstätten aus. Manche, wie die Berner Kunsttischler Funk, exportierten sogar ins Ausland. Allerdings waren solche Einflüsse eher gering, so dass sich ein bestimmter Geschmack in den versch. Bevölkerungsschichten nur langsam und ungleichmässig ausbreitete. Hingegen konnte die Entwicklung auch in Schüben verlaufen: Oft hatte das Verhalten eines geschmackssicheren Mäzens einen entscheidenden Einfluss auf die Produktion in einer Stadt oder in einer Gegend. So waren etwa die Werke des Monogrammisten HS (Möbel, getäfelte Decken) in Graubünden und in der Ostschweiz des 16. Jh. stark verbreitet. Als Offiziere in fremden Diensten moderne Möbel (Sekretäre, Beistell- und Konsolentische aus Paris) in die Schweiz importierten, eröffnete dies neue Gestaltungsmöglichkeiten, die von den Handwerkern übernommen wurden wie die höf. Formensprache. Um 1700 begann beispielsweise die Herstellung von Kommoden im lombard. Stil, und Ende des 18. Jh. gab es in Zürich (Schooren) und Nyon Porzellanfabriken, die den grossen europ. Manufakturen in nichts nachstanden (Keramik). Dasselbe Phänomen zeigt sich bei Glas- und Silberwaren, Kunstschmiedearbeiten, Kleidermode usw. Obwohl sich diese von den Städten ausgehenden Entwicklungen in ländl. Gegenden häufig langsamer vollzogen und manche Neuheiten sich erst mit Verspätung durchsetzten, waren hochmoderne Gegenstände nicht selten auch in bescheidensten Heimstätten anzutreffen.

Die in der Renaissance einsetzende Auflösung der Zünfte hatte zur Folge, dass das K. eine Zeit lang als zweitrangige künstler. Tätigkeit galt. In der Romantik schloss das Interesse für die Vergangenheit auch das K. mit ein. Der eklekt. Historismus kam in Mode und entwickelte sich Ende des 19. Jh. zu einer Vielzahl von vorzugsweise "nationalen" Stilen. Erst mit dem Aufkommen des industriellen Designs wurde die Trennung von bildender Kunst und K. allmählich aufgeweicht. Zahlreiche Weltausstellungen in der 2. Hälfte des Jahrhunderts priesen die Mechanisierungsprozesse, die Handwerk und Industrie versöhnen sollten, und trieben die Entstehung nationaler Schulen (z.B. Thuner Majolika) voran, indem sie die Erforschung alter Techniken förderten. Ausserdem entstanden im 19. Jh. Kunstgewerbemuseen, in denen die aus versch. Epochen stammenden Erzeugnisse menschl. Einfallsreichtums ausgestellt wurden. In deren Umkreis bildeten sich Kunstschulen wie 1874 die Kunstgewerbeschule Winterthur.

Einige Kunsttheoretiker traten für ein hochwertiges Schweizer Handwerk ein, womit sie dem K. zumindest anfänglich eher schadeten. Sie vermochten sich der Alpenidylle der Bauern, die gleichzeitig Künstler waren, nicht zu entziehen und konnten daher Volkskunst und K. begrifflich kaum unterscheiden. Das beste Beispiel für diese Vermischung ist die Wohnungseinrichtung der Berner Oberländer Fam. Trauffer. In diesem Interieur vereinigten sich auf ungewöhnl. Art und Weise Elemente der Volkskunst, die der alpinen Sagenwelt (Bären, Waldvögel usw.) entnommen waren, mit den ästhet. Massstäben einer internat. Kundschaft, welche hohe Beachtung fanden. Diese Einrichtung, die an mehreren Weltausstellungen als rustikal beurteilt wurde, entsprach kaum dem damals vorherrschenden Geschmack. Ab Mitte des 19. Jh. musste das Schweizer K. offenbar dem romant. Bild der Alpen Folge leisten und damit dem eklektizist. Geschmack einer Kundschaft, die noch in den Erinnerungen an die Grand Tour schwelgte, Rechnung tragen. Andererseits trugen auch die neu gegr. Kunstgewerbemuseen ihren Teil zur Verwirrung bei: Kunstgegenstand und Industrieprodukt liessen sich häufig schwer unterscheiden, wie etwa die ersten Sammlungen des Lausanner Industriemuseums 1862 zeigen. Dementsprechend wurde das K. zuweilen unwillkürlich als blosses Handwerk eingestuft (z.B. Sammlung von Heinrich Angst im Landesmuseum).

Der Unterricht Gottfried Sempers am Eidg. Polytechnikum in Zürich (1855-70), wo dieser zur qualitativen Verbesserung der Industrieproduktion aufrief, trug wesentlich zur Reform des K.s bei. Um die Wende zum 20. Jh. gab es Vorstösse aus versch. Richtungen, die schliesslich zur Aufhebung der Grenze zwischen K. und bildender Kunst führten. Der franz. Jugendstil, die Wiener Sezession und die engl. Arts-and-Crafts-Bewegung fanden Anklang, was die Gründung des Schweizerischen Werkbundes und seines Pendants in der Westschweiz (L'Œuvre) nach sich zog und dem Funktionalismus den Weg bereitete. Im Heimatwerk, das 1930 ins Leben gerufen wurde, scheint wohl heute noch ein nationalist. Ansatz durch, der während des 2. Weltkriegs im sog. Landistil (Heimatstil) zum Ausdruck kam. Trotz der vermeintl. Krise des K.s zeichneten sich vielversprechende neue Richtungen ab.


Literatur
Kdm
Trésors de l'artisanat en Suisse romande, hg. von U. Claren, 1979
– P. Erni, Die gute Form, 1983
AH 8; 11
The Journal of Decorative and Propaganda Arts 19, 1993, (Swiss Theme Issue)
Made in Switzerland, Ausstellungskat. Lausanne, 1997
Fonction - Fiction, Ausstellungskat. Neuenburg, 2002

Autorin/Autor: Pierre-Alain Mariaux / EM