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Design

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Der moderne D.-Begriff hängt mit dem Aufkommen der industriellen Fertigung im 19. Jh. und der damit verbundenen Trennung von Entwurf und Ausführung zusammen. D. wurde im Lauf der Geschichte unterschiedlich definiert. Bis Mitte des 20. Jh., als der Begriff geprägt wurde, war im deutschsprachigen Raum u.a. von "industrieller Formgebung" und "Produktgestaltung" die Rede. Heute wird unter D. Entwurf und Planung von serienmässig hergestellten Produkten und Dienstleistungen verstanden. Darunter fällt ein breites Wirkungsfeld von zweidimensionalen (Grafik-, Interface-D.), dreidimensionalen (Industrie-, Textil-, Interior-, Packaging-D. usw.) sowie prozessorientierten (Service-, Kommunikations- und Transport-D., D.-Management) Gestaltungsaufgaben. D.-Produkte werden durch eine Anmeldung beim Eidg. Institut für Geistiges Eigentum geschützt.

Der Historismus prägte im 19. Jh. auch die schweiz. Industrieästhetik, indem traditionelle Gestaltungselemente auf Massenerzeugnisse (Textilien, Holzschnitzereien, Schmuck- und Silberwaren) übertragen wurden. Gegen Ende des Jahrhunderts wirkte sich der Einfluss der Reformbewegungen (Jugendstil, Arts-and-Crafts) auch in der Schweiz aus (Kunsthandwerk). Um die Konkurrenzfähigkeit der einheim. Industrieerzeugnisse zu fördern, wurden in Lausanne 1862 das Gewerbemuseum (Musée industriel), in Genf 1869 die Schule für angewandte Kunst (Ecole d'art appliqué à l'industrie) und in Zürich 1875 das Kunstgewerbemuseum und 1878 die Kunstgewerbeschule eröffnet. Wichtiger Motor für die Entwicklung des D.s war 1913 die Gründung des Schweizerischen Werkbundes (SWB) und dessen Westschweizer Schwesterorganisation L'Œuvre. Beide setzten sich für eine neue "Entwurfsmoral" ein, um die Konkurrenzfähigkeit der nationalen industriellen Qualitätsarbeit zu stärken. Zusätzl. Auftrieb erhielt das D. durch den Bundesbeschluss zur Förderung der angewandten Kunst mittels Ausstellungen, Subventionen und Stipendien (1917). Unter dem Eindruck der wachsenden sozialen Probleme und der Wohnungsnot nach dem 1. Weltkrieg forderte der SWB preiswerten Wohnraum und erschwingl. Einrichtungsgegenstände durch Standardisierung und industrielle Produktion. Höhepunkt der Moderne und des Neuen Bauens in der Schweiz war 1931 der Bau der Werkbund-Siedlung Neubühl bei Zürich. Aus dieser ging 1932 die Gründung der Wohnbedarf AG hervor, die Produktion und Verbreitung dauerhafter und preiswerter Standardmöbel als Ausdruck einer umfassenden Lebensreform sah (Möbelindustrie). Eine wichtige Figur dieser ersten Moderne mit weltweiter Ausstrahlung war Le Corbusier.

Der 2. Weltkrieg führte gestalterisch zu einer Rückwendung zum Heimatstil; eine Ausnahme bildete der "Landi-Stuhl" aus Leichtmetall, den Hans Coray gemeinsam mit der Firma Blattmann für die Landesausstellung 1939 entwickelte. 1945 wurde die Wohnhilfe gegründet, um einfache Möbel für den Wiederaufbau Europas zu produzieren. Zahlreiche junge Designer und Architekten, welche die Entwicklung der Nachkriegszeit prägen sollten, schlossen sich an, z.B. Willy Guhl und Wilhelm Kienzle. Zu den Pionieren des Industrie-D.s gehörten ferner Hans Hilfiker, u.a. mit seiner heute noch allgegenwärtigen Bahnhofuhr, sowie Hans Bellmann mit seinen Entwürfen für Lavabos und Mischbatterien. 1949 organisierte Max Bill die erste Ausstellung "Die gute Form" für den SWB, der von 1952-68 jährlich die gleichnamige Auszeichnung verlieh. 1964 erfolgte die Gründung des Berufsverbandes der Schweizer Industrial Designer (SID). Die Kritik am Funktionalismus in den 1970er Jahren führte auch im Schweizer Möbeldesign zu einer neuen Manierismus-Bewegung und zu einer Popularisierung des D.-Begriffs. Das traditionsreiche Uhren-D. erlebte in diesem Zuge in den 1980er Jahren dank der Swatch-Uhr eine Neubelebung. Auch im Bereich der Investitionsgüter ist D. heute Bestandteil der Produktions-, Verkaufs- und Markenstrategie.

Auf institutioneller Ebene sind für die Entwicklung des D.s von Bedeutung: Die Museen für Gestaltung in Zürich und Basel, das Musée des arts décoratifs in Lausanne, die Veranstaltung Designers' Saturday in Langenthal (seit 1987), die Zeitschrift "Hochparterre" (seit 1988), das Vitra D. Museum im benachbarten Weil am Rhein (seit 1989), der Dienst für Gestaltung im Bundesamt für Kultur (seit 1992), der D. Preis Schweiz (seit 1991) und das Forum für Gestaltung Bern (seit 1998). Mit der Umwandlung der Kunstgewerbeschulen zu Hochschulen für Gestaltung und Kunst (HGK) wird die gestalter. Ausbildung einerseits dem europ. Ausland angeglichen und andererseits um den Aspekt der Forschung erweitert. Seit 2004 werden die Forschungsanstrengungen der Hochschulen für Gestaltung und Kunst im Swiss Design Network gebündelt und vorangetrieben.


Literatur
D.-Formgebung für jedermann, Ausstellungskat. Zürich, 1983
Schweizer D.-Pioniere, 1984-1991
– G. Frey, Schweizer Möbeldesign, 1927-1984, Ausstellungskat. Lausanne, 1986
Mobilier suisse, Ausstellungskat. Paris, 1989
Hans Bellmann, Ausstellungskat. Basel, 1991
– S. von Moos, «Svizzera: appunti per una storia del disegno industriale elvetico», in Storia del disegno industriale 3, 1991
AH 11
– E. Holliger, Swiss standards, 1994
K+A 48, 1997, H. 3, 2-59
Made in Switzerland, Ausstellungskat. Lausanne, 1997
– «D.-Positionen im 20. Jh.», in ZAK 58, Heft 3, 2001
Swiss made: aktuelles Design aus der Schweiz, Ausstellungskat. Köln, 2001
– L. Schilder Bär, N. Wild, Designland Schweiz, 2001

Autorin/Autor: Eva Gerber