Schänis (Stift)

Ehem. adliges Damenstift, in der Gem. S. SG gelegen. Mitte 9. Jh. monasterium Skenninis, 1240 Scandensis ecclesia, 1264 gotzhus Schennis. Das Stift wurde zwischen 806/807 und 823, wohl nach 814, durch Gf. Hunfrid von Rätien zu Ehren der sich in seinem Besitz befindenden Christusreliquien vom Hl. Kreuz- und vom Hl. Blut gegründet. Auf die Hunfridinger folgten als Eigenkirchenherren die Lenzburger, die Kyburger und die Habsburger. Ein bedeutender Förderer von S. war Gf. Ulrich I. von Lenzburg. Da in den beiden Verbrüderungsbüchern von St. Gallen und der Reichenau aus dem 9. Jh. die Namenslisten der Konvente von St. Stephan in Strassburg und S. einander unmittelbar folgen, liegt der Schluss nahe, S. sei eine Tochtergründung des Strassburger Damenstifts. Regelmässige Beziehungen pflegte S. zum Kloster Säckingen. Kg. Heinrich III. stellte die Abtei 1045 unter seinen Schutz und gewährte ihr das Recht auf freie Wahl der Äbtissin. Spätestens unter den Lenzburgern im 11. Jh. wurde der Märtyrer Sebastian Patron des Klosters. Das Stift hatte im MA Rechte über zahlreiche Kirchen in der Region, insbesondere über die Kirche und Grosspfarrei S. selbst.

Das Kloster hatte seinen Hauptbesitz im Gasterland, daneben aber auch Güter und Rechte im Zürichbiet und im Aargau (Knonau, Reitnau, Niederwil, Mellingen, Wohlen, Wettingen). Es verfügte ausserdem über einen reichen Viehbestand und mehrere Alpen, v.a. im Weisstannental. Für die aarg. und die zürcher. Besitzungen war ein ständiger Ammann in Zürich zuständig. 1405 ging S. ein Burgrecht mit Zürich ein.

1438-1798 lag das Stift S. im Gebiet der schwyz.-glarner. gemeinen Herrschaft Gaster, die von einem nicht residierenden Landvogt und einem Untervogt in S. verwaltet wurde. 1529 kam es zum Bildersturm durch die zur Reformation übergetretene Landbevölkerung; v.a. Schwyz setzte ab 1531 die Rekatholisierung durch. Verheerende Brände verwüsteten 1585 und 1610 die Stiftsgebäude; der zweiten Katastrophe fiel auch das Archiv mit den Schirmbriefen, Privilegien und Statuten zum Opfer. Ab dem SpätMA war S. ein weltl. Kanonissenstift unter einer Äbtissin, der einzigen geistl. Person im Kloster. Das Stift gehörte zum Bistum Chur. Mindestens dreissig Jahre alt, legte die Äbtissin die Gelübde vor dem Bischof ab, der sie mit Abtsstab und Ring ausstattete. Die adligen Chorfrauen, in neuerer Zeit in der Regel sechs an der Zahl, immer wieder auch mehr, stammten meist aus dem südschwäb. und elsäss. Ritteradel, kaum aus der kath. Schweiz, was das Stift dem Land entfremdete. Ein Platz im Stift konnte nur mit einer Aussteuer und einem Leibgeding in beträchtl. Höhe erworben werden. Die Äbtissin führte den Titel einer Reichsfürstin, das Stift war indes im Reichstag nicht vertreten. Es war weder Landes- noch Gerichts-, wohl aber Grund- und Leibherr.

In den Wirren der Franz. Revolution kämpften bei S. 1798 österr. und franz. Truppen gegeneinander, die Existenz des Stifts war gefährdet. In dieser Lage setzte sich einer der späteren Gründer des Kt. St. Gallen, Karl Müller-Friedberg, erfolgreich für das Stift ein, so dass dieses die Zeit der Helvetik überstand. Er liess indes das in seinen Augen nicht mehr lebensfähige Stift 1811 aufheben. Der Bf. von Chur akzeptierte die Aufhebung als unvermeidlich. Die Stiftsdamen erhielten jährl. Pensionen auf Lebenszeit. Ab 1869 boten die Stiftsgebäude den aus dem Thurgau vertriebenen Schwestern von St. Katharinental Zuflucht. Seit den 1920er Jahren ist das Schäniser Kreuzstift ein Alters- und Pflegeheim, das heute von Steyler Missionsschwestern geführt wird.

Von der karoling. Kirche zeugen zu Beginn des 21. Jh. nur mehr Spolien, von der rom. Basilika aus dem frühen 12. Jh. zudem noch einige Mauerabschnitte und Arkadenpfeiler. 1486-87 wurde der Turm, 1506-07 der got. Chor errichtet. Die Kirche wurde 1778-81 barock umgestaltet sowie 1910-12 erheblich vergrössert. Der Turm der ehem. Kapelle St. Gallus ist der einzige in der Schweiz erhaltene runde Kirchturm aus rom. Zeit.


Archive
– StiA St. Gallen
Literatur
Kdm SG 5, 1970, 158-257
HS IV/2, 435-458

Autorin/Autor: Lorenz Hollenstein