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Meilen (Gemeinde)

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Polit. Gem. ZH, Hauptort des gleichnamigen Bezirks. Am Abhang des Pfannenstiels, am rechten Zürichseeufer gelegen, bestehend aus den Ortsteilen Feld-, Dorf-, Ober- und Bergmeilen, den Weilern Burg und Toggwil sowie Einzelhöfen oberhalb des Siedlungsgürtels, der bis über die erste Geländeterrasse hinaus reicht und in Obermeilen den einstigen Weiler Dollikon umschliesst. 820/880 Meilana. 1634 1'107 Einw.; 1697 1'590; 1799 3'034; 1850 3'065; 1900 3'213; 1950 5'992; 1970 9'881; 2000 11'480.

1 - Ur- und Frühgeschichte

Wie überall im Zürichseebecken stehen in M. alt- und mittelsteinzeitl. Funde noch aus. Im Neolithikum setzte schon vor 4000 v.Chr. in der siedlungsgünstigen Uferzone an den Plätzen M.-Im Grund und M.-Schellen der Bau von Dörfern ein. Weitere Anlagen folgten in Obermeilen-Rorenhaab und Feldmeilen-Vorderfeld. Die Bauhölzer konnten in vielen Fällen dendrochronologisch datiert werden. Die Siedlungen bestanden trotz grosser räuml. Nähe z.T. gleichzeitig. Auch während der Bronzezeit entstanden Dörfer von unterschiedl. Siedlungsdauer. Das Fundspektrum ist reichhaltig und weist neben der stets vorhandenen Keramik und den üblichen Stein-, Silex-, Ton-, Geweih- und Knochengeräten sowie Haustierknochen auch manche Besonderheit auf.

Die Siedlungsstelle M.-Im Grund wurde 1936 entdeckt. Sie weist zuunterst eine Schicht des frühen zentralschweiz. Cortaillods (vor 4000 v.Chr.) auf, darüber eine Schicht mit Material des mittleren Pfyn (3740 v.Chr.) und zuoberst eine Schicht der Horgener Kultur. Die Station wird durch den Schiffsverkehr stark beeinträchtigt.

Die Station M.-Schellen ist seit 1932 bekannt, das Zentrum der Fundstelle wurde 1970 durch Aufschüttungen ohne Untersuchung zerstört. Zuunterst liegen zwei Schichten des frühen und des klassischen zentralschweiz. Cortaillods (vor 4000 sowie vermutlich 3840-3823 v.Chr.), dann folgen drei Schichten der mittleren und späten Pfyner Kultur (3829-3802, 3759-3736 und 3680 v.Chr.), eine Schicht der Horgener Kultur, je eine der älteren bzw. spätesten Schnurkeramik (2722-2709 bzw. 2509-2484 v.Chr.), sowie eine Schicht der Frühbronzezeit mit zwei Hausgrundrissen und weiteren Pfostenstellungen in Pfahlschuhen (1647-1641 v.Chr.) und eine Phase der Spätbronzezeit (964 v.Chr.). Im neolith. Fundmaterial sind vielfältige Holzgeräte sowie Stoff- und Schnurreste von Bedeutung. Frühbronzezeitlich sind u.a. ein Randleistenbeil, ein Dolch, eine Flügelnadel und eine Armspange. Aus der Spätbronzezeit stammen u.a. eine Vasenkopfnadel, Ringe, Messer, Angelhaken und ein Pfriem (alles aus Bronze).

Forschungsgeschichtlich wichtig ist der Pfahlbau Obermeilen-Rorenhaab. Erste Objekte fand man bereits 1829 und 1851, ohne dass ihre Bedeutung erkannt wurde. Bei extrem tiefem Wasserstand im Winter 1853-54 sammelte der Dorfschullehrer Johannes Aeppli die sichtbaren Funde ein und legte sie dem Archäologen Ferdinand Keller vor, der nach Besichtigung der Fundstelle seine Pfahlbautheorie formulierte (Pfahlbauer). Baggerungen, eine Tauchgrabung und Sondierungen brachten folgende Schichten zutage: klassisches zentralschweiz. Cortaillod (nach 4000 v.Chr.), vier Horizonte der klass. und der späten Pfyner Kultur mit Struktur- und Brandresten (Dendrodaten 3741, 3689 und 3423-3406 v.Chr.), darüber drei Schichten der mittleren und der späten Horgener Kultur ebenfalls mit Bauresten und Brandhorizont (2998-2988 bzw. 2896-2890 v.Chr.), zuoberst zwei Schichten der Schnurkeramik mit Brandresten (Schlagphasen 2698-2687, 2664 und 2618 v.Chr.). Rund 40 m westlich liegt ein Pfahlfeld der Frühbronzezeit (1663 und 1604 v.Chr.). Im Fundmaterial erwähnenswert sind Perlen aus Ton und Bernstein, Netzreste sowie wenige Bronzeobjekte (drei Dolchklingen, eine Nadel, ein Angelhaken), ausserdem die Skelettreste eines Kindes und eines Erwachsenen.

Die Station Feldmeilen-Vorderfeld war schon im 19. Jh. bekannt. In der 2. Hälfte des 20. Jh. wurden Hausgrundrisse der mittleren Pfyner Kultur (ca. 3750-3700 v.Chr.) sowie Hausstandorte und Dorfzäune der späten Horgener Kultur (3239-3237, 3217-3195 v.Chr. bzw. 3040-3023 v.Chr.) offen gelegt, des Weiteren Schichten der Schnurkeramik (2746, 2652-2648 v.Chr.), der Frühbronzezeit (1737, 1645, 1602-1590, 1523 v.Chr.) und der Spätbronzezeit (892 v.Chr.). Bemerkenswert sind ein Horgener Gefäss mit stilisierter Menschenfigur, Webgewichte mit Sonnen- und Hausmotiven, Holzobjekte, Gewebe- und Netzreste, Schmuck (gelochte Tierzähne, eine Flügelperle und Röhrenperlen aus Stein), ein tönerner Schmelztiegel und zwei Kupferpfrieme. In den Horgener Schichten befand sich das Skelett eines Mannes, der vermutlich durch Pfeilschüsse von hinten getötet worden war.

Wenig ist über den nur 500 m entfernten Pfahlbau in Feldmeilen-Plätzli bekannt, der oft mit Feldmeilen-Vorderfeld verwechselt wird. Gesichert sind eine Pfyner Kulturschicht sowie zwei Schichten der Horgener Kultur.

Autorin/Autor: Gisela Nagy-Braun

2 - Von der Römerzeit bis in die Gegenwart

Eine röm. Villa mit Portikus und Ecktürmen stand auf der Appenhalten in Obermeilen. Die frühe alemann. Besiedlung ist durch Grabfunde aus der 1. Hälfte des 7. Jh. bezeugt, namenkundlich belegt ist die Besiedlung am Uferstreifen und in Toggwil, mit einem Siedlungskern um die Kirchgasse und Hofstetten.

Im MA bildete M. eine Vogtei. Die das Wappen von M. prägende Burg Friedberg wurde um 1200 errichtet. Als Besitzer wird 1306 Frh. Lütold VIII. von Regensberg genannt. Um 1311/21 ging sie an den Zürcher Ritter Gottfried Mülner, der sie ausbaute. Die Burg wurde wohl ab 1360 nicht mehr bewohnt und war spätestens 1487 eine Ruine. In Bünishofen (Feldmeilen) lag eine - bisher unerforschte - kleine Burg des Klosters St. Gallen.

Eine erste Kirche entstand Anfang 7. Jh. Die an deren Stelle in der 1. Hälfte des 8. Jh. errichtete und dem hl. Martin geweihte Kirche schenkte Ks. Otto I. 965 dem Kloster Einsiedeln, das bis 1814 die Kollatur- und Zehntrechte ausübte. Eine dritte und vierte Kirche (11., bzw. 14. Jh.) waren der Jungfrau Maria geweiht. Die heutige Kirche mit dem von Hans Felder inspirierten spätgot. Polygonalchor entstand 1493-95 auf die Initiative der Kirchgenossen hin. Über die Reformation hinaus setzte das Kloster Einsiedeln bis 1819 den Pfarrer ein, bis 1682 umfasste die Kirchgemeinde M. auch Uetikon am See. 1951 wurde wiederum eine röm.-kath. Kirche gebaut und dem hl. Martin geweiht.

Günstige Voraussetzung für die Gemeindebildung war die gemeinsame Verantwortung der Gotteshausleute für Wegbau und Dienstleistungen. Als zürcher. Vogtei stellte M. den von einer Gemeindeversammlung nominierten Untervogt. Gemeindegut und Säckelmeister sind 1492 belegt, Kirchengut 1589, Gemeinde- oder Gesellenhaus, eines der ältesten des Kantons, 1621, Gemeindemetzgerei und Gemeindeplatz am See 1639. Ab 1623 wurden von Zuwanderern hohe Einzugsgebühren erhoben; damals erfolgte die Beschränkung der Allmendnutzung auf 30 alte Geschlechter, deren Angehörige noch heute einzig Berechtigte der Dorfkorporation sind. Nebst der einheim. Oberschicht wohnten in den Sommermonaten patriz. Geschlechter der Stadt Zürich auf ihren Landsitzen in M.

Vom 16. Jh. bis 1862 waren die Wachten Feld-, Dorf- oder Niedermeilen (dieses bald geteilt in Grund und Kirchgass) und Obermeilen für Feuerwehr und Wegunterhalt zuständig. Mit der Schulgenossenschaft Bergmeilen (ab 1812) bildete sich ein bis 1920 bestehendes, neuartiges System von bis heute identitätsstiftenden Schulwachten. Im 17. Jh. begann ein schubweises Bevölkerungswachstum. Nach einer Stagnation im 19. Jh. vervierfachte sich - begünstigt durch den Bahnanschluss - die Einwohnerzahl im 20. Jh. annähernd.

Primäre Verkehrsachse war ursprünglich der See. Die alte Landstrasse und der Heerweg in Bergmeilen blieben sekundär. Ab 1835 verkehrten Dampfschiffe, 1855 folgte der Bau der Seestrasse durch M., 1894 die Eröffnung der Bahnlinie und 1933 die Inbetriebnahme der Autofähre Horgen-M., die zu Beginn des 21. Jh. bezüglich Personenaufkommen das zweitgrösste Schifffahrtsunternehmen der Schweiz ist.

Vom 13. Jh. bis um 1900 war Rebbau die Haupterwerbsquelle, ergänzt durch Obst- und ein wenig Getreidebau sowie Viehwirtschaft. Um 1900 war fast jeder zweite Einwohner Bauer und M. die grösste Rebbaugemeinde der Schweiz. Von ursprünglich vier Mühlen hatten die "obere" und die "untere" am Dorfbach Bestand, die "obere" bis in die 1930er Jahre als Sägewerk. Bis 1931 wurde bei der "unteren" Mühle eine Gerberei betrieben. Die Fam. Erhardt übte in ihrer Schmiede noch bis ins 19. Jh. das Waffenhandwerk aus. Grosse Bedeutung kam im 18. Jh. der Heimindustrie, hauptsächlich der Mousselineweberei, zu. Am Ausgang der Bachtobel entstanden nach 1816 drei kleinere mechan. Baumwollspinnereien, dazu 1809 die Kattundruckerei Johann Reyhners. Sukzessive fand bei der mechan. wie bei der Heimindustrie eine Umstellung auf Seidenweberei statt, winterl. Zusatzverdienst für die Landwirte. Die Fam. Wunderli, Inhaberin der Gerberei, betrieb in- und ausserhalb M.s versch. Baumwollspinnereien, die bis zu 2'700 Arbeitskräfte beschäftigten. Aus einer der Spinnereien in M. entwickelte sich die Pumpen- und Filterfabrik Häny & Cie AG (bis 2007). 1863 wurde eine Zeitungsdruckerei eingerichtet, die bis 1945 das "Volksblatt des Bezirkes Meilen" herausgab (heute "Meilener Anzeiger"). An der Bahnlinie entstand 1897 die Fabrik für alkoholfreie Weine, aus der 1928 bzw. 1929 die Produktion AG der Migros hervorging (heute Midor AG), des Weiteren 1900 die Möbelfabrik Aeschlimann (bis 1970er Jahre). In Feldmeilen war 1917-99 die Kaffee Hag AG domiziliert, in Obermeilen ab 1931 die Schweizer Getränke AG. 1912 eröffnete in M. die Psychiatr. Klinik Hohenegg, 1963 das Alterszentrum Platten. 2005 stellte der 3. Sektor rund zwei Drittel der Arbeitsplätze in M., der Wegpendleranteil belief sich 2000 ebenfalls auf rund zwei Drittel.

Autorin/Autor: Peter Kummer

Quellen und Literatur

Literatur
– J. Winiger, Feldmeilen Vorderfeld, 1981
SPM 2, 310 f., 315; 3, 382
– P. Ziegler, P. Kummer, Gesch. der Gem. M., 1998
– U. Hügi, M.-Rorenhaab, 2000
– K. Altorfer, A.-C. Conscience, M.-Schellen, 2005