01/09/2003 | Rückmeldung | PDF | drucken | 
No 1

Castellio, Sebastian

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit einem Bild illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

geboren 1515 Saint-Martin-du-Fresne (Savoyen),gestorben 29.12.1563 Basel. Sohn eines Bauern. Nach humanist. Studien in Lyon und dem Übertritt zur Reformation begab sich C. 1540 als Mitarbeiter Johannes Calvins nach Strassburg. 1541 wurde er zum Rektor des Collège de Rive in Genf ernannt ("Dialogi sacri" 1542). Nach dem Zerwürfnis mit Calvin liess sich C. 1545 in Basel nieder, wo er als Korrektor beim Drucker Johannes Oporinus tätig war. Um 1553 wurde er zum Prof. für Griechisch an die Universität berufen. Ein halbes Jahr nach der Hinrichtung Michel Servets in Genf (1553) gab C. das Werk "De haereticis an sint persequendi" heraus, eine Sammlung älterer und zeitgenöss. Aussagen gegen die Ketzertötung (u.a. von Martin Luther, Johannes Brenz, Erasmus, Sebastian Franck, Augustin, Laktanz, Johannes Chrysostomus). Wichtigster Eigenbeitrag C.s war die Einleitung unter dem Pseudonym Martinus Bellius. Damit wurde die Toleranzdebatte mit Calvin und Theodor Beza eröffnet, in deren Verlauf C. noch weitere Streitschriften zugunsten der (stets biblisch begründeten) Toleranz verfasste. Daneben gab er zwei vollständige Bibelübersetzungen (lat. 1551, franz. 1555), die Werke mehrerer griech. Autoren (Xenophon, Herodot, Diodor, Homer, Thukydides) sowie die spätma. Erbauungsschriften "Theologia Deutsch" und "Imitatio Christi" heraus. Die Auseinandersetzungen mit den Genfer Theologen brachten ihn mit der Zeit auch in Basel in Schwierigkeiten (u.a. wegen seiner Kritik an der calvinist. Prädestinationslehre). Einer möglichen und offensichtlich erwogenen Übersiedlung nach Polen kam der Tod zuvor. C.s letztes Werk, "De arte dubitandi" (erste vollständige Ausgabe 1981), schlägt eine ideengeschichtl. Brücke zu den Anfängen rationalist. Denkens. Das hist. Hauptverdienst des Humanisten C. ist seine Verteidigung von Toleranz und Religionsfreiheit sowie seine Ablehnung der Tötung von Menschen aus religiösen Gründen. In den Niederlanden, in England, bei den dt. Lutheranern gemässigter und frühpietist. Richtung sowie in Polen bei den Sozinianern wirkten seine Ideen noch lange nach.


Literatur
– H.R. Guggisberg, Sebastian C. 1515-1563, 1997

Autorin/Autor: Hans R. Guggisberg